Der kleine Tiger ist noch da. Die Grußkarten von Janosch stehen weiterhin im Online-Shop der deutschen Unicef. Die Schwimmerin Sandra Völker hat sich hingegen als Unicef-Botschafterin verabschiedet. Auch Heide Simonis, ehemalige Ministerpräsidentin und seit Januar 2006 Unicef-Vorsitzende, legte am Wochenende ihr Amt nieder. Mehr als 5000 Dauerspender, die das Kinderhilfswerk regelmäßig unterstützen, taten es ihr nach.

Der deutsche Ableger des international agierenden UN-Kinderhilfswerks erlebt momentan das, was für eine Nonprofit-Organisation, den absoluten Supergau bedeutet: Dem Hilfswerk der Vereinten Nationen wird Misswirtschaft, Verschwendung von Spendengelder und horrende Vermittlungsprovisionen vorgeworfen. Statt den hungernden Kindern in Afrika zu helfen, sollen diejenigen, die Spenden eingetrieben haben, fürstlich entlohnt worden sein. Alleine von den im Jahr 2006 gesammelten 97,3 Millionen Spendengeldern hätten angeblich 17,5 Millionen die Kinder nicht erreicht. Alles Geld, das mit Hilfe eines Netzwerks von Ehrenamtlichen in mühevoller Kleinarbeit gesammelt oder von großen Firmen gespendet worden war. Selbst die Bundesregierung ist besorgt: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte das Hilfswerk am Dienstag auf, alle Vorwürfe so rasch wie möglich zu klären. Der besondere Ruf von Unicef als Hilfsorganisation der Vereinten Nationen dürfe keinen Schaden nehmen, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg.

Nun ist statt der Spender die Staatsanwaltschaft am Zug. Genauere Informationen über die Vorerhebungen gegen den langjährigen Unicef-Geschäftsführer Dietrich Garlichs wegen Anfangsverdachts auf Untreue werden von der Staatsanwaltschaft Köln nicht bekannt gegeben. Nur so viel: Das Verfahren läuft weiter. Derweil liegen die Verluste an Spendengeldern laut Unicef bereits bei 3,5 Millionen Euro. Wie konnte es aber überhaupt so weit kommen, dass nun die Staatsanwälte sich durch die Akten einer jener Hilfsorganisationen wühlen, zu denen die Deutschen mit Abstand das meiste Vertrauen hatten? Und wer ist dafür verantwortlich?

Margret Schröder weiß, wer schuld hat. Vor 25 Jahren dachte sich das Ehepaar Schröder "uns geht’s gut, also wollen wir anderen Gutes tun" und meldete sich als Freiwillige bei der Unicef. Seitdem war ihr Mann Arbeitsgruppen-Leiter in Niederrein, seine Frau half als einfaches Mitglied. Sie bunkerten Unicef-Weihnachtskarten in ihrem Keller, trugen sie zu den Verkaufsstellen, bauten eine zwanzigköpfige Arbeitsgruppe auf – und lösten diese nach dem vergangenen Dezember wieder auf. „Man fühlt sich enttäuscht und schlecht“, sagt Schröder, „es ist schwierig, den kleinen Spendern zu vermitteln, dass ihre Spende ankommt, wenn gleichzeitig die Geschäftsführung mit dem Spendengeld so locker umgeht.“

Wie locker das Geld sitzt, stand bereits vergangenen Mai in einem anonymen Schreiben, das damals auf Heide Simonis Schreibtisch landete. Darin wurde über exorbitant hohe Provisionen für professionelle Spendensammler und Chaos im Management der Organisation berichtet. Simonis rief eine Sondersitzung des geschäftsführenden Vorstands ein. Aber weder die vielen Ehrenamtlichen noch der Vorstand wurden über die Vorwürfe informiert. Das ärgert Rolf Seelmann-Eggebert noch heute. „Ich musste davon aus der Zeitung erfahren“, sagt der ehemalige Programmdirektor des NDR. Er sitzt seit vielen Jahren im Vorstand von Unicef. Und wusste selbst erst, was los war, als er Ende November die Frankfurter Rundschau aufschlug. Die Zeitung veröffentlichte als Erste die in dem anonymen Brief erhobenen Vorwürfe, berichtete über „dubiose Geldflüsse“ bei den Kinderschützern.