Ein ehemaliger Gefreiter des amerikanischen Militärgefängnis Abu Ghraib erzählt, wie er versucht, die Häftlinge wachzuhalten. Zunächst mit HipHop. Das funktionierte nicht. Dann mit Heavy Metal, doch wieder wippten die Gefangenen mit. Der Gefreite lächelt, auf zur todsicheren Pointe. Er habe einen allerletzten Versuch unternommen: Country. Der führte zum gewünschten Erfolg! Eine Lachsalve rollt durch den Kinosaal. Das können sie halt, die Amerikaner: Im Angesicht des Abgrunds machen sie noch einen kessen Spruch.

Errol Morris bedient sich in Standard Operating Procedure ungeniert der Überwältigungsstrategien des Katastrophenfilms. Er will uns erschrecken und erschüttern. Dafür schenkt er uns ab und an ein Lachen. Das soll uns Erleichterung verschaffen in diesem Inferno der bösen Bilder und der an- und abschwellenden Posaunen.

Die Fotografien der Folteropfer von Abu Ghraib gingen um die Welt. Die Pyramiden aufgetürmter nackter Körper, die zerschundenen, an Bettgestelle geketteten Hände. Morris zeigt die bekannten Bilder noch einmal und fügt neues Material hinzu. Aufnahmen eines toten Häftlings etwa, der mit seinem Leichensack unbemerkt verschwinden soll.

Doch die bloße Dokumentation reicht Morris nicht: Er will zeigen, was nur die Täter sahen. Ihre Perspektive kleidet er mit seinen eigenen Fantasien aus, in nachgestellten, aufwendig inszenierten Szenen. Ein namenloser Iraker zum Beispiel stirbt seinen zweiten Tod, einen Filmtod. Gierig fährt die Kamera am raffiniert geschminkten Körper seines fiktiven Wiedergängers entlang. Was die Folterer vielleicht noch nicht einmal mit der physischen Vernichtung geschafft haben, setzt der Film endgültig um: Er raubt den Opfern den letzten Rest ihrer Würde.

Errol Morris kann sich mit solchen Fragen nicht aufhalten. Seine Empörung braucht die große Bühne der Oper. Analyse ist die Aufgabe intellektueller Langweiler, deren Herz blind geworden ist. Seins nicht. Und so stapft er wie ein Feldherr des guten Amerika durch die Schreckenszenarien, ganz trunken von seiner moralischen Betroffenheit und seinem filmischen Können. Dabei beleidigt er nicht nur die Opfer, sondern führt auch die Täter gnadenlos vor. Wie Lynndie England, dieses verstockte White-Trash-Mädchen, das feixend und mit erhobenem Daumen auf einigen der Fotos zu sehen war und zur Symbolfigur des Skandals stilisiert wurde. Morris setzt sie groß ins Bild und macht aus ihr ein schiefmündiges Vorstadt-Monster, das selbst nicht weiß, was es da daherredet.

Es ist bekannt, dass sie und die anderen, teilweise zu langen Haftstrafen verurteilten, Delinquenten vergleichsweise kleine Fische waren - gemessen an dem, was sonst noch in Abu Ghraib an undokumentierten Unmenschlichkeiten passierte. Dafür brauchte man Morris nicht. Die hochrangigen Ingenieure des Verhörsystems und politische Vordenker kommen auch nicht vor. Vielleicht hat er sie nicht bekommen, wahrscheinlich wollte er sie auch gar nicht haben.

Sie interessieren ihn nicht. Er will die direkten Beteiligten und ihre Zeugenschaft - am liebsten da, wo sie nur Geraune ist. Ein kurzer Blick in einen Raum, bevor sich die Türe schließt. Was mag dahinter vor sich gehen? Dann ist Errol Morris in seinem Element. Er kann seine hochtourige Imaginationsmaschine anschmeißen und sich die Welt bauen, so wie er sie braucht. Gefühlspolitik mit Pauken und Trompeten. Mit einem Dokumentarfilm hat das jedoch wenig zu tun.