Debatte "Die Armut ist gewachsen"

Der Politologe Klaus Schroeder hat Kollegen vorgeworfen, die Armut in Deutschland zu überzeichnen. Nun widersprechen Ökonomen: Sie sehen die soziale Balance in Gefahr

Der Politologe Klaus Schroeder hat letzte Woche gegenüber ZEIT online behauptet, dass Berichte über steigende Armut in Deutschland vor allem daran liegen, dass „sich Armutsforscher wichtigtun wollen, indem sie ihr Thema überbetonen." Sicherlich ist es so, dass die Öffentlichkeit bei jedem Wissenschaftler vorsichtig sein muss, ob er durch übertriebene Behauptungen auf sich und sein Thema aufmerksam machen will. Dies kann gleichermaßen durch Übertreiben oder Herunterspielen geschehen. Unsere Analysen zeigen aber, dass seit Mitte der neunziger Jahre die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland im historischen wie internationalen Vergleich ganz außergewöhnlich zugenommen hat.

Klaus Schroeder weist zwar zu Recht darauf hin, dass es keine eindeutige Armutsdefinition geben kann; allein deswegen sind auch verschiedene Zahlen im Umlauf. Aber alle Statistiken und Berechnungen deuten auf einen Anstieg der „Armuts-Risiko-Quote“ zwischen den Jahren 2000 und 2006 hin. Und auf diese Veränderungen kommt es an. Für den Anstieg gibt es gute Gründe. Zum einen vergrößern die steigende Zahl der Alleinlebenden und mehr Teilzeit- und Mini-Jobs die Einkommens-Ungleichheit. Zum anderen führt die Arbeitslosigkeit nun einmal – trotz Sozialstaat – zu massiven Einkommensausfällen. Wie weit im Aufschwung am Arbeitsmarkt Ungleichheit und Armut zurückgehen werden, wissen wir im Moment noch nicht. Einkommen sind nicht einfach statistisch messbar, und die Analyse der komplexen Daten braucht Zeit. Dass der jahrelange Anstieg der Ungleichheit durch einen kurzen Aufschwung wieder völlig wettgemacht wird, ist allerdings unwahrscheinlich.

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Anhand der verschiedenen Daten, die mit dem häufig ausgewerteten Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) erhoben werden, kann man zeigen, wie unterschiedliche Armutszahlen zustande kommen und welches Gewicht die Gegenargumente von Klaus Schroeder haben. Die Armuts-Risiko-Quote von 18,3, die bei der Erhebung im Jahr 2006 gemessen wurde, beruht auf Jahreseinkommen. Darin enthalten sind also etwa auch das Weihnachtsgeld und Sonderzahlungen, die im oberen Einkommensbereich häufiger sind als unten. Dadurch wird die Ungleichheit realistischer gemessen als mit Monatseinkommen, die Schroeder zitiert. Auf Basis von Monatseinkommen ergibt sich in der Tat nur eine Risikoquote von 14 Prozent.

Die Lebensumstände von Studenten, die Schroeder aus Armutsanalysen ausgeschlossen sehen will, sind in der Tat schwer zu beurteilen. Aber die Studenten in Wohnheimen sind in den SOEP-Ergebnissen ohnehin nicht enthalten, da sie – wie alle Bewohner von Heimen – aus den Analysen ausgeschlossen werden. Lässt man auch die Studenten weg, die in einer Privatwohnung leben (und deren Unterstützung durch die Eltern oftmals nicht richtig statistisch erfasst werden kann), dann sinkt die Armuts-Risiko-Quote von 18,3 auf 17,9 Prozent. Also: Das theoretisch richtige Argument hat empirisch praktisch keine Bedeutung.

Gewichtiger ist das Argument, dass die Zuwanderung nach Deutschland zu einem Anstieg der Armutsquote geführt hat. Ignoriert man alle Haushalte mit einem „Migrationshintergrund“, dann sinkt die gemessene Armutsquote von 18,3 auf 16,1 Prozent. Aber: Würde man Klaus Schroeder folgen und Zuwanderer statistisch gesehen „ausbürgern“, würde das die reale Lebenssituation in Deutschland nicht verändern. Von den schlechten Lebensumständen der Migranten sind nicht nur diese selbst, sondern alle Bürger betroffen.

