Integration Mit zweierlei Maß
Assimilation sei ein "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", sagte der türkische Ministerpräsident Erdogan - starker Tobak. Etwas mehr Sensibilität würde aber auch seinen Kritikern nicht schaden
"Du sieht den Splitter im Auge deines Nächsten, den Balken im eigenen Auge siehst du nicht!" Die Worte Jesu kommen einem in den Sinn, wenn man die Worte des türkischen Ministerpräsidenten Recep T. Erdogan einen Moment auf sich wirken lässt. "Integriert euch, aber assimiliert euch nicht", hat Erdogan vor 18.000 seiner Landsleute in der Arena von Köln gesagt und Assimilation als "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" bezeichnet.
Das mag schon sein, doch ist es starker Tobak für den Regierungsführer eines Landes, in dessen Verfassung es bis Mitte der Neunziger das Wort "verbotene Sprache" gab, gemeint war Kurdisch, und in dessen Verfassung es noch heute heißt, "keine andere Sprache als Türkisch darf türkischen Staatsangehörigen als Muttersprache gelehrt werden". Zwar sind im Zuge der EU-Reformen, private Kurdischkurse erlaubt. Doch wer auf Transparenten die Buchstaben X und W gebraucht, die es im Türkischen nicht gibt, wird wegen Separatismus angeklagt.
Die Lehrergewerkschaft Egitim-Sen musste die Forderung nach Unterricht der Muttersprache aus den Statuten nehmen, um einem Verbot zu entgehen. Und wer dem Nachwuchs einen kurdischen Namen geben will, riskiert, dass er vom Meldeamt zurückgewiesen wird.
"Wer vor euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein", fällt einem ein, wenn man die Reaktionen betrachtet, die Erdogans Kölner Rede in Bayern losgetreten haben. CSU-Chef Erwin Huber kann gar nicht fassen, dass Erdogan auf deutschem Boden türkischen Nationalismus betreibe, und Bayerns Innenminister Günter Beckstein ist entsetzt, weil Erdogan die türkische Kultur über deutsche gestellt habe.
Was ist die Sprache doch verräterisch! Das heißt ja wohl, dass man in Deutschland nur deutschen Nationalismus treiben darf. Und dass die deutsche über der türkischen Kultur stehen soll, ist bei so viel Empfindlichkeit wohl nicht ganz auszuschließen. Exakt dieselbe Geisteshaltung herrscht in der Türkei - jeder sagt: "Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist der Schönste im ganzen Land?" Selbst wenn man in Rechnung stellt, dass Deutschland Gründungsmitglied der EU ist und die Türkei an den Irak, Iran und Syrien angrenzt, und dass deshalb die Dinge vielleicht nicht mit dem gleichen Maß zu messen seien, so findet man doch viel Gemeinsamkeiten in dem Umgang mit Minderheiten und der Begeisterung für Assimilation.
- Datum 13.02.2008 - 02:20 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 12.2.2008
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Das ist ja gerade der Punkt in dieser Debatte: Autochthone Gruppen - also solche, die "schon da waren" - haben selbstverständlich Minderheitenstatus, wer aber aus freiem Entschluß in ein Land einwandert, sollte sich den dortigen Gepflogenheiten anpassen. Deshalb ist der Hinweis auf die Kurden in der Türkei schief im Zusammenhang mit den Türken in Deutschland.
(Und was ist denn mit den Kurden in Deutschland? Dürften die eine
eventuelle türkische Schule hier besuchen? Oder lieber kurdische
Schulen, auf die auch Türken gehen könnten?) Wie wäre es, wenn die Einwanderer zum Beispiel ihre Nachnamen an das Deutsche anpaßten, wie viele Deutsche das in USA getan haben (Smith, Miller, Boeing). Wie wäre es denn mit Ötzmeier statt Özdemir? Klingt doch gleich besser, oder?
ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit?Eben, der Versuch eine Bevölkerungsgruppe zwangsweise zu "assimilieren", misslingt, wie man an den Kurden sieht. Assimilierung kann nur freiwillig sein und dann ist sie auch kein Verbrechen, sondern eine autonome Entscheidung der jeweiligen Gruppen. Ein Verbrechen ist die zwangsweise Unterdrückung eigener kultureller Eigenheiten wie Sprache und religiös-kulturelle Ausprägungen wie es die Türkei seit Jahrzehnten tut. Und das hat nichts mit Assimilation geschweige denn Integration zu tun. Hier hat niemand Türken verboten, ihre Sprache zu sprechen, ihre Medien zu lesen und zu sehen und ihre Bräuche zu pflegen.Allerdings wird die Forderung nach der Aneignung und dem Gebrauch der deutschen Sprache im öffentlichen Raum und der Anerkennung deutscher Gesetze und europäisch geprägter Wertvorstellungen lauter. Was daran unzumutbar ist, soll mir mal jemand erklären. "Türkische" Werte, die damit vereinbar sind, sollen sie bewahren und uns vor denen verschonen, die nicht damit vereinbar sind. Das ist überall und immer das Gebot eines Zusammenlebens von Ursprungsbevölkerung und Zugewanderten.
die Zeit für SENSIBILITÄTEN ist ABGELAUFEN - wir waren viel zu LANGE SENSIBEL - es wird Zeit, Tacheles zu reden....
