Laetitia Masson ist eine zarte Erscheinung. Im Interview strahlen ihre Augen, wenn sie von den Filmen und Regisseuren erzählt, die sie verehrt. Der Filmemacher Jean-Luc Godard zählt dazu. Mit vier hat sie Une femme mariée zum ersten Mal gesehen. Sie wuchs auf in einer Familie von Filmbegeisterten.

Coupable läuft auf der Berlinale im Panorama-Programm. Es ist ihr sechster Spielfilm und anders als alles, was sie bisher gedreht hat. Und dies nicht einmal der Geschichte wegen. Bereits Haben (oder nicht) , ihr erster Langfilm, erzählte von den Schwierigkeiten der Liebe. Von Vertrauen und Angst und der Sehnsucht nach Nähe. Sandrine Kiberlain spielte darin die Hauptrolle. Haben (oder nicht) machte sie bekannt.

In Coupable sind es Hélène Fillières, Jérémie Rénier, Amira Casar, Denis Podalydès, Anne Consigny und Marc Barbé, die sich durch ein undurchdringliches Beziehungsgeflecht kämpfen. Ein Mord geschieht. Ein Mann liegt mit einem Küchenmesser im Rücken auf dem Boden. Hinzu kommen ein luxuriöses Anwesen, eine Hausangestellte, eine Hure, ein Detektiv, ein Anwalt. Es ist das Arsenal eines klassischen Kriminalfilms.

Masson macht etwas anderes daraus. Sie nutzt die Genre-Momente zur Reflexion über die Liebe. Mit einer kleinen, semiprofessionellen Kamera gedreht, strahlen die digitalen Bilder von Coupable eine Kälte aus, die sich in den Beziehungen der handelnden Personen wiederfindet. "Es ist ein Film über die Liebe", sagt Masson im Interview, "aber ein Film über die Liebe als Verbrechen."

Coupable beginnt als soziologische Studie. Die Hauptfiguren werden interviewt: Mit Blick in die Kamera erzählen sie von sich und ihrem Verhältnis zu den anderen Figuren. Coupable verleiht dies eine Künstlichkeit, die die erzählte Geschichte immer wieder aus der reinen Fiktion herauslöst.

Akribisch sind die Dekors gestaltet. Ein Esszimmer wie aus einem Designer-Laden, kalt und unwirtlich. Figuren, die wie auf einem Schachbrett hin- und hergeschoben werden. Ein Detektiv, der parallel mit dem Zuschauer die Protagonisten belauscht und Notizen macht: Masson bedient sich eines Genres und macht sich zugleich darüber lustig. Ihre Bilder überhöhen, was die Geschichte nur andeutet. Ein Angler fischt in einem See. Masson legt Spuren, lässt die Ermittlungen aber ins Leere laufen.

"Mein ganzes Leben ist eine Suche nach der Wahrheit", sagt sie. Das trifft auch auf die Figuren ihres Films zu. Die Suche nach dem perfekten Partner, der fehlenden Hälfte, möchte sie als sinnlos entlarven. Jacques Lacan wird zitiert. Es geht um die Liebe, um den Grund des Begehrens. Der französische Philosoph Michel Onfray greift diesen Gedanken in seinem Buch Théorie du corps amoureux auf. Im Film ist er aus dem Off zu hören. Er leitet über zu zwei Figuren, denen am Ende so etwas wie Liebe möglich ist. Eine muss dafür lügen, die andere töten, schuldig werden. Coupable ist ein pessimistischer Blick auf Paarbeziehungen. Laetitia Masson würde sagen: realistisch.