Gesellschaft Gottlose TiereSeite 2/2

Der Illustrator Nyncke benutzt zweifelsohne antijudaistische Stereotype: Der Rabbi ist hager, orthodox gewandet, erst bleich, dann zornesrot, mit schlackernden Schläfenlocken. Allzu freundlich schaut er auch nicht. Auf drei der vier Abbildungen hebt er belehrend seinen Zeigefinger, mit bösartigem oder wütendem Gesichtsausdruck.

Aber der Bischof kommt nicht besser weg. Er ist fett, rosig, hat wülstige Lippen und wirkt gewiss nicht sympathisch. Er tobt allerdings nur auf zwei von vier Darstellungen. Am meisten ist der Mufti vom Zorn entstellt. Vor lauter Hass auf die Ungläubigen rutscht das linke Auge in die Höhe und springt fast aus dem Kopf. Hinter dem rasenden Mufti lauert der islamistische Mob, die Fäuste geballt.

Selbstverständlich lindert es die antijudaistischen Elemente nicht, dass auch antiklerikale und antiislamische Stereotype verwendet werden. Doch Antijudaismus ist nicht Antisemitismus. Über diese feine, aber bestehende Differenz findet sich im Indizierungsantrag kein Wort. Dafür wird vermerkt, dass das Buch suggeriere, "die jüdische Glaubensgemeinschaft" wolle "andere Religionsgemeinschaften vernichten".

Dieser Eindruck entstünde, da in einer "Prügel-Szene" der Rabbi eine entwickelte Tora-Rolle dem Bischof über dessen Mund halte und ihn damit zu ersticken versuche. Es ist gemeinhin bekannt, dass Menschen mit einem Blatt Papier über dem Gesicht nicht ersticken. Auch ein Bischof kann notfalls durch die Nase atmen. Selbst wenn er gerade damit beschäftigt ist, einem Mufti mit der Bibel den Schädel einzuschlagen. Woraus im Übrigen dem Christentum keine Vernichtungswünsche unterstellt werden.

Ob nun das Judentum etwas schlechter wegkommt als Katholizismus und Islam, ist nicht ausschlaggebend. Nach der Lektüre des Buchs wird kein Kind auf die Idee kommen, dass Juden schlimmere Menschen sind als Christen oder Muslime. Die Moral des Buchs ist, dass Gläubige verrückt sind – Juden ebenso wie Christen und Muslime. Und weil sie allesamt schnell reizbar sind, sollte man sich von ihnen fernhalten und lieber mit Papierfliegern spielen. Ob das geeigneter Stoff für ein Kinderbuch ist, sei dahingestellt. Eine antisemitische Hetzschrift ergibt er jedenfalls nicht, sondern lediglich eine humorlose Polemik mit ansprechenden Illustrationen und schlichtem ideologischen Hintergrund.

Schmidt-Salomon zeigt sich als selbstgerechter und eindimensionaler Religionshasser. Seine Heilserwartung ist die rückstandslos entzauberte Welt, die vollendete Moderne. Die Gegner des Fortschritts sind die Religionen, wobei ihm das Judentum genauso im Weg ist wie alle anderen Religionen. Und nun benutzt er auch Kinderbücher, um seine naive und völlig dialektikfreie Version von Aufklärung zu propagieren. Das ist nicht zu begrüßen. Doch eine Indizierung wäre überzogen.

 
Leser-Kommentare
  1.  
    Dass Jan Free von einem atheistischen Kinderbuch im Ernst erwartet, es möge den Leser ausgewogen auch über die Vorteile der behandelten Religionen unterrichten, ist ja nun wirklich sehr lustig. Die darin zum Ausdruck kommende Anmaßung religöser Diskursherrschaft zeigt schon die Vorstellung, dass dann umgekehrt auch religiöse Literatur für 6-8jährige Kinder ausgewogen über den Atheismus belehren müßte. Absurd.
     

    Eine Karikatur ist dadurch gekennzeichnet, dass sie „charakteristische Züge eines Ereignisses oder einer Person“ durch „überzeichnete Darstellung von Menschen oder gesellschaftlichen Zuständen“ auf`s Papier bringt, „um durch den aufgezeigten Kontrast zur Realität und die dargestellten Widersprüche den Betrachter der Karikatur zum Nachdenken zu bewegen“ (wikipedia). Auch der Illustrator des Kinderbuchs „Wo bitte geht´s zu Gott?“ hat diese Technik genutzt, um manche als fundamental angesehenen Glaubensaussagen der monotheistischen Religionen in einer für 6-8jährige Kinder verständlichen, natürlich stark vereinfachten Weise kritisch darzustellen, und zwar anhand der  –  intentionsgemäß halt nicht nur liebenswerten  -  Gestalten eines Rabbi, eines Bischofs und eines Mufti. Dies alles aus der Sicht eines Atheisten, der seinem Kind, das selbst (oder indirekt über seine Kameraden) einer von den Gläubigen als selbstverständlich angesehenen, simplifizierenden und allgegenwärtigen religiösen Indoktrination ausgesetzt ist, ein helfendes und stabilisierendes Gegengewicht mitgeben möchte. Der Protagonist der Fabel, das Erkenntnis suchende Ferkelchen (ein Inbegriff der nicht mal atheistischen, sondern agnostischen Friedlichkeit) toleriert, erträgt das, will diese sonderbaren Gläubigen nicht missionieren oder ausgrenzen, aber braucht das alles für sich selbst eben nicht: „Und die Moral von der Geschicht'  Wer Gott nicht kennt, der braucht ihn nicht!“
     