Leser-Kommentare
  1. "Zumal weltweit Studien – so auch das SOEP – zeigen, dass höchste
    Einkommen die Bezieher keineswegs glücklich machen. Auch wenn der
    Einkommensanstieg oben gemäßigt verlaufen wäre, wären die Bezieher
    dieser Einkommen kaum unzufriedener." Je weiter wir uns von unserem Unglück entfernen, um so
    weniger wird uns unser Glück bewußt, und am Ende wird unser Glück, wenn
    wir nicht achtgeben, zur Quelle der Unzufriedenheit, die dafür sorgt,
    daß wir ins Unglück zurückfallen. Wahres Glück ist immer ganz in der
    Nähe des Unglücks.Aber weit oberhalb des Existenzminimums sorgt Geld allenfalls bei Dagoberts dauerhaft zur vermehrten Ausschüttung von Glückshormonen.

  2. Geld mag zwar ab einer gewissen Menge kaum zu einem Zuwachs an einem abstrakten Glücksgefühl führen, seine Funktion im Sinne eines Anreizinstruments verliert Geld mit wachsender Menge aber weitaus weniger. Am eigentlichen Problem geht das Zitat des Herrn Wagner m.E. also leider vorbei.

  3. Schroeder hat in seinem Zeit-Interview zwar sehr vorsichtig, aber doch recht deutlich auf die die Realität verzerrenden statistischen Spielereien der Armutsforscher hingewiesen. Göbel-Grabka-Wagner wollen dem widersprechen, treten jedoch, wie ja so oft in solchen Diskussionen, den besten Beweis für Schroeders vorsichtige Andeutungen an: es werden hier Zahlen aufgebauscht und die eigentlich interessierende Aussage, gibt es nun wirklich deutlich mehr Arme bei uns, versandet in der Willkür angeblich wissenschaftlicher Parameter. Mit 18,3 % geben die Armutsforscher das Risiko an, räumen dann ein, dass etwa eine Herausrechnung der von den Eltern unterhaltener Studenten zu einer Verminderung um 0,4 % führt (was man doch vernachlässige könne), und bei Herausrechnung der von uns aufgenommenen Armutsflüchtlinge aus aller Welt sich die Quote um weitere 2,2 % verringere (das aber sei eine Wiederausbürgerung der Armutsflüchtlinge – worum es ja nun überhaupt nicht geht, sondern ausschließlich darum, wie viel Arme es bei uns im Bestand unserer Gesellschaft, also gewissermaßen nachhaltig gibt, natürlich ohne Hinzurechnung aller Armen der ganzen Welt, die wir aufzunehmen uns entweder leisten können oder auch nicht). Somit korrigieren Göbel-Grabka –Wagner  ihre Horrorziffer bereits selber um 2,6 % mithin auf 15,7 %. Dann gestehen sie noch einen weiteren Trick aus der statistischen Trickkiste ein, indem sie Schroeder zugeben müssen, dass die Armuts-Risikoquote  nur 14 % betrage, wenn man die Monatseinkommen betrachte und Urlaubs- und Weihnachtsgelder außer Betracht lasse. Nun sollte man doch eigentlich annehmen, dass es bei der Armutsforschung nicht um Wohlbefinden (wie aufgrund von Boni und Gratifikationen hergestellt) geht, sondern um Beschreibung von wirtschaftlichen Mindest-Lebensbedingungen, die in unserer Gesellschaft in einer konsensfähigen Weise nicht mehr als angemessen angesehen werden.  Das lässt sich wohl nur anhand des laufenden Einkommens entscheiden, also eher dem Monatseinkommen als einem Jahreseinkommen (übertrieben gesagt  könnte man dann ja statistisch auch ein Lebenszeiteinkommen mit heranziehen) entnehmen. Betrachtet man somit das laufende Einkommen, dann sind weitere 4,3 % abzuziehen und die Risikoquote liegt nur noch bei 11,4  % . Ich glaube, das hat Schroeder offensichtlich gemeint und wird durch die nunmehrige Erläuterung aus der Praxis der Armutsforscher bestätigt, oder, wie man in der Mathematik sagt, q.e.d. (quod erat demonstrandum).
    Karsten Cascais

