GewaltdebatteDer Blick ins Milieu

Deutschland diskutiert die Jugendgewalt - und vernachlässigt dabei die sozialen Hintergründe dieses Problems. Ein Kommentar. von 

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Es ist eine Katastrophe, wenn Menschen einander mit Gewalt begegnen. Ob in U-Bahnen, in Schulen oder in Fußballstadien. Ob in München, Halberstadt, Mölln oder Berlin. Darüber eine öffentliche Diskussion zu führen, ist mehr als berechtigt. Aber die Wahrnehmung dieser Problemlage gerät zurzeit etwas schief: Denn in Deutschland werden jedes Jahr weitaus mehr Ausländer aus rassistischen Motiven von Nicht-Migranten verprügelt, misshandelt und getötet als umgekehrt.

Über den Münchner Rentner entbrannte – zurecht – eine landesweite Debatte, aber die am 8. Januar in Hamburg in der U-Bahn angegriffene, mit Flaschen beworfene und verletzte iranische Frau und der aus Nigeria stammende Tagesspiegel-Bote, der am 5. Januar in Berlin Spandau mit den Worten "Nigger, was machst Du hier in Deutschland?" attackiert und zusammengeschlagen wurde, fanden wenig mediale Aufmerksamkeit.

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Es wird zweierlei Maß angelegt: Gewalttaten, die von Migranten verübt werden, erregen die Gemüter, deutschstämmige Täter hingegen werden nicht groß zur Kenntnis genommen. Wenn FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher den angeblichen ideologischen Charakter einiger jugendlicher Schläger mit migrantischem Hintergrund herausstreicht, fragt man sich, woher er die Zahlen nimmt, die ihn zu solch einer Theorie veranlassen. Denn nur sehr wenige ausländische Täter haben ihre Übergriffe mit deutschfeindlichen Parolen begleitet. Seine Theorie ist genauso akademisch wie am Leben vorbeigezielt. Und um eine griffige Theorie zu schustern, bläht er Einzelfälle deutschfeindlicher Schläger zu einem fundamentalistischen motivierten Masterplan auf. Er lässt dabei außer Acht, dass junge Migranten Gewalt meist untereinander austragen.

Und man sollte die Milieus auch kennen, über die man schreibt. Ich habe neun Jahre in Berlin in Vierteln gelebt, in denen diese Milieus zuhause sind - in Neukölln und in Kreuzberg. In einem Haus fanden in meiner Mietszeit ein Mord, ein Selbstmord und Brandstiftung statt. Ich werde nie vergessen, wie meine Hauswartsfrau zu mir sagte, während wir uns beide bei Aldi über die Tiefkühltruhe beugten: "Wissen Se, da mach ick die Tonne uff und da kiekt mir da so’n Been entjegen!" Danach hat die Polizei sechs Wochen lang unsere Mülltonnen im Hof kontrolliert, bis sie unseren ermordeten Nachbarn „beisammen“ hatte.

Ein Streit unter Säufern war dieser Horrortat vorausgegangen. Ständig fanden wir Studenten Blutlachen im Treppenhaus vor, wurden Zeugen von üblen Schlägereien und gewalttätigen Ehestreitigkeiten. Unsere Hausverwaltung hängte irgendwann hilflos ein Zettel im Gang auf: "Blut und Pisse jeder hinter sich selbst wegwischen!" Kurz: Das Problem waren nicht etwa einzelne gewalttätige Jugendliche, sondern das gesamte soziale Milieu. Und so etwas lässt sich nicht an der Anzahl polizeilich protokollierter Vorfälle messen.

Wir nicht eben zimperlichen Berliner Studenten gewöhnten uns daran, die Feuerwehr zu rufen und ansonsten selbst die Ärmel hochzukrempeln und unsere volltrunken herumliegenden oder sich prügelnden Nachbarn so gut es ging zu versorgen. Unterstützung erhielten wir stets von unseren migrantischen Nachbarn, die im Übrigen nie durchs Treppenhaus torkelten oder gewalttätig wurden. Und wer waren die Säufer, Brandstifter, Mörder und Schläger? In den fast zehn Jahren, die ich in Armutsvierteln der Hauptstadt gelebt habe, waren es immer deutschstämmige "Wendeverlierer West".

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