Erinnerung Macho, Strizzi, BelamiSeite 3/3
Der Rap, den Falco zelebrierte, war immer ein Rap in Anführungszeichen. Harte Wahrheiten in milde Ironie verpackt, Getto-Glaubwürdigkeit als Zitat des Zitats. Und die Figur, die er der Öffentlichkeit anbot, der Belami ohne Gnade, der Macho im Smoking – geschüttelt nicht gerührt – war gleichermaßen Identifikationsangebot wie Parodie.
Dies alles wirkte erregend und neu in den achtziger Jahren. Und dass mit
Der Kommissar
gleich der erste Sturmversuch auf Europas Hitparaden gelang, beschleunigte Falcos Karriere – bis hin zum Höhepunkt im Jahr 1986, als
Rock me Amadeus
den Großglockner der US-Charts bezwang.
Die kreative Quelle, aus der Falco und seine zahlreichen Berater, Produzenten und Einflüsterer schöpften, versiegte allerdings erstaunlich schnell. Das erste Album Einzelhaft , das die Epigramme des Kommissar mit einem Narrativ, einem Milieu, einem Szenebewusstsein auskleidete, war noch unmittelbar vom Erfahrungshorizont des Sängers geprägt. Für die zweite Platte dachte man sich ein flockig-mediterranes Konzept aus, das die unerträgliche Leichtigkeit des Seins in prickelnde Popmelodien einhüllen sollte. Junge Römer wollte damals niemand hören: Das Album wurde ein Flop, und es sollte Jahre dauern, bis es in seiner Affektiertheit zumindest als guilty pleasure rehabilitiert wurde.
Beim Album
Falco 3
war somit der Erfolgsdruck hoch. Robert Ponger wurde in die Wüste respektive den Wienerwald geschickt, und das holländische Kommerz-Duo Bolland & Bolland übernahm die Klangregie. Was Falco noch an Authentizität geblieben war, wurde auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergerechnet. Der HipHop-Amadeus, der dabei herauskam, unterschied sich gar nicht so sehr von Tom Hulces Mozart-Porträt im gleichnamigen Film Milos Formans: Ein beinahe schmerzendes Wien-Klischee im moderat modernen Klanggewand. Einmal klappte es noch, und zwar ganz hervorragend.
Doch von nun an ging's bergab. Der Rest der Geschichte ist in der deutschsprachigen Boulevardpresse nachzulesen. Alkohol, Drogen, Frauengeschichten, Bordell. Zum zehnten Todestag Falcos überschlagen sich die Medien, um die grauenhaftesten Gräuelstorys aus dem Munde der letzten Freundin, des vorletzten Managers, des angeblich besten Freundes unters Volk zu bringen. Auch ein Spielfilm wurde gedreht, der am 7. Februar 2008 anlaufen soll.
In Wien gilt:
There's No Business Like Falco-Business
. Die Figur, die den deutschsprachigen Pop der achtziger Jahre mitbestimmte, hat sich im kollektiven Unbewusstsein der Stadt eingenistet. Falco ist ein Wiedergänger aus einer Zeit, die das Hier und Jetzt propagierte und nicht an die Zukunft glauben wollte. Er ist ein Pastiche-Künstler, der für den Bruchteil einer welthistorischen Sekunde eins war mit der Epoche, die er repräsentieren wollte, und der den Rest seines Lebens damit verbrachte, diese Epiphanie noch einmal zu erzwingen. Biologisch gesehen kam sein Tod zu früh, karrierestrategisch gesehen zehn Jahre zu spät. Denn längst war die Luft entwichen aus jenem aufgeblasenen Konstrukt namens Falco. Und so ging es ihm wie Dr. Richard Kimble: Er war auf der Flucht. Vor den Frauen, den eigenen Qualitätsmaßstäben, dem Erwartungsdruck, den inneren Dämonen. Wie sang er doch in
Vienna Calling,
augenzwinkernd mit einer Träne im Knopfloch: „Wien, nur Wien, du kennst mich up, kennst mich down.“
Der Autor Thomas Mießgang, ehedem Redakteur der ZEIT, hat
etliche Bücher über Musik geschrieben
. Heute ist er Kurator an der
Kunsthalle Wien
.
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Falco-Diskografie
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- Datum 21.02.2008 - 12:58 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 5.2.2008
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Thomas Mießgang macht hier sicherlich nicht den schlechtesten Versuch das Phänomen Falco zu umreißen, leider gelingt ihm dies nur ansatzweise:"Doch von nun an ging's bergab. Der Rest der Geschichte ist in der
deutschsprachigen Boulevardpresse nachzulesen. Alkohol, Drogen,
Frauengeschichten, Bordell."Wer die Zeit in Wien erlebt hat und sich in der Szene bewegte, der würde nie auf die Idee kommen, diese Zeit und diese Lebensphase von Hans als boulevardesque Talfahrt ab zu urteilen. Anders gesagt: Auch wer nicht dabei war, weiß, dass Alkohol, Drogen,
Frauengeschichten und Bordell durchaus Qualitäten haben kann. Hier offenbart der Autor sein ganzes kleinbürgerliches, verspießtes Denken. Natürlich ist das ein immanenter Bestandteil des Wiener Lebens, aber einer gegen den sich "Falco" immer aufgebäumt hat.Das Interview mit Markus Spiegel war da weniger pathetisch und effektheischend. Es hat den ganzen Fall Hölzel intimer begriffen.
Mit großem Vergnügen habe ich diesen Artikel gelesen. Danke.
Ein lesenswertes, wesentlich kritischeres Portrait mit ein wenig mehr information ueber die letzen Jahre findet sich im Spiegel unter. http://einestages.spiegel...
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