    Ob man wegen „antisemitischer Tendenzen“ bald auch die Erkenntnis des alten Juden Freud indiziert, dass durch die Übernahme des Massenwahns Religion die bedürftigen Gläubigen bestenfalls der Notwendigkeit enthoben seien, eigene Wahnvorstellungen auszubilden? Oder vielleicht sogar die alten heiligen Texte, denen man bei einiger Spottlust sehr wohl entnehmen kann, dass da ein rächender Gott „Babies, Omas, Ferkel, Igel und Meerschweinchen“ ertränkte? Das Problem ist entgegen dem diffamierenden Indizierungsantrag des Familienministeriums nicht der angebliche Antisemitismus. Nicht mal der Zentralrat der Juden erhob diesen Vorwurf (was nicht allzu oft vorkommen dürfte). Sehr schön, dass sich Jan Free nun nach einigen Tagen diesem halben Freispruch anschließt. Der eigentliche Grund für die Repressionsversuche ist natürlich, dass dieses Buch die konventionellen „normalen“ religiösen Beeinflussungsversuche durch Eltern, Großeltern, Kindergarten, Schule und Kirchen behindern könnte.

  2. ist die beste Formulierung die mir bei der Beschreibung von Gotteswahn bisher aufgefallen ist. Köstlich. Bitte mehr solcher super Kinderbücher!

  3. wie ein deutsches Bundesministerium überhaupt auf die absurde Idee kommt, dieses kleine Buch auf ein Indize setzen zu wollen. Noch dazu ist diese Prüfung vollkommen widersprüchlich. Damit Kinder eine "eigenverantwortliche und gemeinschaftsfähige Persönlichkeit" werden können, müssen sie mit den unterschiedlichen Meinungen zu Gott oder kein Gott in Kontakt treten können.
    Solange aber zB die Zeugen Jehovas als Reliogionsgemeinschaft akzeptiert werden, wo kleinen Kindern mit ihren Eltern morgens an fremden Türen klingeln und oft schamhafte Beleidigungen erdulden müssen, wo Kinder also nicht vor solch einer freiheitsberaubenden religiösen Indoktrination geschützt werden, stimmt es mich mehr als nur befremdend, dass bei dem besprochenen Bilderbuch ein solches "Fass aufgemacht" wird. Und dieses vermeindliche antijüdische Argument ist nichts weiter als ein "Killerargument" - mit nichts aber auch gar nichts zu rechtfertigen - hier ist dem Verfasser des Artikels 100%ig zuzustimmen.
     
    Ich danke den beiden Autoren für die Darstellung ihrer aufrichtigen Meinung zum Thema Religion, was allein schon ein Baustein ist, damit sich Kinder zu einer "eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit" entwickeln können. Nicht "religionskritische" Meinungen sind eine Gefahr für Kinder, sondern die vorgefertigte Einseitigkeit in den jeweiligen religiösgeprägten Kulturräumen, in der sie in den letzten Jahrzehnten aufwachsen mußten.
     
    Wenn unser Familienministerium schon das Kindeswohl als fadenscheiniges Argument zur Meinungs-Zensur vorschickt, dann möchte ich stark darum bitten, die Zeugen Jehovas wegen Kindesmissbrauch anzuklagen, sowie die Taufe zu verbieten, wo ich bis jetzt nur schreiende Kleinkinder erleben mußte (haben die Kinder in beiden Fällen eine andere Wahl?)
     
    Oder möchte das Familienministerium (und die jeweiligen "gottgläubigen" Eltern/ Verwandten) etwa überhaupt keine freiheitlich aufwachsenden Kinder, die später selbst eigenverantwortlich unten den verschiedenen Meinungen zur Religion oder nicht etc. entscheiden können?
     
    Und wenn die in (zugegeben naiven) Charikaturen ausgedrückte Bedrohlichkeit von Rabbi, Bischof und Mufti unangenehm aufstößt: vielleicht sollte sich unser Familienministerium mal fragen, ob hier nicht ein eigenes Verschulden dieser drei dazugehört! Beispiele in der Realität gibt es genügend.

