Interview "Das Unsichtbare sichtbar machen“
Schwul sein und zugleich als gläubiger Muslim leben? In seiner berührenden Dokumentation "A Jihad for Love" beschreibt der Regisseur Parvez Sharma diesen Zwiespalt. Ein Gespräch.
Das Wort „Jihad“ steht in Sharmas Film nicht für einen Glaubenskrieg, sondern für das Streben gläubiger Muslime, Religion und Homosexualität miteinander vereinbar zu machen. Sharma, 1973 in Nordindien geboren, befasste sich schon als Rundfunkjournalist mit zahlreichen Menschenrechtsthemen. Für seinen ersten Film „A Jihad for Love“ recherchierte er fünfeinhalb Jahre lang und sprach mit Schwulen und Lesben aus unterschiedlichen muslimischen Ländern. Einige von ihnen mussten ihre Heimat verlassen, weil sie aufgrund ihrer Sexualität verfolgt wurden.
In seinem Blog
kommentiert der Regisseur täglich die Reaktionen auf seinen Film.
ZEIT online: Herr Sharma, Sie haben für die Recherchen zu diesem Film zwölf muslimische Staaten bereist. In welchen Ländern haben es Homosexuelle besonders schwer?
Parvez Sharma: Die Frage ist sehr schwer zu beantworten. Homosexualität ist Jahrhunderte lang in der muslimischen Gesellschaft toleriert worden. Das wird sie auch heute noch, solange man sie nicht öffentlich macht oder politisch Partei ergreift. Wenn man unsichtbar bleibt, bekommt man keinen Ärger. Es war eine große Herausforderung für mich, meine Kamera zu nehmen und das Unsichtbare sichtbar zu machen.
ZEIT online: Es war sicher nicht leicht, Protagonisten für Ihren Film zu finden.
Sharma:
Ich denke, die Tatsache, dass ich selbst schwul und Muslim bin, hat sehr geholfen. Wäre ich ein weißer, westlicher Filmemacher gewesen, hätte ich diesen Film wohl nicht machen können. Dennoch hat es bei einigen sehr lange gedauert, bis sie Vertrauen zu mir fassen konnten.
Als ich Maryam kennen lernte, eine Marokkanerin, die in Paris lebt, konnte sie das Wort „lesbisch“ nicht einmal aussprechen. Sie dachte, das allein sei schon eine Sünde. Es hat vier Jahre lang gedauert, sie davon zu überzeugen, bei dem Film mitzumachen. 2006 rief sie mich schließlich an und sagte: Parvez, ich bin jetzt bereit, das Schweigen zu brechen und möchte, dass meine Geschichte erzählt wird. Wir sind dann zusammen nach Ägypten gereist, wo sie ihre Freundin besucht hat. Es war mir sehr wichtig, dass in meinem Film auch lesbische muslimische Frauen vorkommen, denn ich wollte zeigen: So etwas gibt es!
ZEIT online: Hatten Sie manchmal Angst um ihre Protagonisten?
Sharma: Ja, es war ein moralisches Dilemma für mich: Was würde ich mit dem Film erreichen? Würde ich das Leben dieser Menschen erst recht in Gefahr bringen? Einige der Protagonisten haben ihr Gesicht nicht gezeigt, weil es für sie zu gefährlich gewesen wäre. Die meisten aber haben sich ganz offen gezeigt. Für jeden Beteiligten stand eine Menge auf dem Spiel.
ZEIT online: Gab es Anfeindungen oder Angriffe durch den Film?
Sharma: Nein, keiner der Porträtierten hat Schwierigkeiten bekommen. Die Reaktionen auf den Film waren überwiegend positiv. Nur in Südafrika, wo wir ihn vor zwei Monaten gezeigt haben, hat das Muslim Judicial Council, die oberste muslimische Autorität des Landes, zum Boykott aufgerufen. Sie haben uns außerdem zu „Abtrünnigen“ erklärt, weil wir Homosexualität verteidigt haben; auf Abtrünnigkeit steht laut vielen islamischen Rechtsschulen die Todesstrafe. Es war eine harte, aber erwartbare Reaktion. Sie hat aber nicht zu keinen gewaltsamen Ausschreitungen geführt.
ZEIT online: Wie ist Ihr eigenes Verhältnis zur Religion?
Sharma: Ich hatte das Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der alle Religionen akzeptiert waren. Mein Vater war Hindu, meine Mutter Muslimin. Nach ihrem Tod habe ich zum Islam gefunden. Meine Erziehung hat mir einen Bezug zur Religion verliehen, aber gleichzeitig auch die nötige Distanz dazu. Das war eine sehr gute Kombination, um diesen Film zu machen, weil ich das Dilemma gesehen habe, schwul und gleichzeitig religiös zu sein. Der Film war auch meine eigene Reise zu meinem Glauben. Ich suche den Dialog mit dem Islam. Ich möchte eine Diskussion führen, die längst überfällig ist.
ZEIT online: Sie leben seit Jahren offen ihre Sexualität und sind durch den Film nun auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden. Wie steht Ihre Familie dazu?
Sharma: Meine Homosexualität war kein Thema bei uns. Ich habe meinem Vater nie direkt gesagt, dass ich schwul bin. Ich weiß, dass er es weiß, und dass er weiß, dass ich diesen Film gemacht habe. Als wir „A Jihad for Love“ letzte Woche in Indien gezeigt haben, ist mein Bruder gekommen, der sehr stolz auf mich war. Ich dachte eigentlich, dass ich nach diesem Film mit meinem Vater sprechen könnte, aber ich habe es auch diesmal nicht geschafft. Vielleicht, weil ich das Gefühl habe, ich möchte ihm dieses Gespräch nicht antun, er gehört einer anderen Generation an. Ich käme mir egoistisch dabei vor.
ZEIT online: Beneiden Sie manchmal Schwule und Lesben im Westen, die sich über Probleme, wie sie in Ihrem Film vorkommen, nie Gedanken machen?
Sharma: Darüber denke ich sehr oft nach. Ich finde, es gibt nur wenig Verständnis für religiöse Gruppen und die Kämpfe, die Homosexuelle in anderen Ländern austragen müssen. Ich hoffe, dass ein Film wie der meine das Bewusstsein für diese Diskussion öffnet.
Das Gespräch führte Carolin Ströbele
- Datum 14.02.2008 - 02:53 Uhr
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Vielen Dank fuer Ihren Mut! Herr Sharma, ich wuensche Ihnen viel Erfolg mit Ihre Filmdokumentation. Hoffentlich kommt sie irgendwann auch in die australischen Kinos (oder Fernseher).Mit freundlichen Gruessen Nikola
Namaste Herr Sharma!
Da bin ich mir ganz sicher: Auch jeder schwule Muslim darf schwul sein und leben, jede lesbische Muslima darf lesbisch sein und leben. Nur fundamentalistische Kreise können dieses Recht absprechen. Diesen Fundamentalisten gehört die Stirn geboten; da ist dieser Film sicher ein Mittel. Gut so Herr Sharma.
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