Vergessene Autoren
Am Ende steht das Irrenhaus
Beim Namen Louis-Ferdinand Céline rümpfen deutsche Leser oft die Nase. In Frankreich gilt er als einer der wichtigsten Romanciers. Mit Recht.
Louis-Ferdinand Céline ist kein vergessener Autor, sondern ein verpönter. Wer seine Bücher liest, muss sich rechtfertigen: Wieso lese man einen solchen Antisemiten, einen üblen Faschisten? Wer keinen wissenschaftlichen Grund vorgeben kann, erntet Naserümpfen. In Frankreich ist Céline mittlerweile einigermaßen salonfähig; man muss nur wissen, welche seiner Schriften man nicht erwähnen oder gar loben darf. In Deutschland wirken die antisemitischen Hetzschriften Célines aus den späten dreißiger Jahren stärker nach: Sie machen aus ihm einen unmöglichen Autor.
Im Jahr 1932 publizierte der Pariser Arzt Louis-Ferdinand Detouches unter dem Pseudonym Céline den Roman namens Reise ans Ende der Nacht . Sein Buch wird begeistert aufgenommen. Es sei eine "Bombe", eine "Granate", ein "Schock". Stilistisch eine Attacke auf den gesamten französischen Literaturbetrieb, inhaltlich eine Erschütterung des Selbstverständnisses der Moderne. Mehr als 100 Rezensionen widmen sich der Reise, und sogar die kritischen würdigen die innovative Sprache und die aufrüttelnde Wirkung des Werks. Sein Autor gilt bald als "weltberühmt" und als "Phänomen".
In armen Verhältnissen wuchs er auf, im Ersten Weltkrieg trafen ihn Schüsse schwer an Arm und Schulter. Nach einem Aufenthalt in Kamerun beginnt er ein Medizin-Studium und spezialisiert sich auf Seuchen und Hygiene. Ab 1924 arbeitet er für den Völkerbund und reist viel, unter anderem in die USA. Gegen Ende des Jahrzehnts kehrte er als praktizierender Arzt nach Paris zurück.
Alle Stationen seines Lebens verarbeitet er in Reise ans Ende der Nacht . Sein Protagonist, Ferdinand Bardamu, zieht als einfacher Soldat in den Krieg. Während eines Heimaturlaubs bringt ihn ein Nervenzusammenbruch in die Psychiatrie. Dann flüchtet er vor seiner Angst ins tropische Afrika. Dort von Malaria und der kolonialen Gesellschaft gemartert, gelangt er in die USA. Doch Bardamus Odyssee bringt ihn zurück in die Pariser Armenviertel und endet schließlich wieder in einer Irrenanstalt: allerdings nicht als Patient, sondern als Leiter.
Die Geschichte eines gesellschaftlichen Aufstiegs ist die Reise dennoch nicht. Sie erzählt von Elend, Zerfall, Leid, Gier. Célines Buch ist hoffnungslos: Zwischen Weltkrieg, Kolonialismus, urbaner Vereinsamung und kapitalistischer Ausbeutung verliert der Protagonist jede Vorstellung von Hoffnung oder Glück. Undenkbar, dass sein Leben anders enden könnte als in einem einsamen Tod.
Nicht bloß der Inhalt allein reizt an Célines Roman. Denn dass die menschliche Existenz eine erbärmliche und eklige ist, wusste bereits Thomas Hobbes Jahrhunderte zuvor. Die Sprengkraft des Buchs findet sich im Stil: Als einer der ersten französischen Autoren verfasst er die Erzählpassagen seines Romans nicht in der üblichen Hochsprache, sondern benutzt durchgängig die ungeschönten Sprechweisen der unteren Schichten.
- Datum 5.2.2008 - 04:20 Uhr
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Der Autor ist die eine Seite. Das Buch ist die andere Seite. Kann man das voneinander trennen? Muss man es sogar? Wie wird man - nach Jahren, nach Jahrzehnten - einem Schriftsteller gerecht, der einerseits einst ein Furore machendes Buch geschrieben, andererseits sehr krude Äußerungen gegenüber den Nazis hinterlassen hat? Ein inzwischen berühmt-berüchtigtes Beispiel hierfür ist Ernst Jünger. Er hat Zeit seines Lebens ebenso Kritk als auch höchste Anerkennung erfahren. Proportional ganz unterschiedlich: In Frankreich hat man ihn bis zuletzt mehr geschätzt als in Deutschland.Man sollte wissen, was für ein Mensch hinter einem Buch, hinter seinem Oeuvre steht. In den meisten Fällen ist es auch richtig, eine gewisse kritische Distanz zu wahren. Aber allein ein Werk abzulehnen, weil deren Schöpfer eine naive Einstellung gegenüber den Nazis hatte, sich vielleicht sogar "andienen" wollte, reicht nicht. Die Zeiten, in denen - wie in diesem Fall - diese Bücher geschrieben wurden, sind zumeist nicht mit den Zeiten zu vergleichen, in denen sie gelesen werden!Ein weiteres Beispiel: Knut Hamsun. Genial und verrückt? Oder am Ende nur altersstarrsinnig?
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