Berlinale Nicht stoned

"Shine A Light", Martin Scorseses enttäuschender Dokumentarfilm über die Rolling Stones, eröffnete die 58. Filmfestspiele

Am Ende sieht man ein paar ältere Herrschaften von der Bühne steigen. Die Kamera eilt ihnen voraus. Es geht einen Gang entlang in die Katakomben - eine Szene, die an Martin Scorseses Boxerfilm Raging Bull erinnert. Statt Robert de Niro sind es Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood – die Rolling Stones. Zwei Stunden Konzert sind vorüber. Draußen vor dem New Yorker Beacon Theatre teilt sich die Menge. Die Kamera fährt nach oben und zeigt einen kitschigen Vollmond über New York, der sich in eine rote Stones-Zunge verwandelt. In Berlin pfeift am Eröffnungsabend der diesjährigen Berlinale nur ein eisiger Wind über den Potsdamer Platz. Shine A Light , der Dokumentarfilm, den Regisseur Martin Scorsese den Rolling Stones gewidmet hat, ist die erste Enttäuschung der noch jungen 58. Berlinale.

Was Scorsese dazu bewogen hat, sich der am meisten abgefilmten Band der Welt zu widmen, wird sein Geheimnis bleiben. Ein neuer Blick auf den Mythos der Rolling Stones ist ihm nicht gelungen. Anders als in seinem größtenteils aus Archivmaterial zusammengestellten, feinsinnigen Dylan-Porträt No Direction Home wiederholt Shine A Light die Klischees der dienstältesten Rockband. Herauskommt ein größtenteils perfekt orchestrierter Konzertfilm, der den bereits bekannten Bildern keine neuen hinzuzufügen versteht. Aufgezeichnet an zwei Abenden in New York, sehen und hören wir, wie Richards gekonnt seine Akkorde neben die seiner Kollegen setzt, wie Jagger den Zampano mimt und Charlie Watts und Ron Wood die gut geölte Rockmaschine mit einem Heer von Begleitmusikern am Laufen halten. Ergänzt wird das Konzertmaterial von wenigen Archivaufnahmen und einigen Sequenzen aus der Vorbereitungsphase.

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Scorsese, der bereits in den siebziger Jahren neben Spielfilmen an Musikdokumentationen arbeitete, erfindet den Konzertfilm nicht neu. Shine A Light ist der Film eines Fans – mit allen Konsequenzen. Der Versuch, einen Blick hinter die Fassade der Protagonisten zu erhaschen, reduziert sich auf kleine Gesten. Wenn am Anfang der Perfektionist Scorsese, einem Nervenzusammenbruch nahe, Jagger ein ums andere Mal um die Setlist bittet, ist das so ein Moment. Nur sagt er mehr über Scorsese aus als über die Stones. Mitunter hat man den Eindruck, der Filmemacher sitze dem Bild auf, das Jagger und Co. seit Jahrzehnten entwerfen. Am Mythos wird nicht gekratzt. Mit Jack White, dem Bluesmusiker Buddy Guy und Christina Aguilera, die als Gäste auf die Bühne kommen, verorten sich die Stones in Gegenwart und Vergangenheit. Dass sich im wohl sortierten Publikum nur die oberen Zehntausend befinden, wäre eine längere Sequenz wert gewesen. Bill Clinton hätschelt die Stones, und einige prominente Bekannte dürfen sie auch mal drücken. Scorsese registriert dies kurz und schwenkt dann weg. Jean-Luc Godard ging in den sechziger Jahren weiter. In One Plus One dokumentierte er den Entstehungsprozess eines Stones-Songs und verknüpfte das Ergebnis mit einer politischen Reflexion. Scorsese begnügte sich mit der Bebilderung eines Mythos. Shine A Light hätte mehr sein können.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 07.02.2008 um 23:05 Uhr

    ich war ja leider nicht dabei (gehöre eher zu den unteren millionen) aber für mich klingt das doch sehr nach "beatlesfan" auf der falschen party oder so. was war denn los - nur nen stehplatz  abgekriegt?für mich klingt das schon ein bisschen nölerisch.

  1. der zweck dieses films ist, wie auch bei jedem `letzten´ konzert der steinigen rentner, haufenweise geld zu verdienen. sonst nix. dieses ziel wird sicher erreicht.

  2. Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass von den Stones die Rechte für einen solchen Film eingeräumt werden, ohne das his holyness Jagger, vertraglich festgelegt, jede Nanosekunde davon persönlich freigeben oder streichen darf.Was soll dabei schon rauskommen? Bei einer Band, die live mit Playback-Tapes arbeitet?Stones Fans, schauts Euch an und genießt es, ich gönns Euch, aber mehr ist da nicht drin...

