Berlinale Schrecken in kleinen Dosen
Einst galt er als Nachwuchshoffnung des US-Independent-Kinos. Mit seinem neuen Film "Transsiberian" versucht Brad Anderson jetzt, erwachsen zu werden. Keine gute Idee
Ein Gespenst wankt durch die Straßen. Nur noch ein Bündel Knochen, das Gesicht fahl wie der Mond bei diesiger Sicht. Das war einmal ein Mensch, doch das ist lange her. Der Mann hat seit einem Jahr kaum ein Auge zu getan. Am Tag steht er an einer Maschine, die wie eine ölige Krake aus den Anfangstagen der Industrialisierung aussieht. Nachts trifft er sich mit einer Prostituierten und einer Kellnerin. Meistens ist er allein. Ein Kollege verlor durch seine Schuld eine Hand, ein Arbeitsunfall. Seither wird er bei lebendigem Leib aufgefressen von seinem schlechten Gewissen: ein Abwärtsstrudel aus Angst und Paranoia.
Trevor Reznik ist der Maschinist in Brad Andersons gleichnamigen Film, der auf der Berlinale 2005 seine Europapremiere feierte. Hauptdarsteller Christian Bale nahm für die Rolle 30 Kilo ab und irrte als müder Derwisch durch eine virtuos verschachtelte Dunkelkammer, die sich der Fantasien des deutschen Expressionismus bediente. Der Maschinist war Andersons erster Film, der überhaupt in die deutschen Kinos kam. In den USA war er zu jener Zeit längst ein Star des Independent-Films. Hierzulande galt er bis dahin als Geheimtipp, als perfider Angstmacher, der oft mit David Lynch in einem Atemzug genannt wurde.
Mit Transsiberian gerät der noch junge Ruhm des 44-jährigen Amerikaners ernstlich in Gefahr. Der als Thriller auf Rädern angepriesene Film, der auf der Berlinale im Panorama zu sehen ist, entpuppt sich rasch als gemächlich tuckernde Bummelbahn auf der Fahrt durch eine Klischeelandschaft menschlicher Makel. Was vordem als Zeitbombe in den brüchigen Stollen der Psyche seiner Figuren und des Zuschauers tickte, hat nun die Gefährlichkeit eines Silvesterknallers. Was filmsprachlich radikal und verstörend war, erschöpft sich jetzt im routinierten Abarbeiten von Genreregeln. Als habe Anderson plötzlich Angst vor seiner eigenen Courage bekommen, den einmal eingeschlagenen Weg bis zur nächsten Konsequenz weiterzugehen, biegt er ab und wählt die sichere Route. Der Schrecken kommt nun in komfortablen Dosen daher und hat nicht mehr die Nachhaltigkeit einer tiefen Verunsicherung. Schielt da einer auf die große Leinwand? Der Schuss könnte nach hinten los gehen.
Dabei hat Transsiberian durchaus das Zeug zu einem verstörenden klaustrophobischen Albtraum. Ein Trip von Peking nach Moskau mit der Transsibirischen Eisenbahn. An Bord ein junges amerikanisches Paar - Roy und Jessie - das zerrissen ist zwischen Bigotterie und Begierde. Es lernt ein anderes Paar kennen, das den Amerikanern ihre verdeckten Sehnsüchte vorlebt. Er, Carlos, ein Spanier, kommt Jessie nahe. Gefährlich nahe. Sie tötet ihn wie einen Teufel, der in ihr wachruft, was nicht sein darf.
So hätte es sein können. Doch die mögliche Geisterbahnfahrt durch das Unbewusste, aus der es kein Entrinnen gibt, ist nur ein stinknormaler Thriller über Schuld, Lügen und Drogen. Der Mord an Carlos geschieht aus purer Notwehr gegenüber seinen immer massiveren Zudringlichkeiten. In seinem Gepäck und bald in jenem von Jessie verbergen sich russische Matruschkas aus Heroin, denen zwei korrupte Drogenpolizisten auf der Spur sind. Kein Geheimnis, das nicht aufgelöst, keine Ambivalenz, die nicht geerdet würde. Der Rest ist Suspense aus der Thrillerpfeife.
In Der Maschinist wird die Schuld körperlich und nagt an Trevor Reznik wie ein Krebsgeschwür. Bei Jessie ist sie hysterische Pose. Das unterscheidet einen besonderen Film von einem Film für viele.
- Datum 14.02.2008 - 02:53 Uhr
- Quelle ZEIT online
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