Ich habe mich integriert, möchte mich aber nicht assimilieren. Was jetzt?
zu ihrem tiefen und hoffentlich erholsamen Winterschlaf
"und Bayerns Innenminister Günter Beckstein ist entsetzt, weil Erdogan die türkische Kultur über deutsche gestellt habe."
Aufpassen, bald müssen Sie Ihren inneren Schalter umstellen auf Frühjahrsmüdigkeit
Es wäre ja schon ein Zeichen, wenn türkischstämmige Jungen nicht mehr Djihad oder Osama, sondern Bernd oder Gerhardt heißen würden.Der Bürgermeister von Colmar im Elsaß heißt schließlich auch Gilbert Meyer und nicht Fritz Meyer und Donald Rumsfeld heißt auch nicht Hermann.
Bei soviel Unverschaemtheit weiss man gar nicht wo man Anfangen soll! Ich wuerde nur zu gerne (oder vielleicht lieber doch nicht) die Reaktionen der tuerkischen Bevoelkerung und ihrer Politiker sehen, wenn Frau Merkel bei einem Tuerkeibesuch die Vorzuege des Deutschen Nationalismus, der westlich, saekulaeren Weltanschauung oder der christlichen Religion predigen wuerde und Deutsche in der Tuerkei zur Bewahrung all ihrer nationalen und kulturellen Eigenarten aufforderte. Erinnert sich noch jemand an die Reaktionen der Tuerken (und anderer Muslime) als der Papst die Vorzuege des Christentums (gegenueber dem Islam) hervorhob?! Die "Tuerkenpredigt" eines tuerkischen Politikers auf Deutschlandbesuch kann man wohl NICHT mit Reden Deutscher Politiker in Deutschland ueber die Vorzuege Deutscher Kultur und Errungenschaften gleichsetzten. Genausowenig kann man die Freiheiten historisch gewachsener, lokaler Minderheiten mit den Rechten und Pflichten von (urspruenglich arbeitssuchenden) Migranten vergleichen. Meiner Ansicht nach ist der Schutz und die Foerderung der eigenen Kultur eine der Grundrechte und Grundpflichten eines Staatswesens. Deutschland ist da keine Ausnahme, wenn wir unseren Platz als eine der tragenden Saeulen eines vereinten Europa behaupten wollen, muessen wir uns darueber im Klaren sein, dass es dafuer eines gewissen Masses an kulturellem und nationalen Stolzes bedarf. Wie koennen wir als Deutsche einen wertvollen Beitrag zu einem supranationalen Europa leisten, wenn wir uns bemuessigt fuehlen zuhause unser eigenes kulturelles und nationales Licht unter den Scheffel zu stellen, nur um einem schwammigen Konzept von "political correctness" zu genuegen? Wem es in Deutschland nicht gefaellt, der kann ja gehen, soweit ich weiss funktionieren die Zugverbindungen und Fluege in die Tuerkei recht gut!
Ist ja OK, dass der Erdogan seinen (fast) Landsleuten gut zuredet. Und ist auch OK, dass sich viele Deutsche auf den Schlips getreten fuehlen, denn beide Seiten haben offentsichtlich KEINE Ahnung wovon sie reden.
Es ist aber SEHR hart, dass ein Ministerpraesident eines Landes, welches die Armenier fast ausgerottet hat und sich heute weigert dieses Faktum in Schulbuecher aufzunehmen, das Thema im Unterricht deutscher Schulen und in Ausstellungen in New York verbietet, sich derart bruestet, fuer die Menschlichkeit einzutreten.
Schauen wir uns doch mal Merkel an, die macht das ganz vortrefflich, die ignoriert den Erdo ganz einfach. Ich moechte mich hiermit fuer den Titel eines vergangenen Artikels aussprechen: "Mehr Gelassenheit bitte". Hallo: glaubt hier jemand solche national-rohen Reden des End-o-Kahns bewirken auf deutschem Boden etwas? Das einzige was passiert - und das finde ich die eigentliche Frechheit - der Tuerke in Deutschland wird verarscht.
Waere schoen einmal eine tuerkische Gegenseite zu Erdogan zu hoeren. Denn die gibt es hier.
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