FalcoGeschnitzt aus Bowies Rippe

Falco verkörperte das Prinzip der Künstlichkeit. Vor zehn Jahren ist er gestorben. Über den Menschen hinter der kühlen Maske spricht sein Entdecker Markus Spiegel von Thomas Mießgang

ZEIT online: Herr Spiegel, mit Ihrer kleinen Firma Gig Records haben Sie die ersten drei Langspielplatten von Falco herausgebracht und damit seinen Weg von der Wiener Lokalgröße zum Weltstar mitgestaltet. Wie ist Falco in Ihr Leben getreten?

Markus Spiegel: Das war Ende 1980. Damals war er noch Bassist der linksalternativen Wiener Schock-Rock-Truppe Drahdiwaberl, die bis heute existiert. (Anm. d. Red.: Drahdiwaberl heißt auf Hochdeutsch etwa: Dreh dich, Weibchen. Der Name ist die wienerische Bezeichnung für einen Kreisel, auf dem sich eine Frauenpuppe dreht, und wird zur Bezeichnung einer rasanten oder verwirrenden Situation angewendet.)

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Diese Band machte, angelehnt an angloamerikanische Vorbilder wie The Tubes und die extremen Blut-und-Beuschel-Aktionen der Wiener Aktionisten, theatralische Performances. Die genossen Kultstatus und stellten sämtlichen Wiener Kunstverrückten eine Auftrittsbühne bereit. Im Rahmen dieser Chaotentruppe fiel Falco, der ja eigentlich Hans Hölzel hieß, allein deshalb auf, weil er optisch nicht hineinpasste. Das waren alles Freaks mit starkem Hippie-Einschlag, Falco dagegen hatte die Komponenten für das Image, mit dem er berühmt werden sollte, schon beisammen. Er wirkte wie der junge Alain Delon inmitten einer Bande durchgeknallter Soziopathen: Zurückgegeltes Haar, verächtlicher Gesichtsausdruck und eine arrogante, nasale Stimme, die er bei seiner Solonummer Ganz Wien zu Gehör brachte. Das war eigentlich ein Anti-Drogensong, doch die meisten Leute interpretierten ihn genau andersrum. Man erinnert sich vor allem an die Zeile: „Den Schnee, auf dem wir talwärts fahren, kennt heute jedes Kind.“

Falco hatte seine Kunstfigur also schon sehr früh ausgestaltet. Ich habe ihn also eigentlich nicht entdeckt, sondern gefunden. Entscheidend bei jedem anständigen Artist-and-Repertoire-Mann ist, dass er sich in seine Künstler verliebt – symbolisch natürlich – und dann versucht, die ganze Welt an dieser Liebe teilhaben zu lassen. Es ist die Logik des Trüffelschweins: Seht her, was ich gefunden habe!

ZEIT online: Sie übernahmen somit ein fertiges Pop-Konzept und mussten nur noch die Platten dazu machen?

Spiegel: Ja, in gewisser Weise. Hans nannte sich damals auch schon Falco. Nach dem DDR-Skispringer Falko Weißpflog. Das K im Namen ersetzte er durch ein C, um international auftreten zu können. Ich erkannte bei diesen frühen Drahdiwaberl-Konzerten sofort, dass da eine Person auf der Bühne stand, die unglaublich charismatisch war und gewaltiges Entwicklungspotenzial hatte. Als Plattenboss hat man eine Checkliste, wenn man sich Nachwuchskünstler anguckt. Und Falco erfüllte fast alle Parameter zu 100 Prozent: Aussehen, Talent, Bühnenpräsenz, Kontakt mit dem Publikum. Man darf nicht vergessen: Er fiel ja nicht vom Himmel, sondern hatte jahrelang das gemacht, was die Amerikaner paying the dues nennen. Als Mitglied der kommerziellen Tanzcombo Spinning Wheel bespielte er fast jede Skihütte und Landdisko in den österreichischen Alpen – von Ischgl bis Landeck. Durch so eine Ochsentour lernt man das Geschäft von der Pike auf.

ZEIT online: Wie haben Sie Falcos Karriere aufgebaut?

Leserkommentare
  1. Sehr geehrter Herr Mießgang!
    ein bisschen bessere Recherche hätte ich mir schon erwartet, die Textzeile „Den Schnee, auf dem wir talwärts fahren, kennt heute jedes Kind.“ stammt nicht aus dem Song "Ganz Wien", sondern aus dem "Kommisar".
    schöne Grüße aus Wien,
    Tom JEDJUD
     

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  • Quelle ZEIT ONLINE, 1.2.2008
  • Schlagworte David Bowie | Ernst Jandl | Gerhard Rühm | Karriere | Österreich | Falco
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