Was werden wir in Zukunft essen? – die Frage klingt so arglos. Doch wer sie beantworten will, schweift schnell ab: Vom Küchentisch in den Supermarkt, von dort zu den Schlachthöfen, durch Kuh- und Schweineställe, über Maissilos und -felder in die Forschungslabore von Saatgutherstellern und tiermedizinischen Instituten. Und zurück in die Köpfe der Verbraucher: Mit gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln sind viele Ängste verbunden, aber auch mächtige wirtschaftliche Interessen .

CDU und SPD haben sich darum in ihrem Koalitionsvertrag darauf verpflichtet, mit einem neuen Gentechnikgesetz klare Regeln dafür zu schaffen, unter welchen Bedingungen Lebensmittel gentechnisch veränderte Organismen enthalten dürfen. Nach nunmehr zwei Jahren haben sie sich auf einen Kompromiss geeinigt . Am heutigen Freitag wurde das Gesetz im Bundestag verabschiedet.

Schon vor vier Jahren hat die Europäische Kommission nämlich eine Richtlinie erlassen, welche die Kennzeichnung von solchen Lebensmitteln vorschreibt, die gentechnisch verändert wurden oder entsprechende Zutaten enthalten.

Die bisherige Regelung gilt im Grundsatz weiter. Beispiel Tiefkühlpizza: Die modifizierte Stärke und Belag aus Vorderschinken interessieren uns besonders. Wäre die Stärke zum Beispiel aus einem Mehl der transgenen Maissorte Mon 810 (siehe dazu: Die wichtigsten Fragen zur grünen Gentechnik ) hergestellt, dürfte die Pizzapackung nur im Tiefkühlregal liegen, wenn in der Zutatenliste auf der Rückseite der Hinweis „Stärke aus genetisch verändertem Mais hergestellt“ auftauchte. Diese Kennzeichnungspflicht gilt jedoch erst ab einem Anteil von 0,9 Prozent transgener Stärke – weil unbeabsichtigte Verunreinigungen, zum Beispiel beim Transport auf offenen Lastern, nicht immer auszuschließen sind. Das Fehlen eines solchen Warnhinweises bedeutet also noch lange nicht, dass nicht doch Spuren von genmanipulierten Zutaten enthalten sind.

Noch komplizierter wird es beim Schinken. Stammte dieser von Schweinen, die mit dem Mon 810 -Mais gefüttert wurden, würde die Kennzeichnungspflicht entfallen, der Genmais ist ja keine direkte Zutat, so die Logik der EU. Im Umkehrschluss bedeutet das aber, dass Hersteller auch nicht darauf hinweisen können, dass sie auf genetisch veränderte Futtermittel verzichten – weil ja in beiden Fällen keine Kennzeichnung vorgesehen ist.

Diese Lücke soll in Deutschland nun mit dem neuen Gesetz geschlossen werden. Landwirte und Lebensmittelproduzenten, die ausschließlich herkömmliche Pflanzen verfüttern, dürfen ihre Erzeugnisse künftig als „Gentechnik-frei“ kennzeichnen.

Doch auch hier gibt es zwei Ausnahmen: Medikamente, die kranken Tieren verabreicht werden (müssen), werden heute fast ausschließlich mit Hilfe der Gentechnik hergestellt. Ein drastisches Beispiel sind sicherlich Impfstoffe gegen die Vogelgrippe, nach denen Forscher derzeit suchen. Doch auch in anderen Fällen sind Tierärzte verpflichtet, erkrankte Bestände medikamentös zu behandeln. Manche Bioverbände schreiben darum Obergrenzen für die Verabreichung von Medikamenten vor.

Ein zweiter Fall sind Futterzusatzstoffe (Enzyme). Diese dürfen, wenn sie auf dem Markt nicht anders zu beschaffen sind, aus der Genforschung stammen. Das ist bislang nur hypothetisch so, nach Auskunft des Verbraucherschutzministeriums gibt es in der EU noch keine zugelassenen transgenen Futterzusätze.

Beim Einkauf im Supermarkt müssen Kunden, die sich ohne gentechnisch veränderte Lebensmittel ernähren wollen, darum künftig in mehreren Schritten prüfen:

1. Trägt das Produkt die Aufschrift „Gentechnik-frei“? Dann können sie bei Einzelprodukten (zum Beispiel Schnitzel oder Milch) davon ausgehen, dass weder das Tier selbst noch sein Futter genetisch manipuliert wurden. Es ist zu erwarten, dass diese Kennzeichnung wegen ihrer Werbewirkung sehr gut erkennbar sein wird, auch wenn es vorerst kein einheitliches Siegel geben wird.

2. Ist irgendwo im Kleingedruckten der Hinweis „genetisch verändert“ oder „aus genetisch veränderten ...“ zu finden, ist entweder das Gemüse (zum Beispiel der Dosenmais) eine genmanipulierte Sorte oder eine der Zutaten (zum Beispiel das Maismehl im Teig der Tiefkühlpizza) ein Produkt der Genforschung.

