Nato Nukleare Schrecken

Was Henry Kissinger und fünf Generäle dem Westen raten.

Wie sähe eine Welt mit 25 oder 30 Nuklearmächten aus? Fragesteller Henry Kissinger mag sich das lieber nicht ausmalen und rief daher vor einigen Tagen im Wall Street Journal zusammen mit den elder statesmen George Shultz, William Perry und Sam Nunn dazu auf, eine Welt frei von Atomraketen zu schaffen . Eine ganz andere Antwort geben nun fünf ehemalige Stabschefs der Nato in einer 150-seitigen Studie „Towards a Grand Strategy for an Uncertain World“ : Sie halten den präventiven Atomwaffeneinsatz für möglich, ja nötig in einer Welt der asymmetrischen Bedrohungen.

Nun täte man General Klaus Naumann, US-General John Shalikashvili, dem britischen Feldmarschall Lord Peter Inge, dem französischen Admiral Jacques Lanxade und dem niederländischen General Henk van den Breemen durchaus Unrecht, wenn man aus ihrer Schrift allein diese Botschaft herausfiltern würde. Es geht ihnen tatsächlich um eine „Grand Strategy“ für den Westen und nicht allein um eine neue Nukleardoktrin der Abschreckung. Und wo sie die sechs großen Herausforderungen aufzählen, wird ihnen kaum jemand widersprechen: Die demografische Entwicklung – die Menschen im Westen werden weniger und älter, die übrige Welt wird allenthalben jünger und menschenreicher – fordert das strategische Denken heutzutage ebenso sehr heraus wie der Klimawandel, die Energie- und Ressourcenunsicherheit, die Schwäche des Nationalstaates oder die sichtbare „dunkle Seite der Globalisierung“ in Gestalt von organisierten Verbrechern und internationalen Terroristen. Und auch der „Aufstieg des Irrationalen“, der sich nicht nur im fundamentalistischen, wissenschaftsfeindlichen Denken und Handeln ausdrückt, steht richtigerweise auf der Liste der fünf Autoren.

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Widerspruch regt sich an anderen Passagen dieser Analyse, die in wenigen Wochen den Bukarester Nato-Gipfel und erst recht im kommenden Jahr die 60-Jahr-Feier der atlantischen Organisation beschäftigen wird.

So schlagen die fünf Generäle ein Dreierdirektorium vor. Ihm sollen die Nato, die Europäische Union und die Vereinigten Staaten von Amerika angehören. Hier würde die Zusammenarbeit in „einer gemeinsamen transatlantischen Sphäre“ koordiniert werden. Der Westen wäre wieder der Westen – der er nach den Terroranschlägen vom 11.September 2001 nicht mehr so recht war, lehnte Präsident George W. Bush es damals doch aus Eigennutz ab, den Bündnisfall in der Nato auszurufen. Amerika handelte lieber allein, bis hin zum folgenreichen Feldzug gegen den Irak des Saddam Hussein.

Im Direktorium dieser Strategiestudie käme wie in den Tagen des Kalten Krieges den Vereinigten Staaten die Hauptrolle im Bündnis zu. Das wäre aus Sicht der Autoren vermutlich der Preis für eine Einbindung dieser Supermacht ohne Fortüne. Sie begründen den Sinn solcher Zusammenarbeit nicht nur mit der Schwächung des Nationalstaates. Sondern sie sehen auch immer schwächer werdende „Weltinstitutionen“, angefangen von den Vereinten Nationen bis zur Nato… und zur Europäischen Union.

Leser-Kommentare
  1. Moderne Kriege werden heute nicht mehr gegen Staaten geführt, sondern gegen (terroristische) Organisationen, welche die Globalisierung der Welt ausnutzen, um sich frei bewegen zu können.
    Insofern sind Nuklearwaffen Relikte des Kalten Krieges, als sich zwei verfeindete Blöcke gegenüber standen und wo eine Totale Vernichtung des Gegners als Abschreckung funktionierte.
    Aber welche Organisation fürchtet sich heute vor den Nuklearwaffen militärisch starker Staaten ? Man kann jederzeit in andere Gebiete ausweichen, falls in einem Gebiet der nukleare Angriff droht. Deshalb ist es ratsamer, sich auf diese neuen Gefahrenquellen zu konzentrieren anstatt das nukleare Potential der Welt zu erhöhen.

  2. Zurück in die 50er Jahre lautet dann wohl die geplante Zukunft:... Im Direktorium dieser Strategiestudie käme wie in den Tagen des Kalten
    Krieges den Vereinigten Staaten die Hauptrolle im Bündnis zu. Das wäre
    aus Sicht der Autoren vermutlich der Preis für eine Einbindung dieser
    Supermacht ohne Fortüne ...
    Soll der überalternde Westen sich also zu einer atomar verteidigten Wagenburg zusammen schließen, die sich gegen die jugendlichen Fluten aus dem Osten präventiv nuklear verteidigt?Müssen wir uns wirklich dahin entwickeln, dass wir einem wachsenden Teil der Menschheit die Teilhabe an Energie, Rohstoffen und Wohlstand vor enthalten?Sind Generäle geeigneter als die Bertelsmann-Stiftung dies voraus zu denken?

