Erinnerung Macho, Strizzi, Belami
Falco war der einzige Weltstar der Popmusik, den Österreich je hervorgebracht hat. Er gab dem Urwienerischen internationalen Glanz und zerbrach an seinem eigenen Image.
Das Unmögliche war Johann Hölzels Projekt. Ihm widmete und opferte er sein Leben als Falco. Eine internationale Pop-Karriere vom kleinen Österreich aus zu lancieren, ohne Myspace und Internet? Unmöglich. Mit deutschsprachigen Strophen an die Spitze der amerikanischen Hitparaden zu gelangen? Unmöglich. Und doch geschah es genau so. „Wir haben den Fuß am Gas und die Mode fest im Griff“, heißt es im Lied
Helden von heute
.
Bis Falco kam, war Popmusik aus Österreich nur einem regionalen Hörerkreis zugänglich gewesen, aufgrund ihrer Fixierung auf den Wiener Dialekt. Bereits nördlich des Weißwurstäquators hätte man Untertitel gebraucht, um ihre Botschaften zu entschlüsseln: Sie schöpften aus dem österreichischen Unbewussten und waren einer tiefen Unversöhntheit mit der Welt abgerungenen.
Gelegentlich gelangen Austro-Barden wie Wolfgang Ambros und Rainhard Fendrich Achtungserfolge in Deutschland, doch dauerhafte Karrieren ließen sich darauf nicht gründen. So kehrten die Legionäre wieder zurück in ihr Biotop zwischen Ottakring und Leopoldstadt, wo sie die verbleibenden Jahrzehnte bis zum Ehrenbegräbnis auf dem Wiener Zentralfriedhof in gemütlicher Beiselanarchie verbringen.
Falco war anders. Von Anfang an. Zwar gehörte er als ausgebildeter Jazzbassist und professioneller Tanzmusiker zur alten Schule der Rock-Traditionalisten, die die Beherrschung des Instruments zur
conditio sine qua non
machten. Doch er hatte die wilde Frische von Punk und New Wave inhaliert. Er hatte den Geist der Veränderung gespürt, der sich über die ganze westliche Welt gelegt hatte und mit einer gewissen Zeitverzögerung auch Österreich erfasste.
Schon als er noch mit der Hallucination Company, einem zappaesken Rocktheater, im verkommenen Varieté Metropol im 16. Bezirk auftrat, wirkte Falco wie ein Alien inmitten seiner langhaarigen Hippie-Kumpanen. Eine ungleich modernere Figur, die mit einer Verächtlichkeit in Mimik und Körpersprache ihren Job erledigte und gleichzeitig signalisierte, dass sie Einblick in verführerische Zukunftswelten hatte, von denen die im Publikum versammelten Retro-Rocker nicht zu träumen wussten.
Alles war schon da: Das zurückgegelte Haar, das die hohen Wangenknochen betonte und dem Sänger den Heroin-Chic verlieh. Das schräge Grinsen, das einem typischen Wiener Prater-
Strizzi
abgeguckt war. Schließlich der nasale Tonfall, der an jene dekadenten Adelssprösslinge erinnerte, die aus der Zeit der Monarchie übrig geblieben waren und im österreichischen Kabarett der fünfziger Jahre für allerlei gehässige Sottisen gegen das
Ancien Régime
herhalten mussten.
Der Vintage-Falco war somit eine genuin wienerische Figur und hatte in seiner unantastbaren Virtualität doch auch internationale Züge. Ein – wie James Bond – aus Manierismen und Attitüden geformtes Image-Paket mit hohem Wiedererkennungswert, allerdings von der Gefahr stigmatisiert, dass aus ihm einmal ein Klischee erwüchse, das seinen Erfinder wie in einer Zwangsjacke fesseln würde.
Was ihm Anfang der Achtziger noch fehlte, war ein Katalysator. Ein Zündfunke, der die vorhandenen Komponenten zur Explosion bringen konnte.
Der trat in Gestalt des Plattenproduzenten Markus Spiegel auf den Plan
.
Wien hatte sich in den frühen achtziger Jahren in ein Klondike der Popmusik verwandelt, eine Goldgräberstimmung lag in der Luft. Unabhängige Plattenfirmen entstanden. Die Diskothek U4 in Meidling, in der bis heute alljährlich eine Falco-Erinnerungsnacht veranstaltet wird, entwickelte sich zum Tempel eines neuen Zeitgeists: Hier wurde die behaglich-perfide Grundstimmung des Austropop durch die koksgefütterte Hysterie der Neon-Kids ersetzt.
