Berlinale Zwischen Party und Psychose

Die Dokumentation "Flipping Out" folgt jungen Israelis, die nach ihrem Wehrdienst durch Indien reisen - oft am Rande des Nervenzusammenbruchs

"Die Seele eines Juden ist immer auf der Suche", sagt Dany Winderbaum. Diese Suche findet gerne in Indien statt, dorthin zieht es 60 Prozent aller Israelis nach ihrem Wehrdienst. Mit ihrem Abschlusssold finanzieren sich die jungen Männer und Frauen ein paar unbeschwerte Monate zwischen Hängematte und Technopartys. Haschisch, Ecstasy, LSD sollen helfen, die Erinnerung an drei Jahre Militärdienst im Westjordanland oder Gazastreifen verblassen zu lassen.

Aber es gibt auch jene, bei denen die Partys und Drogen nicht zum Vergessen, sondern zum Aufbrechen der unverarbeiteten Geschehnisse führen. Sie drehen durch. Flipping Out , der Dokumentarfilm des 37-jährigen israelischen Regisseurs Yoav Shamir, beleuchtet dieses Phänomen.

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In Indien haben sich gleich mehrere israelische Organisationen angesiedelt, um den Ausgeflippten helfen zu können. Der orthodoxe Winderbaum will die verirrten Seelen mit Gottes Hilfe heilen, die "Warm Houses" der israelischen Anti-Drogen-Behörde versuchen es mit weltlichen Methoden. Um die ganz harten Fälle kümmert sich Hilik Magnus. Der ehemalige Mossad-Agent spürt die Gewalttätigen und Unberechenbaren auf und verfrachtet sie kurzerhand ins Flugzeug Richtung Israel. Eine der aberwitzigsten Szenen des Films zeigt, wie der weißbärtige Ex-Geheimdienstler einen jungen Mann, der sich für Gott und den besten Freund von George W. Bush hält, ins Taxi zum Flughafen bugsiert.

Mit Flipping Out schließt Regisseur Shamir an seinen 2003 gedrehten Film Checkpoint an, der von israelischen Soldaten in den besetzten Gebieten handelte. Auch in seiner neuen Dokumentation befragt er junge Männer und Frauen zu ihren Erlebnissen in der Armee. Erstaunlicherweise äußern sich nur die wenigsten negativ. Erst der Wehrdienst habe ihn zum Mann gemacht, behauptet ein rotäugiger Ex-Soldat, der gerade einen tiefen Zug aus der Hasch-Pfeife genommen hat. Ein 23-Jähriger zeigt sich völlig verwundert über die Frage, ob er je Gewissenskonflikte bei Einsätzen im Westjordanland gehabt habe. Nein, sagt er und schaukelt ruhig weiter in seiner Hängematte, Zweifel habe es nicht gegeben.

Zu Beginn ihres Wehrdienstes waren diese Indienreisenden fast noch Kinder. Was aus ihnen geworden ist, müssen die meisten erst noch herausfinden. "Nach den drei Jahren in der Armee ist ihre Identität zerstört", sagt Guy, ehemaliges Mitglied einer Eliteeinheit im Gazastreifen, der seit sechs Jahren als Maler in einer abgerissenen Hütte in Nordindien lebt. "Zum Abschied bekommen sie ihren Bonus von 15.000 Schekel (etwa 2850 Euro) und werden zur Rehabilitation außer Landes geschickt."

Ob der Militärdienst tatsächlich die Hauptursache für die zahlreichen Psychosen ist, beantwortet Flipping Out leider nur unzureichend. Der Regisseur sammelt zwar viele Stimmen ein, geht aber in keinem der Fälle in die Tiefe. Was den Ausgeflippten passiert ist, welchen familiären oder gesellschaftlichen Hintergrund sie haben – Fakten, die zum Verständnis einer Krankengeschichte unerlässlich sind –, erfährt man nicht. Auch einige unabhängige Stimmen, etwa von Ärzten oder Psychologen, hätten dem Film gutgetan.

Ein interessantes Bild der israelischen Gesellschaft zeichnet Flipping Out dennoch. Wie während ihrer Einsätze in den Palästinensergebieten fühlen sich einige der Ex-Soldaten auch im Urlaubsort nur sicher in der Gemeinschaft mit ihren Kameraden. "In einer Gegend, wo uns alle hassen, haben wir die Macht, weil wir so viele sind", erklärt ein sichtlich benebelter junger Mann. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist jedoch nur ein scheinbares. Es könne nicht über die schreckliche Einsamkeit hinweghelfen, die junge Leute während ihres Trips erlebten, sagt Magnus, der Mann für die schweren Fälle. "Denn niemand anderes kann dir die Frage beantworten: Warum bin ich eigentlich hier?"

 
Leser-Kommentare
    • Kokaid
    • 13.04.2008 um 10:26 Uhr

    ...deshalb würde ich mir diesen Film gerne anschauen. Vielleicht können Sie Frau Ströbele oder ein Leser mir einen Tip geben wie und wo man an solche Filme kommt ?

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