Nein, mit Rassismus habe das Ganze nichts zu tun, sagt Helmut Schilling. Für ihn gab es da eher ein zwischenmenschliches Problem.

Man kann Helmut Schilling das abnehmen. Ruhig und offen gibt er Auskunft. Aber man muss ihm diese Version eines unschönen Vorfalls nicht abnehmen. Denn Helmut Schilling ist Partei. Als Sprecher für den ÖPNV der Biberacher Stadtwerke kann ihm nicht daran gelegen sein, dass bekannt wird, welche Vorwürfe über den Umgang des kommunalen Nahverkehrs mit farbigen Fahrgästen im Raum stehen. Biberach, eine schwäbische Kreisstadt mit 30.000 Einwohnern und mehreren Nebengemeinden, präsentiert sich gerne als liebens- und lebenswert, als traditionell weltoffen. Da passt es so gar nicht ins Bild, was zwei Afrikaner (und mehrere Deutsche als Augenzeugen) dort kürzlich erlebten.

Die beiden, nennen wir ihn John (aus Nigeria) und sie Rosanne (Französin schwarzafrikanischer Herkunft), warteten an der Bushaltestelle am Stadtteilhaus. Als der Bus kam, ließen sie einer älteren Dame den Vortritt. Dann schob sich vor ihren Augen die Bustür zu. Sie klopften und baten um Einlass. Ungewöhnlich war ihr Verhalten nicht, denn sie fahren fast täglich Bus und kaufen meist die Tageskarte für vier Euro. Der Fahrer kennt sie. Vom Sehen. Und er sieht, dass sie schwarz sind. Er weiß wohl auch, dass es im ÖPNV eine Beförderungspflicht gibt. Aber die scheint für ihn im Moment nicht zu gelten, denn die Schwarzafrikaner stehen immer noch draußen im Regen.

Auch als Fahrgäste im Bus fordern, er solle die beiden doch einsteigen lassen, schüttelt der Fahrer den Kopf. Da tut John etwas, was natürlich nicht gesetzeskonform ist. Ob das Nötigung ist, Behinderung des Straßenverkehrs oder schlicht ziviler Ungehorsam, sei dahin gestellt. Er stellt sich vor den Bus und hindert ihn am Weiterfahren. Er will so erzwingen, dass man ihn und seine Freundin mitnimmt. Der Fahrer grinst und telefoniert. John ist es recht, als endlich die Polizei kommt und auch Herr Schilling von den Stadtwerken.

Im Bus sitzt die ältere Dame, die Zeugin des Vorfalls. Sie wird von der Polizei nicht befragt. Immerhin gibt Herr Schilling ihr seine Karte und bittet um einen Anruf. Tage später ist der noch nicht erfolgt.

Die Geschichte hat eine Fortsetzung, die sich im Büro von Herrn Schilling abspielt. Dort treffen John, der verhinderte Fahrgast, Herr Schilling und Herr Eckhard Werner von der Busfirma Bayer-Reisen zusammen. Das Gespräch, sagt Herr Schilling, sei sehr freundlich und angenehm gewesen, wenn auch wegen der mangelnden Deutschkenntnisse von John schwierig. Und mit dem Fahrer, der, so Schilling, „wohl auch schon irgendwelche Fehler gemacht hat, die zu der Situation geführt haben“, werde die Firma reden.

Die Sache hat, das muss man der Fairness halber sagen, einen positiven Ausgang: Anzeige wird nicht erstattet. „Gegen den Fahrer?“ fragen wir. Nein, gegen John. Das Opfer braucht also nicht zu befürchten, dass es dafür bestraft wird, dass es sich gegen offensichtliche Diskriminierung wehrt. „Es gibt,“ sagt Herr Schilling, „kein Nachspiel und wir wollen das auch nicht so hochziehen, auch für den jungen Mann nicht.“ Liebenswertes Biberach!

Für John und seine Freundin Rosanne war dies nicht das erste unangenehme Erlebnis. Dass ein Bus einfach an ihnen vorbeifährt, wenn sie an der Haltestelle stehen, haben sie bereits früher erlebt. Und andere ihrer schwarzafrikanischen Bekannten ebenfalls. Auch, dass der Bus einfach weiterfährt, wenn sie das Signal zum Aussteigen geben. Und erst drei Stationen später notgedrungen hält, weil dort Deutsche einsteigen möchten. (Die Schwarzafrikaner tricksen den Fahrer gelegentlich aus: Sie drücken einfach drei Stationen zu früh auf den Aussteigeknopf, dann passt das irgendwann mit dem richtigen Halt.) Es kann auch schon mal vorkommen, dass der Busfahrer, wenn sie vorgehen und um einen Halt bitten, so scharf bremst, dass sie schnell nach einem Griff fassen müssen, wenn sie nicht gegen die Vorderscheibe geschleudert werden möchten.

John spricht schnell, wenn er redet, und man muss sich konzentrieren, wenn man sein Englisch ganz erfassen will. Aber er ist nicht erregt dabei. Eher resigniert und gelassen. Er ist kein Hitzkopf, der sich nach banalen lästigen Vorgängen in die Idee hineinsteigert, diskriminiert zu werden. Deshalb muss man seinen Vorwürfen wohl Glauben schenken.

Nein, beharrt Herr Schilling, mit Rassismus habe das Ganze nichts zu tun. Da habe es im zwischenmenschlichen Bereich gehakt. „Es war ein Problem da und das Problem haben wir gelöst.“

Hat man das wirklich? Teil dieses Problems ist, dass die Busfirma Bayer sagt, es habe bereits Beschwerden von anderen Busfahrern gegen den schwarzen Fahrgast gegeben. Worin diese bestünden, wird von der Firma allerdings nicht erläutert. Und die Gefährtin des jungen Mannes, Rosanne, habe außerdem versucht, in Birkendorf mit einem Einkaufswagen den Bus zu besteigen. Dummerweise war sie nie in Birkendorf. Schon gar nicht mit einem Einkaufswagen, sagt sie jedenfalls. Sehen vielleicht manche Busfahrer einfach nur rot, wenn sie Schwarze sehen?

Herr Schilling betont, worum es den Stadtwerken geht: „Wir möchten, dass die Fahrgäste zufrieden sind. Aber es gibt auch Regeln für die Fahrgäste und die gelten für alle.“ Dass es auch Regeln für die Busfahrer, dass es eine Beförderungspflicht im ÖPNV gibt, die im Personenbeförderungsgesetz geregelt ist, das betont Herr Schilling nicht.

John und Rosanne nehmen inzwischen häufiger das Taxi, obwohl sie es sich eigentlich von ihrem geringen Verdienst in der Gastronomie nicht leisten können. Aber was sollen sie anderes tun? Sie sind  Schwarzafrikaner und haben schlichtweg Angst im ÖPNV des so liebenswerten Kreises Biberach.

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