Markus Spiegel wollte auf dieser Neuen Welle surfen. Der Labelmanager konnte schon ein paar kleinere Erfolge mit Lokalgrößen feiern, darunter die Schock-Rock-Truppe Drahdiwaberl, bei der Falco zeitweise den Bass gezupft hatte. Mit ihm hatte er den Hauptdarsteller für einen musikalischen Actionfilm gefunden, der eine kalte Welt zwischen schnellem Sex, Cold Turkey, Eisernem Vorhang und Hundehaufen im Beserlpark abbildete.
Es wäre zu hoch gegriffen, dem Plattenboss und seinem Protagonisten zu unterstellen, sie hätten schon zu diesem Zeitpunkt einen Welteroberungsplan geschmiedet. Vielmehr tasteten sie sich an ein Klangbild heran, das das Aroma einer neuen Urbanität verströmte – zwischen lokaler Verankerung und internationalem Glamour.
Spiegel brachte Falco mit dem in Österreich erfolgreichen Produzenten Robert Ponger zusammen. Der lieferte Instrumentalspuren, in die der Solist seine Stimme und Persönlichkeit eingravieren sollte. Mit Punk hielt man sich gar nicht lange auf, obwohl dieser Sound gerade die Kellerwände Wiens erschütterte. Der kühlen, um nicht zu sagen: coolen Falco-Figur entsprach eher eine prädigitale Techno-Vision. Eine gleichermaßen an Kraftwerk wie auch am Glamrock geschulte Künstlichkeit, ähnlich den aus England herüberwehenden Synthesizerschwaden von Human League, Visage oder Depeche Mode.
Falco wob noch die aktuellen Entwicklungen der schwarzen Musik hinein. Er war kein großer Sänger und erkannte instinktiv, dass er mit der Staccato-Sprache des HipHop seine aphoristischen Betrachtungen des Zwielichts zum Schillern bringen konnte. Ihn als Urahn der Fantastischen Vier und von Fettes Brot zu stilisieren, wird ihm trotzdem nicht gerecht. Falcos Texte schließen an eine österreichische Tradition der onomatopoetischen Lautdichtung an. An die G'stanzln und Couplets von Helmut Qualtinger oder Pierron und Knapp aus den fünfziger Jahren oder an die schwarzhumorige Dialektdichtung H.C. Artmanns. Falco arbeitete mit Schlüsselwörtern eines aus dem Exzess destillierten Gegenwartsbewusstseins und mit Anglizismen, die den Anschluss an die Welt jenseits der Wiener Stadtgrenzen sichern sollten. Nicht unbedingt nobelpreisverdächtig gelangen ihm doch gelegentlich Apercus, die schlauer waren als ihr Erfinder. Als verdichtete Erkenntnisblitze einer heißen popkulturellen Viertelstunde sind sie in die Geschichte eingegangen, wie beispielsweise diese Zeilen aus dem Lied
Ganz Wien
:
Er geht auf der Strass'n
Sagt net wohin,
Das Hirn voll Heavy Metal,
Und seine Leber ist hin
Seine Venen sind offen,
Und er riecht nach Formalin
Das alles macht eam kan Kummer,
Weil er ist in Wien.
Der Rap, den Falco zelebrierte, war immer ein Rap in Anführungszeichen. Harte Wahrheiten in milde Ironie verpackt, Getto-Glaubwürdigkeit als Zitat des Zitats. Und die Figur, die er der Öffentlichkeit anbot, der Belami ohne Gnade, der Macho im Smoking – geschüttelt nicht gerührt – war gleichermaßen Identifikationsangebot wie Parodie.
Dies alles wirkte erregend und neu in den achtziger Jahren. Und dass mit
Der Kommissar
gleich der erste Sturmversuch auf Europas Hitparaden gelang, beschleunigte Falcos Karriere – bis hin zum Höhepunkt im Jahr 1986, als
Rock me Amadeus
den Großglockner der US-Charts bezwang.
Die kreative Quelle, aus der Falco und seine zahlreichen Berater, Produzenten und Einflüsterer schöpften, versiegte allerdings erstaunlich schnell. Das erste Album Einzelhaft , das die Epigramme des Kommissar mit einem Narrativ, einem Milieu, einem Szenebewusstsein auskleidete, war noch unmittelbar vom Erfahrungshorizont des Sängers geprägt. Für die zweite Platte dachte man sich ein flockig-mediterranes Konzept aus, das die unerträgliche Leichtigkeit des Seins in prickelnde Popmelodien einhüllen sollte. Junge Römer wollte damals niemand hören: Das Album wurde ein Flop, und es sollte Jahre dauern, bis es in seiner Affektiertheit zumindest als guilty pleasure rehabilitiert wurde.
