Gewaltdebatte Der Blick ins MilieuSeite 2/2
Migranten hingegen bilden im städtischen Raum oft ein sozial stabilisierendes Element: Den bevorzugt in Erdgeschosswohnungen untergebrachten arabischen oder türkischen Großfamilien kommt nicht selten eine Art Hauswartfunktion zu. Man wusste, da ist immer jemand zu Hause, kriegt mit, wenn etwas passiert. Allein die Anwesenheit der vielen Kinder auf den Hinterhöfen veranlasste manchen Randalierer, sich etwas zusammenzunehmen. Möbel regnete es auch nur, wenn die Kinderschar gerade mal nicht da war.
Meine persönlichen Erfahrungen decken sich durchaus mit den Ergebnissen bekannter Kriminologen und Gewaltforscher: Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) konstatiert, dass Jugendgewalt "weniger ein ethnisches, als ein soziales, familiäres und bildungspolitisches Problem ist. Mit anderen Worten: ein Unterschichtenproblem, das türkische und arabische Jugendliche mit deutschen teilten." Bei jungen Ausländern und bei jungen Deutschen, die in einer ähnlichen familiären und sozialen Situation aufwüchsen, sei die Gewaltrate gleich hoch. Auch die bekannte deutsch-türkische Publizistin Seyran Aytes verweist darauf, dass die Gewaltbereitschaft vergleichbarer sozialer Gruppierungen unabhängig von der Herkunft gleich niedrig oder hoch ist.
"Nicht die Hautfarbe oder Ethnie entscheidet, sondern die Chancen, die jemand in der Gesellschaft hat", pflichtet der Kriminalwissenschaftler Thomas Feltes von der Universität Bochum bei. "Aus statistischer Sicht ist die aktuelle Debatte deshalb absolut überflüssig." Und Jürgen Mansel, Gewaltforscher an der Universität Bielefeld, kritisiert: "Dass lange Jahre in Deutschland lebende Migranten sogar weniger oft Verbrechen begehen als ihre deutschen Mitbürger, kommt in der Statistik nicht vor."
Nach der aktuellsten BKA-Studie ist die Zahl der nichtdeutschen Straftäter gesunken, die der deutschen Straftäter dagegen gestiegen. In den letzten 15 Jahren ist die Zahl der von Nichtdeutschen aller Altersgruppen begangenen Straftaten insgesamt um ein Viertel zurückgegangen, ebenso sank die Zahl der Fälle von Gewaltkriminalität.
Die Frage nach der zunehmenden Gewalt in Deutschland muss daher wieder stärker unter sozialem als unter migrantischem Aspekt diskutiert werden. Schrille Thesen wie die von Schirrmacher sind gefährlich, weil sie zu unzulässigen Verallgemeinerungen über eine nicht eben kleine Bevölkerungsgruppe verleiten. Anstatt ein realistisches Bild über die Mehrzahl der hier friedlich lebenden Migranten zu entwerfen, wird der Verdacht genährt: Das sind alles junge ideologievergiftete Gewalttäter.
- Datum 23.09.2009 - 12:12 Uhr
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