ZEIT online: Herr Schroeder, ein Wirtschaftsmagazin bezeichnete Sie einmal als „Kämpfer für die produktive soziale Ungleichheit“. Was ist damit gemeint?

Klaus Schroeder: Ich trete für eine gewisse Ungleichheit der Gesellschaft ein. Durch sie entsteht Dynamik. Zu starke Gleichheit wiederum zerstört die Leistungsbereitschaft. Nehmen Sie das Beispiel der DDR: Dort haben selbst regimetreue Soziologen ab einem gewissen Zeitpunkt mehr soziale Ungleichheit gefordert, damit die Leute sich wieder mehr anstrengen. Viele Arbeiter haben ihre Kinder in der DDR zum Beispiel nicht mehr zum Abitur geschickt, weil sich das für sie kaum gerechnet hat. In der gegenwärtigen Debatte hat man den Eindruck, dass Gleichheit stets mit Gerechtigkeit verwechselt wird. Gleichheit ist aber nicht gerecht. Warum ist nicht Ungleichheit ebenso ein Wert wie Gleichheit? Das verstehe ich nicht.

ZEIT online: Entgegen vieler ihrer Kollegen sagen Sie sogar, dass es keine wachsende Ungleichheit in der deutschen Gesellschaft gibt.

Schroeder: Ja. Zumindest wenn wir das langfristig betrachten. Die Daten zu den durchschnittlichen Monatseinkommen geben das einfach nicht her. In Westdeutschland sind alle Indikatoren, mit denen Forscher die Ungleichheit in diesem Land messen, seit den 50er, 60er Jahren, relativ gleich geblieben. Mal schwankten sie nach oben, mal nach unten. Im Moment ist die Ungleichheit etwas geringer als in den frühen 60er Jahren, aber höher als in den 80er Jahren. Im internationalen Vergleich aber leben wir in einer nicht besonders ungleichen Gesellschaft.

ZEIT online:In den vergangenen sechs Jahren beobachten Ökonomen jedoch, dass sich die Einkommen auseinander bewegen.

Schroeder: Das ist kurzfristig gedacht. Die Daten variieren, andere Statistiken lassen auf eine weniger drastische Entwicklung schließen. Was wir stattdessen erleben, ist, dass 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung am unteren Rand der Gesellschaft abgekoppelt werden. Das geschieht offenbar dauerhaft. Während für weite Teile der Bevölkerung der Wohlstand ansteigt, wächst die Kluft zu diesen Menschen. Das erklärt zum Teil auch, warum die soziale Ungleichheit zuletzt angestiegen ist. Ob der Trend sich fortsetzt, muss sich noch erweisen. Klar ist: Wenn wir die mittleren 70 bis 80 Prozent unserer Gesellschaft betrachten, sind die Abstände noch immer relativ gering. Ein Facharbeiter und ein Professor verdienen netto nicht so unterschiedlich, wie viele Menschen denken. Die breite Masse ist von der wachsenden Ungleichheit überhaupt nicht betroffen. Das aber wird ignoriert.

ZEIT online: Warum?

Schroeder: Viele Deutschen haben eine schlechte Angewohnheit: Sie fühlen sich, als würden sie immer zu kurz kommen. Das hat auch etwas mit der Berichterstattung über die sogenannten Superreichen zu tun. Die Menschen überschätzen, was an der Spitze der Gesellschaft verdient wird. Damit meine ich nicht einige Manager, Sportler, Popstars, die in der Tat zum Teil unanständig viel verdienen. Ich meine die normalen Menschen, die in verantwortungsvoller Position tätig sind. Mit meinen Studenten mache ich gerne ein Spiel. Ich frage: Wie viel Haushaltsnettoeinkommen ist nötig, um zu den reichsten fünf Prozent der deutschen Bevölkerung zu gehören? Als Antwort bekomme ich dann oft Monatseinkommen in Höhe von 50.000, manchmal 75.000. In Wahrheit sind es - je nach Berechnungsmethode - 5000 bis 10.000 Euro. Die Superreichen, auf die sich die Medien und auch die Menschen fokussieren, sind nur ein minimaler Teil der Gesellschaft.

ZEIT online: Bei den Einkommen mag das stimmen. Bei den Vermögen aber driftet die Gesellschaft seit Jahren merklich auseinander.

Schroeder: Stimmt – und das ist logisch. Vermögen vermehrt sich, außer wenn es einen Börsencrash gibt. Allerdings gilt auch hier: Im internationalen Vergleich sind die Vermögen in Deutschland nicht so ungleich verteilt. Selbst in der DDR waren die Geldbestände ungleicher verteilt. Auf zehn Prozent der Sparkonten ruhten damals 60 Prozent des Vermögens. Die Besitzer waren Handwerker, Menschen mit West-Verwandtschaft, Künstler...