    • Anonym
    • 08.02.2008 um 21:06 Uhr

    @redsnapper : geld zu verdienen, möglichst haufenweise, wer wollte das nicht, sie etwa?@DonFuego: sicher haben sie recht, na und?Die musik ist frisch und diese rentner auch.oder hätten sie lieber einen silbereisen im feuer?

    • Anonym
    • 08.02.2008 um 21:08 Uhr

    ich finds blöd, dass es immer noch möglich, sich selber zu bewerten. braucht gero das?

    • baas
    • 09.02.2008 um 22:33 Uhr

    eigentlich mochte ich meine zeilen mit einem lieber herr zinsmaier beginnen lassen, gerade so, wie es wohl ältere damen tun, wenn sie leicht irritiert ob des behaviour' des doch recht netten herren vom vorabend zum füllfederhalter greifen &...hach, ihre zeilen über shine a light sorgen in mir für einen wahren gedankenrausch. schade nur, dass ich diese gerade nicht so recht zu ordnen, geschweigedenn aufzuschreiben vermag. das mag wohl einfach daran liegen, dass dieses leichte kopfschütteln nicht enden mag.nur einmal angenommen, auch wenn das gar ein wenig vermessen erscheint: vielleicht ging es ja gar nicht so sehr um explizit neue bilder im gewohnten sinn?nun gut. wie auch immer. auch wenn jemanden ein film nicht packt, so wünscht man sich manchmal doch ein ambitionierteres statement von jemandem, der dasirgendwie doch schon wahnsinnige glück hat, für ein medium wie dieses schreiben zu dürfen.mmmhhh nun, jedenfalls hatte ich im gegenzug das glück eine der karten für die gestrige vorstellung zu erhalten. & natürlich war ich ungemein gespannt! & ein wenig skeptisch gar. nicht nur weil jeff neben mir meinte oh, the stones, well, I'm not that big fan of their music... ich meine, dies sind ja mitunter die besten voraussetzungen, um etwas möglichst ohne eine besonders große oder hohe erwartungshaltung auf sich einwirken zu lassen.zwei stunden später gleicht der saal nicht unbedingt der waldbühne mitte der sechziger, aber da ist etwas passiert mit all den menschen um uns herum.von jeff & mir einmal ganz zu schweigen...& so ganz nebenbei, auf dem weg nach haus', bemerke ich dieses gefühl auf meinen wangen. ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte mal von den ersten bildern bis hin zu den letzten klängen eines films ein derartiges lächeln auf meinen lippen getragen habe.lieber herr zinsmaier, wie gern würde ich ihnen von meinen gestrigen einhundertzwanzig minuten erzählen. von mick jaggers attitüden. von bill clinton & dem publikum im beacon theatre. von einem garliebreizenden martin scorsese & dessen kleinen & großen ängsten & sorgen. von einer wahrhaft & unglaublich überraschenden christina aguilera. wie gerne würde ich ihnen von all dem erzählen mögen, was sich an jenen beiden nächten auf dieser bühne des beacon zugetragen hat. den gesten. den blicken. dem stolz. dem vermeintlich lasziven. dem eindeutig lasziven. von dem, was bleibt.von dem, was ist. von dem, was so dann & wann immer wieder ganz zart & leicht & schemenhaft gestalt anzu-nehmen vermag & sich irgendwann ganz licht offenbart. von all diesen großen & kleinen dingen.von all dem & noch so vielem mehr. ja.& wie gern würde ich ihnen etwas vom kleinen glück erzählen... davon, wie es sich manchmal entlädt. in nicht enden wollendem applaus & im schreien & pfeifen & hüpfen & einem so ungemein vielstimmigen & euphorischen whooohoooooo! inmitten des gediegenen roten samtes eines festivalkinos.

  3. Sehr geehreter Herr Zinsmaier,
    Ihr Name scheint Ihnen vorauszueilen. Wo bleibt da ein Funke Respekt vor diesen begnadeten Kameraleuten oder der Musik? Kunstkritiker waren schon für Sir Peter Ustinov ein Greul. Weil sie selbst nichts schaffen, aber an allem rumnörgeln.Gähn!

  4. Enttäuschender Beitrag zu einem hervorragenden Musikfilm.
    Klingt für mich wie eine persönliche Abrechnung.
    Kein Blick für Details.
    Blockflötenspieler.
    Wenn hier Demokratie herrschen würde hätte ich den Zinsmeier
    direkt abgewählt.

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