Politik ist, wenn man es trotzdem sagt: Nach dieser Devise prescht derzeit mit ungesicherten Prognosen eine Gruppe ungeduldiger Klimaforscher voran: Die politischen Entscheidungsträger im Blick, veröffentlichten sie eine Studie im angesehenen Wissenschaftsjournal PNAS , in der sie warnen, das Erdklima könne an verschiedenen Punkten wesentlich schneller umkippen als bisher gedacht .

Belege dafür sind in der Arbeit Mangelware. Stattdessen präsentieren die Forscher eine Meinungsumfrage unter Kollegen. Damit haben sie sich von einer belastbaren wissenschaftlichen Methodik verabschiedet. Und sie riskieren den (noch) guten Ruf der Klimaforschung .

Das Bild, das die Wissenschaftler vom Klimawandel an die Wand malen, ist mal wieder düster: Schon in zehn Jahren könnte die Arktis im Sommer eisfrei sein und schlagartig die Erderwärmung ungeahnt beschleunigen. Bereits in einem Jahr könnte die atmosphärische Zirkulation über Indien so sehr aus dem Ruder laufen, dass der Monsunregen chaotisch wird – und damit unberechenbar pendelnd zwischen extrem starken und schwachen Regenfällen.

Das sind nur zwei von neun sogenannte "tipping elements", am besten übersetzt als "Kippschalter des Klimas", die die Forscher im PNAS -Artikel auflisten. Allen ist gemeinsam, dass sich die klimatische Situation schlagartig mit möglicherweise großer Geschwindigkeit zum Negativen entwickeln kann, sobald ein bestimmter Wert - zum Beispiel die Temperatur - eine gewisse Grenze übersteigt. Das Tückische daran: Das kann auch passieren, wenn die Temperatur nur ganz allmählich steigt. Doch ist die Schwelle zur Katastrophe einmal überschritten, gibt es kein Zurück. Wie bei einer Kugel, die gemächlich einen Hügel heraufgeschoben wird. Sie mag noch so langsam über die Kuppe rollen, ist sie einmal darüber, kullert sie unweigerlich bergab.

So weit, so logisch. Doch mit den "tipping elements" des Klimas gibt es ein Problem: Klimamodelle können sie nicht prognostizieren . Prozesse, die in kurzer Zeit aus dem Gleichgewicht geraten, sind am Computer noch immer schwer simulierbar. Zwar lassen sich Systeme modellieren, die umkippen können, doch wann das realistischerweise sein wird, lässt sich nicht berechnen.

Kein Wunder also, dass die PNAS -Autoren bei einer „kritischen“ Durchsicht bisheriger Fachveröffentlichungen wenig Handfestes zum Thema fanden. Wo die Fakten als Grundlage für ihre Meta-Studie fehlten, griffen sie zu einem anderen Mittel der Wahrheitsfindung: "expert elicitation", auf Deutsch: Expertenumfrage. 193 Forscherkollegen baten sie weltweit um ihre Einschätzung, welchen der Kippschalter sie am gefährlichsten empfänden. 52 ausgefüllte Fragebögen erhielten sie zurück. Aus ihnen erstellten die Autoren eine Rangliste der bedrohlichsten Kippsysteme. Die Bewertungen der Wissenschaftler flossen anonym in die Studie ein, die Qualität der Experten lässt sich nicht kontrollieren.