August 1992. Im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen tobt eine Horde aufgeputschter Neonazis. Sie hat im "Sonnenblumenhaus", einem Plattenbau, 115 vietnamesische Asylbewerber und ein Fernsehteam eingeschlossen. Mit Steinen und Molotowcocktails hält der Pöbel sie in der Falle. Aufgeheizt von herbeigereisten Neonazis setzen die betrunkenen Randalierer das Haus in Brand. Die Eingeschlossenen flüchten aufs Dach. Die Feuerwehr wird vom ausländerfeindliche Parolen grölenden Mob gehindert, das Feuer zu löschen. Im Bundestag wird über eine Verschärfung des Asylrechts debattiert.

In diesen Tagen liegt dem zuständigen Lektor bei Rowohlt das Manuskript eines Kriminalromans vor. Das Lektoratsgutachten bewertet den schwedischen Text als "durchschnittlich". In Schweden raunt man, der Verfasser sei der legitime Nachfolger des legendären Krimipaares Sjöwall/Wahlöö. Doch das wird eigentlich immer behauptet, wenn die schwedische Verlagsbranche einen Hoffnungsstreif am ausgedörrten Krimihorizont wittert. Das Manuskript erzählt von dem brutalen Mord an einem alten Ehepaar. Bevor die schwerverletzte Frau stirbt, haucht sie: "Ausländer". Asylbewerber aus Somalia geraten in Verdacht, ein Asylantenheim brennt.

Rowohlt entschied sich gegen das durchschnittliche Werk. Man wollte in der politisch aufgeheizten Situation kein Öl ins Feuer gießen. Der Roman, in dem afrikanische Asylbewerber als Mörder verdächtigt werden und der ermittelnde Kommissar Einwanderungskontrollen befürwortet, erschien schließlich 1993 in einem kleinen Berliner Verlag. Das war der erste Kontakt des Krimiautors Henning Mankell mit der deutschen Verlagswelt. Mörder ohne Gesicht  - so der Romantitel - wurde kaum beachtet. Es dauerte weitere sechs Jahre und sechs Krimis, bis der beinahe schon wieder vergessene Nachfolger von Sjöwall/Wahlöö plötzlich da war, als das Phänomen Mankell. Heute gilt "Mankell" im deutschen öffentlichen Bewusstsein als Synonym für "Krimi".

Dabei können die meisten Leute nicht einmal seinen Namen richtig aussprechen. Das hat Henning Mankell mit dem kolumbianischen Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez gemein: Beide Namen werden auf der ersten Silbe betont.

Falsch betont, heißt das auch falsch verstanden? Nein, falsch verstehen können die Millionen Leser ihren Helden nicht (16 Millionen "Medieneinheiten" hat Mankell im deutschsprachigen Raum verkauft, 30 Millionen weltweit). Denn Mankells Erfolgsrezept ist unwiderstehlich: Identifikation. "Wallander ist ein Mensch wie du und ich. Darin liegt seine Glaubwürdigkeit", diktierte Mankell 1998 einem Interviewer ins Notizbuch. Damit ist nicht gemeint, dass wir alle männlich, übergewichtig, melancholisch, einsam und Diabetiker sind, die ihre Kinder nicht verstehen. Mit Wallander hat Mankell eine Leitfigur seiner Generation geschaffen.

"Sympathisch", um das Lieblingswort der Marketingabteilungen aufzugreifen, ist er aus drei Gründen: 1. Wallanders teddybärhaft tollpatschige Hilflosigkeit in Gefühlsdingen spricht die Beschützerinstinkte seiner mehrheitlich weiblichen Leserschaft an.

2. Wallanders Stoßseufzer "Was ist das für eine Welt, in der wir leben?" repräsentiert genau jene Mischung aus Verzweiflung und Ohnmacht, die in den neunziger Jahren endgültig an die Stelle jeder Art von ideologisch motiviertem Veränderungsoptimismus getreten ist. Es ist die Haltung wissender, aber resignierter Politikverdrossenheit, die zwar ein Feindbild (der Imperialismus, die USA, die Heuschrecken) kennt, aber mehr als Gejammer über den allgemeinen Werteverfall nicht zustande bringt.

3. Wallander ist die einzige Figur Mankells, die seine Leser so genau von innen kennen wie ihr eigenes Badezimmer. Er erkennt wie sie, dass die Welt undurchschaubar, unbeeinflussbar, unregierbar und unrevolutionierbar ist. Aber er gibt nicht auf. Mal jammernd, immer leidend, hin und wieder aufbrausend, aber zäh durchhaltend führt er vor, dass der Einzelne doch immer noch Gutes für die Allgemeinheit tun kann, allein, indem er seinen Beruf vernünftig ausübt. Was für ein Trost für all die Lehrer, Steuerberater, Hausfrauen oder Architekten, die einmal von freier Liebe und Basisdemokratie geträumt haben! Wallander, das ist ein Held unserer Zeit, und Henning Mankell, sein Erfinder auch.

Zehn Jahre währt das Phänomen Mankell. 1998 setzte es in Deutschland ein, als mit  Die fünfte Frau sein sechster Wallander-Roman veröffentlicht wurde. Es folgten noch drei. Dann machte der ungeheuer produktive Autor wahr, was er schon länger angekündigt hatte: Er hörte mit Wallander auf und schrieb Romane über Afrika , über Wallanders Tochter, über Aids . Sie wurden wahrgenommen und respektvoll beiseite gelegt.

Nachdem er etliche Jahre in Schweden und seit 1985 in Maputo, der Hauptstadt von Mozambique inszeniert hat, macht Mankell auch Theater in Deutschland. Er ist rastlos unterwegs und verkündet seine einfachen Botschaften: Dass alle Menschen gleich sind. Dass wir Solidarität üben müssen. Dass wir Afrika verstehen sollen, statt es zu verurteilen. Dass Afrika aus vielen Afrikas besteht.

Henning Mankell ist, so sieht es aus, das, was alle gerne wären: ein anständiger Mensch. Am 3. Februar 2008 wird er, kaum zu glauben, sechzig Jahre alt.