Berlinale Held mit harter Hand

José Padilhas Film "Tropa de Elite" erzählt vom Kampf einer brasilianischen Eliteeinheit gegen die Drogenbosse. In Brasilien wird die Hauptfigur verehrt wie ein realer Held

Brasilien hat einen neuen Helden. Vom Volk erwählt, millionenfach bestätigt und beliebt wie sonst nur der Karneval. Der Held heißt Kapitän Nascimento und ist Protagonist des Films Tropa de Elite , der gerade auf der Berlinale läuft. Dass der Film eigentlich ganz anders gemeint und der Kapitän kein echter Polizist ist, sondern eine Kunstfigur, ist dem Volk egal. Das versucht Regisseur José Padilha seit Monaten vergeblich klarzustellen - gemeinsam mit Hauptdarsteller Wagner Moura, dessen hervorragende Darstellung des Nascimento zwischen gewalttätiger, aber immer ehrenhafter Effizienz im Job und privaten Selbstzweifeln die Figur umso realer erscheinen lässt. Vielleicht hat Brasilien Helden zu sehr nötig. Vielleicht sind Fiktion und Realität wirklich schwer zu trennen in Städten wie Rio de Janeiro, wo 2007 fast täglich jemand an Querschläger-Kugeln gestorben ist, wo Mittelklasse-Zöglinge sich als Drogendealer etablieren, und wo es Gegenden gibt, in die sich nicht mal die Polizei traut. Klar ist: Der Film Tropa de Elite trifft einen Nerv, der vielleicht selbst Regisseur Padilha nicht bewusst war.

Schon vor dem offiziellen Start sorgte der Film in Brasilien für reichlich Polemik: Zum ersten Mal flimmert ein Kinofilm über Millionen TV-Bildschirme, noch bevor er überhaupt auf eine Leinwand projiziert wird. Das war im Oktober 2007. Bis zum Jahresende gehen fünf Millionen Raubkopien über die Tapeziertische der Schwarzhändler im ganzen Land. Das Original schafft es trotzdem, einer der meistgesehenen Filme aller Zeiten in Brasilien zu werden.

Anzeige

Dabei ist Tropa de Elite einfach ein gut gemachter, ziemlich brutaler Action-Film aus dem Polizeialltag. Die reale Spezialeinheit Bope, deren 200 Mann in Sondereinsätzen vor allem in den Favelas und gegen Drogenbosse vorgehen, existiert seit 1991. Vor dem aktuellen Knüller haben bereits diverse brasilianische Filme sich mit dem Kampf gegen die Parallelmacht auf den Hügeln Rios befasst. Neu ist: Tropa de Elite erzählt aus der Sicht des Bope-Kapitäns Nascimento. Der lässt Banditen unfassbar grausam foltern und verspricht zu Hause seiner schwangeren Frau, er werde so bald wie möglich aus diesem unmenschlichen Job aussteigen. Doch dafür muss er erst seinen Nachfolger ausbilden - davon erzählt der Film.

Die Zerrissenheit Nascimentos macht ihn trotz seiner extremen Kaltblütigkeit sympathisch und offenbar geeignet, sich mit ihm zu identifizieren. Seine Machosprüche sind so cool, dass manche schon zu festen Wendungen im brasilianischen Alltag geworden sind. Ist jemand einer Situation nicht gewachsen, muss er sich nun auf den Kommentar gefasst machen, mit dem der Bope-Ausbilder seinen schwächsten Auszubildenden gerne provoziert: "Bitte um deine Entlassung, Null Eins!" Und bei Problemen vom klemmenden Türschloss bis zum trotzigen Kind heißt es neuerdings: "Lass uns Kapitän Nascimento rufen!"

Dahinter steht der so innige wie illusionäre Wunsch nach einer einfachen Lösung für ein hochkomplexes Problem: Der Film lässt sich durchaus so missverstehen, als ob sich mit Nascimentos unkorrumpierbarer Brutalität ohne Weiteres der Kampf gegen die Drogenmafia gewinnen ließe, welche die Armensiedlungen der Favelas so fest im Griff hat, dass kürzlich sogar der Karneval, das Volksfest Nummer eins, in Rio bedroht schien. Dass Padilha eigentlich die Polizeimethoden kritisiert, und dass Menschenrechtsorganisationen Korruption auch innerhalb der Elitetruppe vermelden, ist im allgemeinen Bope-Taumel irgendwie untergegangen.

Stattdessen haben sich für den jüngsten Bope-Ausbildungsgang doppelt so viele Interessenten beworben wie sonst, nehmen Funk und Rap und HipHop-Songtexte das Thema auf, und immer mehr Typen laufen in Rio de Janeiro in schwarzen Militärjacken rum. Manche mit einem Abzeichen drauf, das hier jeder kennt: Der von einem Messer durchbohrte Totenkopf steht für den Bope. So wollen sie sein. Helden.

Konsequent bündelt der Blog do Bope seit September vergangenen Jahres alle Nachrichten zum Thema. Für Hardcore-Fans wurde die Bope-Fototapete mit Motiven vom Filmplakat entworfen und das Online-Spiel "Tropa de Elite" entwickelt, in dem die Spieler wahlweise als Drogenhändler oder Bope-Polizist auftreten. Rios High Society hat außerdem einen der Bope-Ausbilder als Personal Fitness-Trainer entdeckt, und sogar das Liebesleben mancher Brasilianer findet neuerdings in Bope-Uniformen aus dem Sexshop statt.

Das ist die amüsante Seite. Die andere sieht hässlicher aus: In brasilianischen Bundesstaat Roraima sollen kürzlich Militärpolizisten den Film-Song schmetternd Verdächtige verprügelt haben, und in Rio Grande do Sul sowie in Sao Paulo haben Ordnungshüter vom Film inspirierte Foltermethoden angewandt.

Die Raubkopien verkaufen sich derweil weiter. Inzwischen gibt es die Versionen Tropa de Elite 1, 2, 3 und 4. Nummer eins ist der geklaute Kinofilm. zwei und vier sind komplett andere, ältere Filme, die lediglich ähnliche Themen behandeln. Nummer drei ist ein abenteuerlicher Zusammenschnitt von Einsatzszenen der Polizeitruppe Bope, die im Fernsehen gelaufen sind. Und damit ist noch lange nicht Schluss: Der Sender Globo hat Regisseur Padilha für eine ganze Serie Tropa de Elite verpflichtet, die im nächsten Jahr ausgestrahlt werden soll. In der Hauptrolle: der Nationalheld nach dem Willen des Volkes - Kapitän Nascimento, natürlich gespielt von Wagner Moura. Nur der Inhalt ist deutlich didaktischer geplant: Jede Woche soll ein Sicherheitsproblem des Landes aufgedeckt werden. Davon gibt es leider genügend.

 
Leser-Kommentare
  1. Liebe Redaktion, haben Sie den Film schon einmal gesehen? Sicher. Aber WO bitte kommt dort ein Kapitän vor??? Der port. "capitão" (engl. "captain") ist auf Deutsch schlicht und einfach ein "Hauptmann" bzw. im Polizeidienst ein PHK. Das bisschen Recherche wäre doch kein Aufwand gewesen, oder? Wie hört sich das denn jetzt an?Gruß und Dank für die ansonsten gelungene Rezension, M.Kremer 

  2. Nun vielleicht ist der Mann ja von der berittenen Gebirgsmarine!  Im übrigen ist es nicht übliche militärische Dienstgrade anderer Armeen "einzudeutschen". Da hieße ja dann Gunny Highway aus "Hartbreak Rich" plötzlich Feldwebel. Würde uncool klingen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service