Lernen Die Schule geht in den Kindergarten

Kinder zwischen drei und zehn sollen gemeinsam spielen und lernen. Ein Projekt plant, Kindergärten und Grundschulen in „Bildungshäusern“ zu verschmelzen.

In vielen Schulen und Kindergärten Baden-Württembergs werden derzeit Plakate mit einem Satz aufgehängt, der dort eigentlich fast alles umkrempeln müsste. „Kinder sind keine Fässer, die gefüllt, sondern Flammen, die entfacht werden wollen.“ Zitiert wird der französische Dichter Francois Rabelais, ein Renaissancemensch, der auch Arzt und Priester war. Sein 500 Jahre alter Spruch, der so ähnlich bereits dem antiken Philosophen Heraklit zugeschrieben wird, ist schon länger eine Parole der Reformer. Nun wird sie vom Kultusministerium in Stuttgart ausgegeben.

Stapel des Plakats liegen schon zum Mitnehmen bereit, als am 24. Januar 400 Lehrer und Erzieher, Bürgermeister und Wissenschaftler, auch Leute aus der Wirtschaft und den Kirchen ins Neue Schloss nach Stuttgart kommen. Kultusminister Helmut Rau hat zum Auftakt des „Bildungshauses 3 – 10“ geladen. Es soll die derzeit wohl bemerkenswerteste, vielleicht sogar radikalste Bildungsinnovation in Deutschland vorgestellt werden. Kinder ab drei sollen bis zum Ende der Grundschule gemeinsam lernen und spielen. Sie werden schon bald zusammen an größeren Projekten und Inszenierungen teilnehmen, und irgendwann werden sie einen ganz normalen, kultivierten Alltag teilen. Die bisher getrennten Welten von Kindergarten und Schule, daneben gibt es ja noch separate Einrichtungen nur zur Betreuung, sollen sich zunächst annähern. Wenn der Großversuch klappt, sollen sie schließlich verschmelzen.

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Bildungskolumne
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Die Idee für das Bildungshaus kommt von Annette Schavan, der früheren baden-württembergischen Kultusministerin und jetzigen Bundesministerin für Bildung und Forschung. Schon länger plädiert sie für einen „Paradigmenwechsel“. In den oftmals noch grauen Belehrungsanstalten sollte endlich Lernfreude aufkommen – nicht zuletzt, um die Lust an Leistung herauszufordern. Denn Lust und Leistung gehen im herkömmlichen Pädagogenskript nicht zusammen. Fundamental scheint immer noch der Gegensatz zwischen Spielen und Lernen.

Das Umschreiben dieses Skripts soll nun bei den kleinen Kindern beginnen. Dafür hatte sich Annette Schavan noch in ihrer Stuttgarter Zeit Rat geholt, beispielsweise von Hartmut von Hentig, dem Nestor der deutschen Reformpädagogik, oder vom Psychiater und Hirnforscher Manfred Spitzer. Letzterer hat inzwischen in seinem Ulmer „Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen“ das Projekt Bildungshaus für die Drei- bis Zehnjährigen weiter ausgearbeitet. Das Institut soll nun sieben Jahre lang diesen größten Modellversuch in der Bildung mitgestalten und wissenschaftlich begeleiten. Fünf Millionen Euro will sich das Berliner Bundesministerium für Bildung und Forschung diese Begleitforschung kosten lassen.

„Es geht darum, dass die Bildungsbiografie der Kinder nicht mit einem Bruch beginnt“, sagt Kultusminister Helmut Rau bei der Auftaktveranstaltung. Häufig sei doch schon die Diagnose „mangelnde Schulreife“ der Anfang von Beschämungen und Entmutigungen, Wunden, deren Narben schwer verheilen. Tatsächlich gehört die Möglichkeit an einer ersten Hürde zu scheitern, bevor es richtig losgeht, zu den deutschen Eigenarten, die Besucher aus anderen Ländern nicht verstehen. Brauchen nicht gerade Kinder mit Schwierigkeiten rechtzeitige und besonders gute Förderung?

Nun verlangt Minister Rau „nicht das Kind an die Institution anzupassen“, sondern die Institution an die Kinder. Seine neue Maxime lautet: „Beobachten, dokumentieren, fördern!“ Als er dann noch hinzufügt „das Musische hat Vorrang, die Verengung auf Leistungsparameter finde ich bedrückend“, erntet er tosenden Beifall. Kopfnicken, aber auch Verwunderung bei vielen Pädagogen. Solche Töne haben sie nicht erwartet. Schließlich liegt der christdemokratische Minister derzeit mit Hunderten von Schulrektoren seines Landes im Streit. Sie wollen die Hauptschulen abschaffen, weil sie auch im Ländle zur Sackgasse werden. So wenig Rau das gegliederte Schulsystem zur Disposition stellen will, so bereit scheint er, in einem weniger verminten Gebiet der Bildungslandschaft das Lernen ganz neu zu denken.