  4. Laizismus bedeutet nicht angehörige von Religionsgemeinschaften beleidigen und diffamieren zu dürfen. Glaubens und Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht, das eklatant verletzt wird, durch eine Karrikatur die man auch so im Stürmer, Popetown oder Dänemark finden könnte.Ein Religionskritisches Kinderbuch sollte seiner Zielgruppe vermitteln, dass Religion Privatsache ist, man respekt haben sollte vor dem was dem anderen heilig ist und das man nicht unbedingt alles glauben sollte was jemand von der Kanzel predigt oder was in dicken Büchern steht. Doch die wichtigste Aussage sollte sein:Wenn du keinen Gott brauchst ist es auch recht, solange du den anderen ihren glauben lässt. Es ist deine Entscheidung.Bei dieser Angelegenheit sind wirklich Bürgerrechte in Gefahr.Nicht die linker Autoren, sondern die von Gläubigen.

    • lef
    • 04.02.2008 um 14:43 Uhr

    und genau so ist es - die Verkaufszahlen beweisen es, und die Werbung für dieses Buch hilft dabei enorm.Ich habe meinen Sohn gefragt (jetzt 27), ob er ein solches Buch im Kindesalter gebraucht hätte,klare Antwort: Nein - mit Religion kam der erst mit 12 in Berührung, als viele seiner Freunde Kommunion bekamen,und deren einziger Grund war immer: Geschenke.Heute ist es etwas anders - wegen des massiven Auftretens der muslimischen Minderheit,aber es ist auch klar, dass jetzt eigentlich ganz andere Werte als die der Religionen im Widerspruch stehen,es geht um "westliche" individuelle Freiheitkontra "orientale" Identität in der Gruppe (Familie, Clan) ,also um unsere Emergente Ordnung kontra Werte, die hier in Europa mal den Faschismus produzierten.Religionen sind in dieser Diskussion höchstens Folklore, die anachronistische Werte verbrämen.Wie gesagt: Die Verkaufszahlen sind ein Beleg dafür, dass unsere Gesellschaft in der Mehrheit längst weiter im Denken ist, als opportunistische Politiker,eine türkei- und islamtrunkene Claudia Roth ist einfach nur noch peinlich.Und - wie in jeder Emergenten Ordnung- wird dieses Thema zur Zeit offen, aber abschließend diskutiert.(und irgendwann kommt man vielleicht auf die Idee, dass Jesus Christus erstaunlich "westliche" Werte repräsentierte, bevor die Kirchen seine Ideen pervertierten)

  5. letztlich stellt das kinderbuch nichts anderes dar, als das, was viele eltern ihren kindern auch so beibringen: intoleranz und verachtung andersdenkender.

    die idee, dass religiöse weltanschauungen zeichen geistiger unterentwicklung seien und nur der atheist der wahre mensch ist, dass aufklärung (von keinem historischen fakt belastet) automatisch atheistisch ist, ist nicht neu -- die ddr hat das ganz offen behauptet.

    dass diese einstellung weder toleranz noch friedliches zusammenleben fördert ist offensichtlich.

    ps: ich kann mich an keine christliches kinderbuch erinnern, das postuliert,
    dass, wer _nicht_ an Gott glaubt, beschränkt und verrückt sein muss.
    aber das liegt vermutlich nur an der beschränkheit der unaufgeklärten verfasser ...

  6. Ich schließe mich meinen Vorkommentatoren ohne Einschränkung an.Darüberhinaus kritisiere ich das falsche Fazit Jan Frees :"Schmidt-Salomon zeigt sich als selbstgerechter und eindimensionaler
    Religionshasser. Seine Heilserwartung ist die rückstandslos entzauberte
    Welt, die vollendete Moderne."
    Free bezieht sich schon vorher negativ auf bisherge Aktivtäten des Buchtexters und bringt damit unverhohlen seine Voreingenommenheit zum Ausdruck.Objektiv findet man in diesem Kinderbuch aber nicht "Religionshass" sondern Kritik an religiöser Praxis, insbesondere an institutionalisierter Religion.Genau das ist aber laut Kultusministerium Teil des Lehrplans im Religionsunterricht : "Gott ist überall, in jedem Baum und in jedem Herzen, und nicht nur in der Kirche, zu finden"Hinsichtlich "Heilserwartung" und "rücksichtslos entzauberter Welt" :Ferkelchen und Igel leben in einer heilen Welt und kehren auch dorthin wieder zurück. Aussage : es gibt eine heile Welt ohne institutionalisierten Gott.Entzaubert : Wenn ein Schwein und ein Igel Freunde sind, sprechen und gemeinsam auf Reisen gehen - dann ist das wunderschöner Kindeszauber.Fehlt nur noch, das Janosz' Bär und Tiger (mit Tigerente) nicht mehr nach Panama reisen dürfen, weil sie zur Steuerflucht verführen können.

  7. das ging etwas schnell hier im Forum. Ich schließe mich selbstverständlich nur meinen Vorkommentatoren 1.-3. an.

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