    • popey
    • 05.02.2008 um 14:43 Uhr

    Warum funktioniert eigentlich Geld als Anreizinstrument bei den Beziehern niedriger Einkommen so schlecht? Wahrscheinlich weil, wenn diese  den ganzen Tag kalkulieren und verhandeln würden, sie keine Zeit und Kraft zum arbeiten mehr hätten. Es ist wirklich eine Schande wieviel Geld angehäuft wird, daß keinen Gegenwert in Lohnarbeit hat.  

  4. Wir sprechen hier nicht über Glück, sondern über Armut und
    das ist ein wirtschaftlicher Begriff. Den muss man irgendwie fassen, dafür gibt
    es Wissenschaftler, denen wir dankbar sein sollten, wenn sie uns hier Parameter
    zur Verfügung stellen, wie den Armuts-Risiko-Faktor. Und dieser liegt mit 18,3
    % erschreckend hoch, was das auch im Einzeln immer bedeuten mag. Ob Geld
    glücklich macht, interessiert jedenfalls solange nicht, solange es um die
    Befriedigung der elementarsten Lebensbedürfnisse geht. Geld macht auf jeden
    Fall satt, weil man damit Essen kaufen kann! Und wohin diese ganze Herumkrittelei
    an den wissenschaftlich zweifelsfreien Ergebnissen der Armutsforschung führt, zeigen
    doch Wissenschaftler wie Schroeder, aber nicht weniger Menschen wie mein
    Mitkommentator karstencascais,  dass man
    selbst die Ärmsten der Armen ausgrenzen will, die in ihrer letzten Not zu uns
    kommen und mit unserer Hilfe nur überleben können. Wenn solche Wohltätigkeit unsere
    Gesellschaft eben, auch nachhaltig, ärmer macht, so gehört dies nicht weniger
    in die Beschreibung der bei uns immer weiter zunehmenden Armut! Solidarität mit
    den Ärmsten der Welt hat eben ihren Preis. Stefan

    • HAKAHA
    • 05.02.2008 um 14:54 Uhr

    Zu #3
    Es kommt nicht darauf an, was man gerne als Ergebnis hätte.
    Jemand in den oberen Einkommensschichten rechnet nicht in Monats- sondern in Jahreseinkommen. Es ist auch völlig unerheblich wie das Einkommen übers Jahr verteilt wird. Daß Gehälter monatlich gezahlt werden und Weihnachts- und Urlaubsgeld oder Bini einmal jährlich ändert doch nichts am verfügbaren Einkommen.
    Ohne Statistiken kennen zu müssen, kann man doch schon behaupten, daß das Einkommen aller Transferleistungsempfänger (Rentner, Pensionäre, H4-Empfänger) allein schon aus inflationären Gründen gesunken ist. Hinzu kommt die dramatische Änderung bei Erwerbs- und Berufsunfähigkeitsrenten in der GRV. Das diese Änderung so geräuschlos durchgegangen ist, liegt nur daran, daß sie zunächst doch nur von Fachleuten registriert wurde. Denn bei Einführung der Erwerbsminderungsrente war zunächst niemand betroffen. Für die Bezieher laufender EU- und BU-Renten änderte sich nichts und für ältere Versicherte, die vor dem Stichtag geboren wurden auch nicht. Mittlerweile sind aber immer mehr Menschen davon betroffen, so daß die SPD (die die Änderung mit eingeführt hat) hier Handlungsbedarf sieht.
    Weiterhin darf bei der Betrachtung des Armutsrisikos nicht nur die Einkommensverteilung betrachtet werden. Nicht unerheblich ist auch die Vermögensverteilung. 30% der Bevölkerung gehört ca. 90% des Vermögens. Wenn ich in einem bezahlten Haus mietfrei lebe, muß ich zwar weniger meines Einkommens fürs Wohnen ausgeben als ein Miet- oder Hypothekenzahler. Die ersparten Aufwendungen der Vermögenden fließen aber nicht in die Berechnungen ihres Einkommens hinein. Die Rechnung kann erweiter werden für Autos (der größte Teil der privaten Fahrzeuge ist geleast oder teilfinanziert, über Dienstwagen verfügen in der Regel Besserverdiener).
    Die tatsächlichen Einkommensunterschiede dürften also eher höher sein als von den Statistiken ausgewiesen.
     