Leser-Kommentare
    • lef
    • 01.02.2008 um 16:57 Uhr

    Es war doch gerade so bequem geworden:was früher die Aufgabe der Schule war, speziell der Grundschule, hat sich schon längst in die Kindergarten verlagert, nämlich die Aufgabe, aus unterschiedlichsten Kindern eine Gemeinschaft zu bilden, sie zum freiwilligen Stillsitzen zu bringen, sie zum Lernen anzuregen ("Lernen zu lernen").In den Kindergärten werden schon seit langem eben diese Vorarbeiten übernommen - mit inzwischen sehr kindgerechter Motivation, mit wunderbaren Anregungsspielen.Die Grundschullehrer bekommen also schon seit Langem von den Kindergärten zumindest eine Stammmannschaft von lernbereiten Kindern "zugeliefert" und müssen sich nur noch um die kleine Gruppe der Kinder kümmern, die nicht in Kindergärten "das Lernen gelernt" haben.und selbst hier haben sie offensichtlich versagt, wie die immer höhere Zahl von Schulabbrechern zeigt.Schön also:Die Lehrer haben wenigstens ansatzweise begriffen, dass sie immer bequemer geworden sind, immer weniger an neuen Konzepten gearbeitet haben,ahnen zumindest, dass andere Wege gibt, als Kinder wie Flaschen mit Lernstoff abzufüllen.Nur:Diese hervorragenden neuen Konzepte wurden eben NICHT von hochbezahlten und verbeamteten Lehrern entwickelt,sondern von schlechtbezahlten, mangelhaft ausgebildeten und im extrem schlechten gesellschaftlichen Ansehen stehenden "Erziehern" und vor Allem "Erzieherinnen" in Kindergärten Deutschlands! E wird Zeit, dass wir von Japan lernen:Dort haben "Kindergärtnerinnen" schon immer ein Ansehen, das dem von Professoren gleicht.Mit Recht, wie dieser Artikel beweist - auch in Deutschland sind es unterbezahlte ErzieherInnen in "Kindergärten" , denen wir wirklich das (leider nur teilweise) sehr hohe Niveau  der Kreativität und der Innovationsfahigkeit verdanken, von der unsere Exportwirtschaft (und der Rest) lebt.Was nicht heißen soll, dass unsere Kindergärten schon perfekt sind - ganz im Gegenteil sind es leider immer noch viel zu wenige Kindergärten, die die Zeichen der Zeit schon länger erkannt haben - was bei deren schlechten Bezahlung, Ausbildung und gesellschaftlichen Bewertung auch nicht verwunderlich ist.Die zu erahnende revolutionär andere Denkweise in Kindergärten stammt von wenigen sehr engagierten (und hoffnungslos überbelasteten)  Kindergartenleitererinnen!!Aber es sind immer noch die weit überbewerteten Lehrer, deren Aufgabe es eigentlich gewesen wäre.Und genau die haben in der Vergangenheit kläglich versagt.DENEN verdanken wir die schlechten Ausbildungsergebnisse unter Jugendlichen der der Jetztzeit.

  1. Es war schon immer die Aufgabe des Vorschulunterrichts, Kindern das Leben und Lernen in der Gruppe zu erleichtern.  Warum ein Kind das erst mit sechs oder sieben in der Grundschule lernen soll, ist mir völlig schleierhaft. Natürlich kann und soll eine solche Aufgabe vom Kindergarten übernommen werden, und deshalb ist es an der Zeit, daß sämtliche Kindergärten auch ein pädagogisches Programm bekommen, denn nur dann können Grundschullehrer auch nur annähernd auf vergleichbaren Kenntnissen und Fähigkeiten aufbauen.Was mich an der neuen Initiative und dem Artikel darüber etwas stört, ist die Betonung, nun würde Lernen endlich Spaß machen, spielerisch geschehen, usw. Das ist keineswegs revolutionär, jeder gute Grundschullehrer hat das längst im Programm, und auch ein Mittelstufelehrer hat Lernspiele und ähnliches auf dem Kasten.Sinnvoll erscheint mir die neue Initiative überdies nur, wenn man auch an das Problem der 5. Klasse und des bisher sehr abrupten Übertritts auf Gymnasium/Realschule in Angriff nimmt -- denn der könnte sich mit den neuen Bildungshäusern und ihren heterogenen Gruppen noch radikaler gestalten. Da fände ich es zum Beispiel gut, die Bildungshäuser bis Klasse 6 auszudehnen, und die weiterführenden Schulen ab Klasse 7 laufen zu lassen. 

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