Beim Album
Falco 3
war somit der Erfolgsdruck hoch. Robert Ponger wurde in die Wüste respektive den Wienerwald geschickt, und das holländische Kommerz-Duo Bolland & Bolland übernahm die Klangregie. Was Falco noch an Authentizität geblieben war, wurde auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergerechnet. Der HipHop-Amadeus, der dabei herauskam, unterschied sich gar nicht so sehr von Tom Hulces Mozart-Porträt im gleichnamigen Film Milos Formans: Ein beinahe schmerzendes Wien-Klischee im moderat modernen Klanggewand. Einmal klappte es noch, und zwar ganz hervorragend.
Doch von nun an ging's bergab. Der Rest der Geschichte ist in der deutschsprachigen Boulevardpresse nachzulesen. Alkohol, Drogen, Frauengeschichten, Bordell. Zum zehnten Todestag Falcos überschlagen sich die Medien, um die grauenhaftesten Gräuelstorys aus dem Munde der letzten Freundin, des vorletzten Managers, des angeblich besten Freundes unters Volk zu bringen. Auch ein Spielfilm wurde gedreht, der am 7. Februar 2008 anlaufen soll.
In Wien gilt:
There's No Business Like Falco-Business
. Die Figur, die den deutschsprachigen Pop der achtziger Jahre mitbestimmte, hat sich im kollektiven Unbewusstsein der Stadt eingenistet. Falco ist ein Wiedergänger aus einer Zeit, die das Hier und Jetzt propagierte und nicht an die Zukunft glauben wollte. Er ist ein Pastiche-Künstler, der für den Bruchteil einer welthistorischen Sekunde eins war mit der Epoche, die er repräsentieren wollte, und der den Rest seines Lebens damit verbrachte, diese Epiphanie noch einmal zu erzwingen. Biologisch gesehen kam sein Tod zu früh, karrierestrategisch gesehen zehn Jahre zu spät. Denn längst war die Luft entwichen aus jenem aufgeblasenen Konstrukt namens Falco. Und so ging es ihm wie Dr. Richard Kimble: Er war auf der Flucht. Vor den Frauen, den eigenen Qualitätsmaßstäben, dem Erwartungsdruck, den inneren Dämonen. Wie sang er doch in
Vienna Calling,
augenzwinkernd mit einer Träne im Knopfloch: „Wien, nur Wien, du kennst mich up, kennst mich down.“
Der Autor Thomas Mießgang, ehedem Redakteur der ZEIT, hat
etliche Bücher über Musik geschrieben
. Heute ist er Kurator an der
Kunsthalle Wien
.
Hier geht's zur
Falco-Diskografie
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- Datum 21.02.2008 - 12:58 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 5.2.2008
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Thomas Mießgang macht hier sicherlich nicht den schlechtesten Versuch das Phänomen Falco zu umreißen, leider gelingt ihm dies nur ansatzweise:"Doch von nun an ging's bergab. Der Rest der Geschichte ist in der
deutschsprachigen Boulevardpresse nachzulesen. Alkohol, Drogen,
Frauengeschichten, Bordell."Wer die Zeit in Wien erlebt hat und sich in der Szene bewegte, der würde nie auf die Idee kommen, diese Zeit und diese Lebensphase von Hans als boulevardesque Talfahrt ab zu urteilen. Anders gesagt: Auch wer nicht dabei war, weiß, dass Alkohol, Drogen,
Frauengeschichten und Bordell durchaus Qualitäten haben kann. Hier offenbart der Autor sein ganzes kleinbürgerliches, verspießtes Denken. Natürlich ist das ein immanenter Bestandteil des Wiener Lebens, aber einer gegen den sich "Falco" immer aufgebäumt hat.Das Interview mit Markus Spiegel war da weniger pathetisch und effektheischend. Es hat den ganzen Fall Hölzel intimer begriffen.
Mit großem Vergnügen habe ich diesen Artikel gelesen. Danke.
Ein lesenswertes, wesentlich kritischeres Portrait mit ein wenig mehr information ueber die letzen Jahre findet sich im Spiegel unter. http://einestages.spiegel...
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