An diesem Mittwoch wird in einem Festakt im Frankfurter Römer der Gründung des ersten deutschen Jugendgerichts vor 100 Jahren gedacht. Bundesjustizministerin Zypries und Landesjustizminister Banzer werden Grußworte sprechen. Die Festrede hält der Autor des folgenden Beitrags. Er fragt, was uns das Jubiläum lehrt und wie es angesichts der im Hessen-Wahlkampf verhärteten Positionen zum Jugendstrafrecht weitergehen kann.

Am 30. Januar 1908 tagte erstmals ein Jugendgericht in Frankfurt am Main. Nach dem Vorbild amerikanischer juvenile courts – das früheste 1899 in Chicago – regten der Frankfurter Strafrechtsprofessor Berthold Freudenthal und der Berliner Richter Köhne damals an, auch in Deutschland spezielle Kammern für Jugendliche einzurichten. Gerichtspräsidien änderten daraufhin einfach die Geschäftsverteilung: Die Vormundschaftsrichter sollten zusätzlich alle Strafverfahren gegen 12- bis 18-Jährige übernehmen. Ihnen standen entsprechend spezialisierte Staatsanwälte, dafür bestimmte Schöffen und von den privaten Fürsorgestellen beauftragte Sozialbetreuer zur Seite.

Noch im selben Jahr nahmen Dutzende weitere Jugendgerichte in anderen deutschen Städten die Arbeit auf. Beim ersten Deutschen Jugendgerichtstag 1909 im Charlottenburger Rathaus kamen bereits 250 Fachleute zusammen, um über die weitere Entwicklung zu beraten. 1912 entstand auf Betreiben Freudenthals in Wittlich durch Umwidmung eines Zuchthauses Preußens erstes Jugendgefängnis. Aber erst 1923 verstetigte ein Reichsjugendgerichtsgesetz ein eigenständiges Jugendstrafrecht und die Jugendgerichtsbarkeit. 1953 wurde es von Pervertierungen aus der Nazizeit befreit. Das neue Jugendgerichtsgesetz, das bis heute gilt, bezog nunmehr die „Heranwachsenden“, zur Tatzeit 18- bis 20-Jährigen, ein.

Zweierlei lehrt uns das Jubiläum: Zum einen kann Praxis selbst geltendes Recht modernisieren, ja an seiner Reform mitwirken. Sie eilt dem Gesetzgeber - jenseits tagesaktueller Debatten wie in diesen Wochen – notfalls voraus nach dem Modell des trial and error . Erziehung und Strafe, Jugendhilfe- und Jugendstrafrecht sollten fruchtbar miteinander verbunden werden, beteiligte private Stellen und Behörden miteinander kooperieren.

Zum anderen hat sich die Jugendgerichtsbarkeit aus der Praxis als Schrittmacher für das Erwachsenenstrafrecht erwiesen. Was sich im Jugendrecht bewährte, wurde mitunter modifiziert in das allgemeine Recht übernommen. Aus den Frankfurter „Empfehlungen zu bedingter Begnadigung“ Bestrafter entwickelten sich die spätere gesetzliche Strafaussetzung zur Bewährung, dann die Bewährungshilfe und schließlich ihre Ausweitung auf erwachsene Straftäter. Die Jugendgerichtshilfe zog eine Gerichtshilfe für Erwachsene nach sich. Therapieüberleitungen bei straffälligen Drogenabhängigen, der Täter-Opfer-Ausgleich, soziale Trainingskurse, gemeinnützige Arbeit, Schadenswiedergutmachungs-Auflagen, Vollzug des Freiheitsentzugs in freieren Formen und Übergangshäusern, ja die gesamte informelle, kostengünstigere, sinnvollere Bewältigung von Kleinkriminalität wurden in der Jugendstrafrechtspraxis erprobt und strahlten auf das Erwachsenenstrafrecht aus.

Praxis kann also ein Experimentierfeld sein zumal dort, wo man nach besseren Alternativen zur Strafe, nach Ursachen und Prävention von Kriminalität, nach Möglichkeiten und Grenzen von Resozialisierung fragen muss.