Berlinale Spülstein-Realismus im Flamenco-Rhythmus
Mike Leighs beschwingte Komödie "Happy-Go-Lucky" bringt Farbe ins Festivalprogramm und hat das Premierenpublikum auf seiner Seite
Wenn nach all den schwergewichtigen Werken der vergangenen Festivaltage, nach There Will Be Blood , Julie und Standard Operating Procedure , Polly zum ersten Mal auf der Leinwand zu sehen ist, muss man lächeln. Ausgerechnet Mike Leigh, der Meister britischer Kitchen-Sink -Dramen, hat den bislang beschwingtesten Film der 58. Berlinale abgeliefert. Happy-Go-Lucky ist ein grellbunt überdrehtes Musical ohne Musik. Ein Film, der vor einem ernsten Hintergrund eine Leichtigkeit entfaltet, wie man sie bislang im Festival und auch von Mike Leigh noch nicht zu sehen bekam.
Der Titel Happy-Go-Lucky - zu Deutsch etwa "sorglos", "unbeschwert" - ist Programm. Der Film tanzt - und mit ihm die Hauptdarstellerin Sally Hawkins. Als Grundschullehrerin Pauline kurz Polly ist sie von so ansteckendem Optimismus und Glauben an das Gute im Menschen, dass einem frühere Werke von Mike Leigh aus einem Paralleluniversum zu kommen scheinen. Auch Happy-Go-Lucky bleibt zwar jenem Milieu treu, dessen filmische Überhöhung Alfred Hitchcock einst als Spülstein-Realismus brandmarkte. Nur: Dieses Mal fehlt jegliche Schwere. Keine Depression, kein Drama in Sicht! Stattdessen Farbe, Bewegung und pointierte Dialoge. Es ist alles bekannt und doch neu. Die grellbunte und quietschfidele Polly führt das Kino von Mike Leigh auf den Rummelplatz. Kleidertechnisch ist sie eine Katastrophe, menschlich ein Juwel. Sie trägt Nylonstrumpfhosen und grellbunte Röckchen, Leopardenimitat und Stöckelschuhe. Sie hört die Popgruppe Pulp und zieht am Wochenende mit ihren Freundinnen um die Häuser. Am Montag steht sie mit einem Lächeln vor ihren Schülern. Still kann sie nicht sein, dafür ist zu viel Leben in ihr.
Mike Leigh, der vor seiner Tätigkeit als Filmemacher am Theater arbeitete, hat Happy-Go-Lucky in Improvisationen mit seinen Darstellern entwickelt. Eddie Marsan, der im Film das misanthrope Gegenstück zu Polly darstellt, ist ein später, christlicher Wiedergänger des Zynikers Johnny aus Mike Leighs Film Naked . Fluchend, cholerisch, psychotisch gibt er den Fahrlehrer von Polly. Aber auch er erliegt schlussendlich ihrem Charme und schenkt Happy-Go-Lucky einen der furiosesten Wutausbrüche der jüngeren englischen Kinogeschichte. "Enrahah!", jenes sinnentleerte Mantra, das er seiner Fahrschülerin als Aufforderung zum Blick in den Spiegel im Minutentakt entgegenschleudert, bleibt einem im Gedächtnis. Ebenso wie eine schreiend-komische Flamenco-Tanzstunde, die die Gefühlswelt von Polly tänzerisch auf den Punkt bringt. Auch hier wie im ganzen Film ist es das perfekte Timing, das Happy-Go-Lucky zum formal versiertesten Film von Mike Leigh macht.
So aufgekratzt der Film beginnt, so sehr kommt er gen Ende zur Ruhe: Polly hat die Liebe gefunden. Der Filmtitel weist auch hier die Richtung. Für Augenblicke weicht alle Hektik aus den Bildern. Polly ist eins mit sich. Ihr Blick schweift über London.
Nach dem Gewinn der Goldenen Palme für Lügen und Geheimnisse (1996), einem Löwen für Vera Drake (2004) könnte in Berlin für Leigh noch eine Ehrung hinzukommen - wären da nicht Paul Thomas Anderson und Eric Zonca.
- Datum 14.02.2008 - 02:51 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Lieber Marcus Zinsmaier, vielen Dank für Ihre "Happy-Go-Lucky"-Besprechung.Unfaßbar, daß auch Sie nicht anders können, als eine Lobeshymne über diesen Film zu ergießen! War es der Rausch der Berlinale? Oder haben Sie einfach nur, dei vom Verleih oder Produktionsfirma vorgegebenen (Werbe-)Texte umgeschrieben?Filme, die ein bestimmtes Lebensmodell zeigen, ohne großen Wert auf eine durchgehende Handlung zu legen, gehören zu meinen Favoriten. Aber warum diese improvisierte Stümperei mit Preisen und Lob überschüttet wird, wird sich mir wohl nie erschließen. Da sind auch die schlechteren der "Werner-Enke-Filme" im Vergleich Jahrhundertwerke. Gar nicht denken darf ich an "Der Partyschreck" mit dem brillanten Peter Sellers. "Happy-Go-Lucky" zeigt uns lediglich eine Poesiealbum-Nasenbohr-Zeudophilosophie:"Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König""Lebe glücklich, lebe froh - wie ein Hippie auf´m Klo"Und das über 119 quälend lange Minuten.Nach 20 min. hätte ich der Hauptdarstellerin am liebsten das Grinsen aus dem Gesicht gebügelt.Aber damit nicht genug, führt dieser Film auch noch ständig in die Irre. Da hat man kurzfristig den Eindruck, die Handlung des Filmes beginne nun und Poppy macht sich auf den Weg zu den Eltern ihres gewalttätigen Schülers, da verblüfft einen der Regisseur (oder der Cutter) mit einem cruden Dialog, den Polly mitten in der Nacht mit einem verwirrten Obdachlosen führt. Horst Schlemmer würde dazu sagen: "Weißte Bescheid, ne!?" und wäre damit deutlich amüsanter und keinen Deut weniger tiefgründig.Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich dutzende von durchgeknallten, egozentrischen Neurotikern, anläßlich der Berlinale-Aufführung mit Tränen des Glücks in den Augen, in den Armen lagen und sich mit erstickender Stimme zuschluchzten: "Die hat ja soooo recht! Ich mach´s von heute an genau so", um sich dann auf der nächsten Damentoilette die Nasen mit illegalen, kristallienen Sustanzen zu vergewaltigen, in der Hoffnung damit ihre ohnehin zur Neige gehenden Geisteskräfte endgültig soweit zu reduzieren, daß sie der Welt mit einem Dauergrinsen ihre albernen Sprüche als letzte Offenbarung verkünden können.Der Filmvorführer des Kinos, mit dem ich noch ein kurzes Pläuschchen hielt, berichtete übrigens von einer Vorstellung, die mit 39 Zuschauern begann und die letzte halbe Stunde ohne Zuschauer dahin siechte. Hat ein Film Erfolg, ist es Kommerz!Hat ein Film keinen Erfolg, ist es Kunst!Ich glaube, das ist zu einfach!Sonnige GrüßeElmar Kühling
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