Jetzt hat sie also doch begonnen, die innerparteiliche Debatte über rot-rot-grüne Bündnisse, auch wenn es dem SPD-Vorsitzenden Kurt Beck gar nicht gefällt und die hessische Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti weiterhin jedes Gespräch mit der Linken ablehnt. Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit gefallen solche Tabus selbstredend ohnehin nicht, schließlich regiert er die Hauptstadt seit Jahren mit den Verschmähten. Der saarländische SPD-Vorsitzende Heiko Maas hat ebenfalls angekündigt, nach der Landtagswahl im Herbst 2009 gegebenenfalls mit den Linken zusammenzuarbeiten, um Ministerpräsident zu werden. Selbst in Hessen mehren sich die Stimmen derjenigen, die mit der Linkspartei zumindest reden wollen.

Das war abzusehen. Denn je länger die machtpolitische Hängepartie in Hessen anhält, desto lauter melden sich diejenigen zu Wort, die der Linie der Parteiführung nicht folgen wollen. Es ist deshalb auch nicht auszuschließen, dass Andrea Ypsilanti irgendwann doch umfällt. Schließlich könnte eine rot-rot-grüne Regierung sich für sie als der einzige Weg entpuppen, Ministerpräsidentin zu werden. Zumindest dann, wenn sich die FDP weiter allem Werben von SPD und Grünen verweigert.

Beck hingegen kann das überhaupt nicht gefallen. Er will 2009 Kanzler werden. Die Ampel-Koalition ist für ihn der einzige Weg ins Kanzleramt, und er befürchtet, ein Linksbündnis in Wiesbaden würde seine Partei zerreißen, viele Wähler in der Mitte vergraulen und seine bundespolitischen Ambitionen frühzeitig torpedieren.

Die SPD, so spüren immer mehr, sitzt weiter in der Falle. Die gute Stimmung, die in Hessen noch am Wahlabend herrschte, ist verflogen. Stattdessen macht sich Ratlosigkeit breit.

Die gängige sozialdemokratische Interpretation der Wahlergebnisse des vergangenen Sonntags lautet, die Partei habe ihren Niedergang gestoppt. Der Kurswechsel weg von der Agenda 2010 habe sich ausgezahlt, Kurt Beck habe seine Position nach den Machtkämpfen des vergangenen Herbstes gestärkt. Vor allem in Hessen habe sich gezeigt, dass die SPD mit einem Gerechtigkeitswahlkampf, einer dezidiert linken Kandidatin und einer motivierten Basis wieder Wahlen gewinnen kann. Kurzum: Das Fundament der „linken Volkspartei“ SPD sei gestärkt worden.

Diese Sichtweise hat allerdings ein paar entscheidende Schönheitsfehler. Etwa die hohen Verluste in Niedersachsen, den knappen Wahlsieg von Roland Koch in Hessen und vor allem der Einzug der Linkspartei in beide Landtage. Strahlende Siege sehen anders aus. Zu den Paradoxien des hessischen Wahlergebnisses gehört im Übrigen auch, dass es jetzt eine bürgerliche Mehrheit im hessischen Landtag gäbe, wäre es der SPD gelungen, die Linke unter die Fünf-Prozent-Hürde zu drücken.

Tatsächlich haben die beiden Urnengänge trotz des Achtungserfolgs in Hessen noch einmal das dreifache sozialdemokratische Dilemma auf brutale Weise offen gelegt. Die SPD wird erstens programmatisch zwischen CDU und Linkspartei in die Enge getrieben. Vor allem die Wahl in Niedersachsen hat gezeigt, was passiert, wenn die Union einerseits keine politische Angriffsfläche liefert, in der Sozialpolitik ähnliche Töne anschlägt wie die Sozialdemokraten, und die Linke gleichzeitig kampagnenfähig ist. In Hessen hingegen bot erst der polarisierende Wahlkampf des christdemokratischen Ministerpräsidenten der SPD jenen Raum, den sie brauchte, um ihre Kandidatin zu profilieren und ihre Botschaften an den Mann und die Frau zu bringen.

Dass es sicht gelohnt hat, zeigen die Wählerwanderungen. Die SPD gewann in Hessen 92.000 Stimmen von der CDU, während sie auf der anderen Seite lediglich 32.000 Wähler an die Linke abgab. In Niedersachen hingegen gewann die SPD nur 13.000 Stimmen von der CDU, verlor jedoch 79.000 an die Linke.

Schaut man sich die Wahlanalysen noch genauer an, zeigt sich, dass die SPD in Hessen vor allem bei den Angestellten und den Selbstständigen zugelegt hat sowie bei den Jungwählern. Nicht der Mindestlohn oder das Arbeitslosengeld II, die Lieblingsthemen von Beck und Ypsilanti in den vergangenen Monaten, waren für die meisten SPD-Wähler  ausschlaggebend, sondern die Schul- und Bildungspolitik. Hier profitierte die SPD von Fehlern der CDU-Regierung. Die älteren Arbeitnehmer, die ja von der von Beck betriebenen Verlängerung des Arbeitslosengeldes II profitieren sollen, gehörten gleichzeitig zu den eifrigsten Wählern der Linken. Insgesamt gewann die SPD bei den Arbeitern und Arbeitslosen in Hessen nur unterdurchschnittlich hinzu.