    Harald Konrad-Hammersen

  5. kartencascais, wenn Sie hier auf die sog. Armutsflüchtlinge verweisen, die Sie aus der Statistik entfernt sehen wollen, verkennen Sie vollkommen, dass die allermeisten seit Jahrzehnten hir ansässig sind - gerade weil wir keine angemessene Einwanderungspolitik haben und die Möglichkeit, über das Asylgesetz hier ansässig zu werden seit Anfang der 90er nicht mehr gegeben ist. Meist handelt es sich um die Nachkommen derer, deren Arbeit in den Jahren 1960- ca. 85 hier zu mehr Wohlstand geführt hat. Weshalb also sollte man diese Familien nun nicht mehr mitzählen-sie sthen ja nicht außerhalb des Wirtschaftsgeschehens im Land. Außerdem müsste man dann auch all jene Deutschen mitberücksichtigen, die in wachsender Zahl nun ihrerseits sich als Wirtschaftsflüchtlinge im Ausland ansiedeln - denn die fallen aus der Statistik ebenso heraus, wiewohl sie in anderen Ländern, im Gegensatz zu Deutschland gute Chancen auf ein mittleres bis gutes Einkommen haben.

  6. In beiden Artikeln wurde nicht klar gesagt, über welchen Zeitraum sich "Armut" abspielt, denn nur längerfristige Armut dürfte hier überhaupt relevant sein. Und wie Schröder anhand der Studenten aufgezeigt hat, kommt es auch durchaus auf die Perspektiven an. Damit relativiert sich Armut in mindestens einigen Millionen Fällen.Hier mein persönliches Beispiel: Als ich mich vor einigen Jahren von meiner Freundin trennte, wurde sie "plötzlich" schwanger. Kurz darauf durfte ich 8 (!) Jahre lang Unterhalt für Mutter und Kind zahlen und "verdiente" über mehrere Jahre nur den Mindestbehalt von 750 Euro im Monat. Damit war ich faktisch "arm". Da Mütter in Deutschland aber bis vor kurzem nicht arbeiten mussten, bis ihre Kinder 8 Jahre alt waren, gehörte meine Ex während dieser Zeit zu den rund 2 Millionen Alleinerziehenden in Deutschland, von denen rund die Hälfte als arm gelten (mein Sohn war sowohl im Kindergarten als auch in der Grundschule vollzeit betreut). Leider durfte ich mich trotzdem nicht an der Erziehung meines Sohnes beteiligen, weil das meine Ex boykottierte, sodass noch mehr Geld für Anwälte und Gerichte beim Streit ums Umgangsrecht draufging (und was ihr die staatlichen und meine Transferzahlungen sicherte). Dies ist ein wunderschönes Beispiel für staatlich organisierte "Verarmung".PS: Nach 5 Jahren Kampf ums Kind bin ich letztes Jahr frustriert in die USA ausgewandert und habe seitdem kein bischen Verständnis mehr für "arme" Alleinerziehende. Als promovierter Naturwissenschaftler hätte ich gut verdienen und mich gleichzeit hälftig (!) um meinen Sohn kümmern können, aber in Deutschland wurde ich so abgezockt, dass ich schlicht keine Lust mehr zum Arbeiten hatte und lieber arm war als mich ausnehmen zu lassen. Und ja: gerade mit meiner eigenen Erfahrung, ganz unten gewesen zu sein, muss ich mich ab und zu auskotzen über das Gejammer über (auch politisch gemachte!) Armut in Deutschland.

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