3. Besonders genau hinschauen sollten Verbraucher bei mais- und sojahaltigen Produkten: Diese beiden Gemüse sind bislang die einzigen Spezies, von denen in Europa genmanipulierte Sorten erlaubt sind. Soja, das häufig zu Lecithin verarbeitet wird, ist auf dem Weltmarkt fast nur noch als Gen-Variante erhältlich.

4. Selbst wenn keiner der vorhergehenden Fälle zutrifft, können unter – zugegebenermaßen sehr eng begrenzten – Umständen gentechnisch veränderte Substanzen eine Rolle in der Herstellung gespielt haben. Diese Wahrscheinlichkeit ist am geringsten bei Produkten, die ein Bio-Siegel tragen – hier gelten die schärfsten Vorschriften, die allerdings jeder Verband ein bisschen anders handhabt.

Obwohl auch die neue Regelung den versehentlichen Griff zum Produkt mit gentechnisch veränderten Zutaten nicht hundertprozentig ausschließen kann, bezeichnen Verbraucherschützer das neue Gesetz als die momentan bestmögliche Lösung. Denn für den Kunden bestehe erstmals überhaupt eine Wahlmöglichkeit.

Wie geht es aber für die Landwirte weiter? In den von kleinen Feldern geprägten Gebieten im Westen Deutschlands wird sich erst einmal nicht viel ändern: Gentechnisch manipuliertes Saatgut ist teuer und lohnt sich nur auf großen Flächen. So erklärt sich auch, dass die überwiegende Zahl der mit Genmais bebauten Äcker im Osten liegt , wo große Monokulturen verbreiteter sind.

Diesen Trend werden die Abstandsregelungen, die mit der Novelle des Gentechnikgesetzes nun verbindlich vorgeschrieben werden, weiter verstärken. Bauern, die künftig Bt-Mais anbauen wollen – andere Pflanzen sind in Deutschland bislang sowieso nicht zugelassen – müssen einen Mindestabstand von 150 Metern zu anliegenden Feldern einhalten. Ist der Nachbar Bio-Bauer, müssen es sogar 300 Meter sein.

Allerdings dürfen diese Entfernungen unterschritten werden, wenn sich alle Anlieger eines Feldes damit einverstanden erklären. Tun sie es nicht, haftet der Gen-Bauer für alle entstehenden Schäden. Die größte Befürchtung ist, dass auch als genfrei geltende Bestände durch fliegende Pollen und Bienen „verunreinigt“ werden. Weil das niemand mit Sicherheit ausschließen kann, zählt die Ernte als gentechnisch unverändert, solange sie weniger als die erwähnten 0,9 Prozent transgener Bestandteile enthält.

Warum aber wird hier mit zweierlei Maß gemessen? Wenn 150 Meter im konventionellen Anbau als sicher gelten, warum sollen dann Biobauern 300 Meter Abstand halten? Die Antwort liegt in der Logik des Gesetzes, die auf die Regeln des Marktes baut. Weil Handelsunternehmen für Produkte, die als Bio-Ware verkauft werden, oft strengere Reinheitsgebote haben als die von der EU vorgesehenen 0,9 Prozent, entstünde Biobauern selbst durch marginale Verunreinigungen ein sehr viel höherer Schaden – den sie dann vom Verursacher, also dem Eigner des Genfeldes nebenan, einfordern können.

Kritiker – vorneweg die Umweltverbände – sind mit dieser Lösung unzufrieden, weil sie gentechnikfrei arbeitende Landwirte dennoch schlechter stelle. Was passiert, wenn Bio-Ernten trotz des Sicherheitsabstandes von 300 Metern verunreinigt werden? Die Gefahr ist – solange nur Gen-Mais angebaut wird – relativ gering, da die aus Südamerika stammende Pflanze nur schlecht an die europäischen Bedingungen angepasst ist. Sollten aber eines Tages transgene Kartoffeln oder Raps zugelassen werden, wird sich diese Frage neu stellen.

Bislang liegen nur 0,1 Prozent der weltweit mit genmanipulierten Pflanzen bebauten Ackerfläche in Europa. In Deutschland liegt die Verbreitung, auf die Gesamtmenge aller Felder gerechnet, allenfalls im Promille-Bereich. Doch das dürfte sich ändern. Denn mit dem neuen Gentechnikgesetz wird auch die Erforschung und der versuchsweise Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut erleichtert; Antrags- und Genehmigungsverfahren sollen vereinfacht werden. Schaut man sich die Entwicklung in Lateinamerika und den USA an, wo genmanipulierte Felder längst zum Alltag gehören , wird sowieso klar, dass sich der europäische Markt nicht auf immer und ewig abschotten lässt .