  3. @hanau
    Jedes Gebiet hat eine Regierung. Sie ist verantwortlich.
    Wenn das so einfach wäre, könnte man einfach irgendeine Regierung auffordern, gegen die Terrororganisationen in deren Ländern vorzugehen. Aber denken Sie nur mal an Afghanistan oder den Irak. Beide Länder haben eine mehr oder weniger demokratische Regierung - Und sind gleichzeitig doch die Brutstätte des größten Terrors. Würden Sie als Deutscher Kanzler den Irak angreifen, wenn Terroristen aus dem Irak den Bundestag sprengen würden ?

    • PIT46
    • 30.01.2008 um 20:23 Uhr

     Die Sowjetunion hat in den Fünfzigern Frankreich und England während der Suezkrise mit einem Atomschlag gedroht. Frankreich und England haben den Kanal gebaut und auch bezahlt und  Nasser hat ihn verstaatlicht. Unsere grössten Verbündeten, die Amerikaner, haben uns völlig im Stich gelassen und den Russen auch noch Recht gegeben. Die Moral der Geschichte ist, ob die Intervention richtig war oder nicht, Frankreich konnte sich nicht auf seine Freunde verlassen. England  ist  von Amerika atomar aufgerüstet worden und Frankreich haben sie es  verwehrt.  Frankreich ist dann aus der NATO ausgetreten. De Gaulle hat die Force de Frappe gegründet.  Herr W. scheel damals Ausenminister " 69/74 "  hat sich darüber lustig gemacht.  Heute würden sich die Russen zweimal überlegen unser Land noch einmal mit einem Atomschlag zu bedrohen.Die EU will den Kosowo für unabhängig erklären, Putin droht schon und wieder werden wir unseren grossen Freund um Unterstützung bitten.Pit46

  4. Offensichtlich folgen Kissinger und die Generäle Huntingtons Spuren:"Im Kampf der Kulturen werden Europa und Amerika vereint marschieren müssen oder sie werden getrennt geschlagen". (Huntington, Kampf der Kulturen, letzte Seite).Die Weltordnungsstrukturen (UNO usw.) wurden schwach gehalten:  Während die Kriege in Afghanistan/Irak seit 2001 ca. 100 Milliarden Dollar pro Jahr kosteten- also genau das Geld, das erforderlich gewesen wäre, um die versprochenen Millenniums-Ziele auch wirklich durchzusetzen und somit eine ganz andere Form von "Sicherheit" zu "prodazieren" als die militärische Sicherheit - werden die UNO-Institutionen finanziell ausgetrocknet. Das Gegenteil ist also erforderlich: Eine UNO-Reform wie sie Kofi Annan mit "In larger freedom" 2005 gefordert hat und ein multilaterales Weltordnungssystem auf einer weltethischen Basis zur Lösung der angesprochenen Weltkonflikte... und nicht wieder in den ausgelatschten Spuren weiterlatschen .

  5. Das Problem ist doch, das die sogenannte Asymmetrische Bedrohung aus gescheiterten Staaten kommt - fast immer. Wem aber will man atomar drohen, wenn ein Land -vgl. Pakistan oder Indonesien, die noch nicht einmal wirklich gescheitert sind- nicht in der Lage ist, für Ruhe in seinem Territorium zu sorgen? Spannend finde ich, dass die Herren Generäle anscheinden sehen, dass Entwicklung nicht atomar sein muss.Und gerade das "uns" den "Terror" von Leib halten kann. Sollen sie doch machen...

    • KMurx
    • 31.01.2008 um 12:07 Uhr

    Erst mal, wer laeuft hier mit den Bewertungen Amok? Um die Uhrzeit sind wohl nur passionierte Nationalisten und Neoliberale online, die meinen dass einerseits der Staat stets handlungsfaehig und souveraen ist und jeder Mensch stets volle politische Handlungsfreiheit besitzt. Utopiealarm!Nun ja. Zu einem anderen Aspekt des Artikels, diesem 'Dreierdirektorium':Warum schlagen die Generaele denn bitte _noch_ eine internationale Organisation vor? Was soll das denn?-wenn die USA ein Interesse an verteidigungspolitischer Zusammenarbeit haetten, koennten sie problemlos die NATO wiederbeleben. Haben sie (wie ich annehme) kein Interesse daran, so werden sich die USA auch nicht in eine 'neue' Organisation einbinden lassen.-An dieser Organisation sollen die EU, die USA und die NATO beteiligt sein. Bitte was? "Die EU" gibt es aussenpolitisch noch immer nicht. Und eine gemeinsame - wenn auch im Moment nicht mehr genutzte - Basis der europaeischen Staaten un der USA existiert mit der NATO bereits. Was soll also diese Rekursion von 'UeberNATO' auf NATO??So ein Stuss. Die sollen die NATO reformieren, falls nach den Wahlen auf der anderen Seite des Atlantiks wieder Interesse besteht. Sobald die EU eine eigene Aussenpolitik auf die Beine stellt, dann ist eine grundlegende Reform der Buendnisse sowieso noetig.

    • PIT46
    • 31.01.2008 um 13:20 Uhr

    mit Kollateralschäden für die Nachbarn? oder was meinen Sie? Ihren Kommentar sagt nicht viel aus, besser gesagt, ich verstehe Ihren unverständlichem Kauderwelsch nicht.
    Pit46

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