Flugforschung Fliegen für AnfängerSeite 3/3
Dials wichtigste Beobachtung: Vom Klettern zum Flatterflug müssen die Vögel nichts prinzipiell Neues lernen, denn letztlich sind beide Bewegungen die gleichen. Dabei wirken sie auf den ersten Blick grundverschieden: In der Luft führen die Tiere die Flügel vom Rücken zum Bauch, beim Bezwingen einer Steigung vom Schnabel zum Schwanz. Doch dies ist nur eine Sicht der Dinge, wie Dial herausfand.
Seine Computerrekonstruktionen führten ihm vor Augen, dass der Unterschied zwischen Kletter- und Flatterbewegungen verschwindet, sobald man nicht mehr den Körperbau der Vögel als Anhaltspunkt nimmt, sondern die Richtung der Schwerkraft (nach unten). Die Flügelführung erscheint dann als ein und dieselbe, die Vögel müssen lediglich lernen, die Schwingen im richtigen Winkel zum Boden zu bewegen. Damit sind sie zwar noch keine Akrobaten, aber sie können sich in der Luft halten.
Wenn die Küken also klettern, trainieren sie gleichzeitig für das Fliegen. Das ist nicht nur im Dials Vogellabor so, sondern auch in der Natur: Jungvögel üben ständig, höhere Standorte zu erreichen, angelockt etwa durch ihre Geschwister, die sich schon weiter aufzuschwingen wagen.
Nützen Dials Erkenntnisse auch im Sreit um die Evolution des Vogelfluges? Ob die Geschichte der Vogelflieger mit Gleitern oder Senkrechtstartern begann, lässt sich zwar immer noch nicht beantworten. Doch vielleicht muss die Debatte künftig anders geführt werden. Denn nun ist klar: Frühe Flügelformen also Stummelflügel können auch nützlich sein, wenn es noch gar nicht ums Fliegen geht, sondern um eine eigentlich ganz andere Art der Fortbewegung: Das Klettern. Der Schritt zum Fliegen ist dann allerdings unerwartet klein.
Die Flugforschung im Labor könnte die große Diskussion um den Vogelflug also durchaus voranbringen, meint Paläontologin Julia Clarke: "Wenn Dial zeigt, dass die Bewegungen beim Klettern der Küken die gleichen sind, die wir auch beim erwachsenen Vogel im Flug beobachten, dann könnte das ein nächster wichtiger Schritt sein hin zum Verständnis, wie der Vogelflug entstanden sein könnte." Einen Siegeszug für Dials Forschungsmethode mit lebenden Tieren und moderner Computerauswertung bedeutet das aber noch lange nicht. Die experimentelle Biologie wird in der Evolutionsforschung immer noch kritisch beäugt. "Um festzustellen, wie sich der Vogelflug tatsächlich entwickelt hat", sagt Ornithologe Gerald Mayr, "helfen nur Fossilien."
- Datum 01.02.2008 - 11:02 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 27.01.2008
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Lieber Herr Nickels, Nach dem Lesen Ihres Artikels stelle ich mir das so vor: Die Vögelvorfahren hatten noch richtige Vorderbeine. Diese wurden irgendwann nicht mehr gebraucht und darum rückgebildet. Dann erschienen die Stummelflügel, die z.B. beim Klettern nützlich waren (möglicher "Überlebensvorteil"). Später entwickelten sich daraus richtige Flügel. Dass die ersten Vögel Stummelflügel hatten, ist, behaupte ich mal, eine ziemlich steile These, für die es nicht den geringsten Anhaltspunkt gibt, weder aus phylogenetischer noch aus ontogenetischer Sicht. So, wie Sie hier schreiben, gewinnt man den Eindruck, Kenneth Dial hielte die Ontogenese, also die Entwicklung des Individuums von der Zygote zum ausgewachsenen Organismus, für eine Rekapitulation der stammesgeschichtlichen Entwicklung vom Saurier zum Vogel. Das kann ich mir nur schwer vorstellen. Warum sollen Flügel nicht aus langen Vordergliedmaßen hervorgegangen sein, die viel Platz für Anhänge wie Federn boten? Weil nach dem Schlüpfen aus dem Ei die Vordergliedmaßen zunächst mal kurz sind? Mir scheint, die Biowissenschaften sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.Mit freundlichem Gruß
Kenneth Dial schließt in der Tat von der Ontogenese der Hühner (und anderer Vögel) auf die Evolution deren Flugfähigkeit. Leider müsste man die Originalarbeit lesen, um zu erfahren, ob es noch mehr Anhaltspunkte gibt, die diese These stützen. Richtig ist, dass in jeder Ontogenese Strukturen vorkommen, die an die phylogenetische Herkunft der jeweiligen Lebensform erinnern. Man wird sehen, ob Dial hier diese Ähnlichkeiten überbewertet oder nicht. Kann man die Evolution des aufrechten Ganges beim Menschen aus dem herleiten, wie das Kleinkind Laufen lernt?
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