Ethikdebatte "Das ist noch sehr umstritten"Seite 6/6

Ho: Für die adulten Stammzellen kann ich sicher sagen: Wir sehen einen erheblichen Unterschied zwischen neuen Zellen und solchen, die sich schon oft geteilt haben. Die Zellen altern also rasch im Reagenzglas. Mit den embryonalen Stammzellen verhält es sich vermutlich genauso, obwohl ich persönlich keine Erfahrung mit diesen Zellen habe.

ZEIT online: Abgesehen von all den Problemen und Missverständnissen, die Sie uns nun beschrieben haben. Was stört sie an der derzeitigen Debatte in Deutschland am meisten?

Ho: Es wird immer wieder von der Tötung von Embryonen gesprochen. Natürlich sind wir dagegen. Ich bin auch der Meinung, dass man über den Lebensanfang streiten kann. Aber die weltweit etablierten embryonalen Stammzellen, die den strengen Qualitätskriterien der zwei großen Stammzellbanken entsprechen, wurden zu über 90 Prozent aus überzähligen Embryonen gewonnen. Und was sind überzählige Embryonen? Es sind Nebenprodukte der künstlichen Befruchtung, die gesetzlich erlaubt ist. Die Erfolgsquote der künstlichen Befruchtung beträgt aber nur etwa 25 Prozent. Daher werden in der Regel mehr Eizellen befruchtet, als nötig sind, und manchmal werden die Frauen schwanger, obwohl noch befruchtete Eizellen vorhanden sind. Viele Eltern würden solche überzähligen Embryonen für die Forschung spenden. Deutschland leugnet aber deren Existenz. Das Gesetz verbietet die Herstellung von mehr als drei Embryonen je Zyklus, alle Embryonen müssen eingepflanzt werden. Deshalb werden diese Embryonen entsorgt. Ich appelliere gegen solche Scheinheiligkeit, gegen diese Leugnung der Realität. Die Öffentlichkeit muss sich damit auseinandersetzen, dass diese befruchteten Eizellen für die Forschung eingesetzt werden können, anstatt sie einfach zu entsorgen.

ZEIT online: Aber Sie selbst sprechen sich doch gar nicht dafür aus, dass in Deutschland embryonale Stammzellen hergestellt werden.

Ho: Nein. Mich regt allein die Scheinheiligkeit auf, mit der die Debatte hier geführt wird. Mich freut aber, dass die Forschungsministerin, Frau Schavan, so mutig war und von ihrem alten Standpunkt abgerückt ist. Sie hat zugehört, sie hat darüber nachgedacht und ist schließlich zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Änderung des Stammzellgesetzes notwendig ist - gegen all den Widerstand! Das verdient wirklich Respekt.

Die Fragen stellte Kathrin Zinkant

 
Leser-Kommentare
    • Crest
    • 29.01.2008 um 11:19 Uhr

    Ein gutes Interview - und nach zwei Tagen noch kein
    einziger Kommentar. Ich sehe darin ein besonderes
    Qualitätsmerkmal der Antworten des Interviewten.
     
    Ein Aspekt lohnte ich in weiteren Interviews mit weiteren
    Experten (im besten Sinne) zu vertiefen: der der
    zum Schluss angesprochenen Scheinheiligkeit. Eine
    wahre Fundgrube würde sich auftun.
    Prof. Nüsslein-Volhard, Prof. Winnacker und
    v.a.m. könnten sicher wunderbar aus dem Nähkästchen
    plaudern.
     
    Bieten Sie Ihnen in der ZEIT doch ein Forum.
     
    Herzlichst Crest

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