Es zeigt sich also zweitens, es gibt in der Mitte mehr Wähler, die die SPD gewinnen kann, als am linken Rand. Andererseits lassen sich die Wähler, die die Linke wählen, sowieso nicht so einfach zurückgewinnen. Es sind vielfach tief enttäuschte ehemalige SPD-Anhänger, überzeugte Protestwähler sowie frustrierte Unterprivilegierte, die sich von allen etablierten Parteien abgewendet haben. Die Vertrauenskrise ist so groß, dass es einen langem Atem sowie anhaltende positive Erfahrungen mit dem Sozialstaat braucht, um sie für die SPD zurückzugewinnen. Ein paar Parteitagsbeschlüsse reichen dafür nicht. (Die Botschaften des Hamburger Parteikonvents waren ja auch weniger an die Wähler gerichtet als an die Mitglieder und an die Gewerkschaften.)

Es stellt sich somit die Frage: Wäre es für die SPD lohnender gewesen, die Agenda 2010 nicht anzutasten und den Schröderschen Reformkurs weiterzuverfolgen? Möglicherweise. Aber natürlich sind gleichzeitig ein paar Dinge nicht von Hand zu weisen: Beck hat die zerstrittene Partei wieder zusammengeführt und kampagnenfähig gemacht.

Das stärkt die Position der SPD in der Bundesregierung, aber auch in den Ländern. Wer vor ein paar Monaten prophezeit hätte, die SPD mit ihrer Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti werde nach den Landtagswahlen der CDU und ihrem Ministerpräsidenten Koch auf Augenhöhe begegnen, wäre als Fantast verspottet worden. Dass am Ende 3600 Stimmen gefehlt haben, um in einer Großen Koalition für sich glaubhaft das Ministerpräsidentenamt zu reklamieren, ist schmerzlich, aber so funktioniert nun mal Demokratie. Mehrheit ist Mehrheit und Vorsprung ist Vorsprung.

Das führt zu dem dritten sozialdemokratischen Dilemma: Machtpolitisch bleibt die SPD im Fünf-Parteiensystem in der Rolle des Juniorpartners der Union gefangen. Sie hat derzeit keine anderen realistischen Optionen. Alleine mit den Grünen reicht es, die Linke ist tabu, zumindest im Westen, und die FDP will nicht. Da nützt es auch nicht, verzweifelt den Liberalen nachzustellen und an deren „staatspolitische Verantwortung“ zu appellieren.

Die SPD kommt im Gegenteil nicht umhin, ihr Verhältnis zur Linken zu klären. Denn erst wenn dieses machtstrategische Dilemma gelöst ist, kann sie sich auch aus der programmatischen Klemme befreien und wieder auf beiden Seiten, in der Mitte und am linken Rand, Wähler gewinnen. Möglicherweise sogar arbeitsteilig.

Vielleicht ist es ja tatsächlich so, dass in einer pluralistischen, heterogenen, sozial polarisierten Gesellschaft zwei Volksparteien längst nicht mehr alle Interessen der unterschiedlichsten Interessengruppen bündeln können. Und vermutlich ist dies, jenseits kurzfristiger machtstrategischer Überlegungen, das, was die Union am meisten fürchtet. Dass links von ihr zwei konkurrierende, aber kooperierende Parteien einen größeren Teil der Bevölkerung erreichen und so jenen strategischen Vorteil kopieren, den die Union seit sechs Jahrzehnten im Zusammenspiel von CDU und CSU nutzt.

Kurzfristig also mag die SPD ein paar Wähler vergraulen, wenn sie über eine Zusammenarbeit mit der Linken nachdenkt. Möglicherweise wird Beck dann 2009 auch nicht Kanzler, nur sind die Voraussetzungen dafür sowieso ziemlich ungünstig. Mittelfristig eröffnet es der Partei jedoch neue machtpolitische Perspektiven. Auch für Ampelkoalitionen, denn spätestens wenn sich die SPD die Links-Option eröffnet hat, wird die FDP ihre Verweigerungshaltung aufgeben. Auf Dauer wollen auch die überzeugtesten Liberalen nicht in der Opposition versauern.

Befreit sich die SPD nicht von diesem Tabu, bleibt sie in der Falle zwischen Union und Linke gefangen. Gleichzeitig droht sie jenen Fehler zu wiederholen, den sie Anfang der neunziger Jahre auf fatale Weise im Osten begangen hat. Dort hatte die SPD 1994 noch Unvereinbarkeitsbeschlüsse gefasst, als sie sich in Sachsen-Anhalt schon von der PDS tolerieren lies. Das verschaffte ihr unnötige Glaubwürdigkeitsprobleme und machte gleichzeitig die linke Konkurrenz stark.

Natürlich sind die Linke im Westen und die Linke im Osten zwei verschiedene Parteien, trotz der Fusion von PDS und WASG. Hier eine chaotische Truppe von Ex-Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und versprengten Kommunisten, dort gut organisierte, gewendete Pragmatiker. Hier ein kleiner Haufen, dort eine Volkspartei. Doch was spricht dagegen, die Linke auch im Westen einem realpolitischen Praxistest zu unterziehen? Entweder sie entwickelt sich darin – wie einst die Grünen und die PDS im Osten – zu einer zuverlässigen politischen Kraft; dann könnte sie für die SPD dauerhaft ein Partner werden. Oder das Problem "linke Protestpartei" erledigt sich innerhalb weniger Jahre von selbst.

Wie es geht, zeigt der Osten. In Sachsen und Thüringen hat sich die SPD mit ihrer Abgrenzungshaltung ins Abseits katapultiert. In Sachsen ist sie als Zehn-Prozent-Partei ein bloßes Anhängsel der CDU in der Großen Koalition. In Thüringen ist sie ähnlich schwach. Die Linke liegt in beiden Ländern weit vor den Sozialdemokraten.

Dort jedoch, wo die SPD einen pragmatischen Umgang mit der PDS pflegt und mit ihr regiert oder regiert hat wie in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt, steht sie heute wesentlich besser da. Das zeigt: Tabus schaden vor allem dem, der sie errichtet.