BerlinaleEine Frau unter Einfluss

Erick Zoncas fulminantes Roadmovie "Julia" ist nach Paul Thomas Andersons "There Will Be Blood" der zweite Höhepunkt im Wettbewerb um den Goldenen Bären von 

Erick Zoncas Film Julia ist ein Widerspruch. Er sei kein Remake von John Cassavetes Gloria , sagt die Schauspielerin Tilda Swinton in der Pressekonferenz nach der Premiere. Gleichzeitig war noch nie ein Film so sehr ein Remake von Gloria , wie Julia . Nicht einmal Sidney Lumets tatsächliches Remake mit Sharon Stone.

Wie das möglich ist? Vielleicht muss man Tilda Swinton in der Titelrolle auf der Leinwand gesehen haben: ihre Wut, ihre Verzweiflung, ihren Durst, ihre Müdigkeit gespürt haben. Man kommt nicht umhin an die großen Filme von John Cassavetes zu denken. An A Woman Under Influence , an Faces , an Opening Night und – ja - an Gloria , das keineswegs perfekte Spätwerk des amerikanischen Filmemachers. 1980 bürstete es ein ganzes Genre gegen den Strich – und sei es nur Gena Rowlands wegen, die die Hauptrolle innehat.

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Tilda Swinton ist in Julia eine späte Wiedergängerin jener Schießwütigen Gloria. 1986 debütierte Swinton in Derek Jarmans Caravaggio . Seitdem ist sie aus dem Kunstkino nicht mehr wegzudenken, selbst wenn sie in den vergangenen Jahren an großen Produktionen wie „Die Chroniken von Narnia“ mitwirkte. Das Bild von Swinton, jenes ätherische Wesen, das Jarman von ihr auf der Leinwand geschaffen hat, schwang immer mit. Bis jetzt. Zonca ist der erste Regisseur, der sie aus diesem Gefängnis befreit. So körperlich, so entblößt, so wund war Swinton noch nie zu sehen.

138 Minuten lang wankt sie durch einen Film, der im grellen Partylicht beginnt und auf einer mehrspurig befahrenen Straße im Niemandsland endet. Dazwischen spannt sich eine Geschichte zwischen Suff und Räuberpistole, zwischen One-Night-Stands und dem Kater danach. Ein kleiner Junge wird entführt, aber etwas läuft schief. Und dann noch etwas.

Julia ist Erick Zoncas erster in Amerika gedrehter Film. Zonca bedient sich darin der uramerikanischen Genres: des Roadmovies, des Thrillers, der Gangstergeschichte. Es ist – ob gewollt oder nicht – zugleich eine Hommage an Cassavetes. Der Star des Films ist der Motor der Geschichte: Wie Tilda Swinton als Julia in ihren viel zu hohen Schuhen durch diesen Film stakst, fahl, verschwitzt, übernächtigt und verkatert, trägt den Plot von San Diego bis in die Wüste an der mexikanischen Grenze.

Ganz langsam nimmt Erick Zoncas Wettbewerbsbeitrag Fahrt auf. Zunächst reihen sich nur Exzesse aneinander. Von der Kamera werden sie unerbittlich eingefangen. Man sieht fremde, verlebte Körper nebeneinander erwachen. Man sieht verwischte Schminke und Beine, die ihren Dienst verweigern. Und: Licht, immer wieder gleißendes Licht. Ein überdimensionierter Kater in 24 Bildern pro Sekunde. „Ich bin eine ziemlich Katastrophe, liebesmäßig“, sagt Swinton als Julia irgendwann einmal, und: „Ich hab nicht mit Dir geschlafen, sondern Du mit mir“.

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