Digitalisierung Goldschnitt ade
Der Brockhaus-Verlag beugt sich der Moderne: Von April an setzt er allein auf das Internet und will mit einem Lexikon-Portal online gehen - kostenlos und werbefinanziert. Das Zeitalter der 30-bändigen Brockhaus-Nachschlagewerke ist damit beendet.
Für den Brockhaus-Verlag ist es eine "strategische Neuausrichtung: Die 21. Auflage der Brockhaus-Enzyklopädie war voraussichtlich die letzte - ab jetzt findet alles online statt." Leicht sei die Entscheidung nicht gefallen. "Der Traditionsverlag reagiert damit auch auf die Geschäftsentwicklung bei den gedruckten klassischen Lexika. 2007 wurden die Umsatzziele insbesondere im Segment der allgemeinen Lexika verfehlt", heißt es in der offiziellen Pressemitteilung.
Anders ausgedrückt: Kaum jemand greift noch zu einem Buch, wenn er mal eben einen Artikel nachschlagen will - im Internet kommt man viel schneller und vor allem kostenlos zu den gewünschten Informationen. Ergebnis: Im vergangenen Jahr hat der Verlag Millionenverluste eingefahren.
Brockhaus will sich jetzt schnell an die neuen Spielregeln anpassen. Statt alle sechs bis sieben Jahre eine neue Enzyklopädie aufwendig zu produzieren, soll die Redaktion zukünftig ständig neues Wissen aufbereiten. "Wir haben im vergangenen Jahr die Redaktion in Leipzig ausgebaut und in eine Online-Redaktion umgewandelt", erklärt Brockhaus-Sprecher Klaus Holoch im Gespräch mit Zeit online. Derzeit seien die 60 Mitarbeiter damit beschäftigt, die Inhalte der Papier-Enzyklopädie an die neue Publikationsform anzupassen.
Bereits im vergangenen Jahr hatte der Verlag erste Gehversuche mit dem neuen Modell gemacht. Der Verlag stellte die relativ kurz gehaltenen Artikel von Meyers Lexikon kostenlos ins Internet, auch dieses Angebot sollte sich durch Werbung finanzieren. Klaus Holoch zieht eine positive Bilanz des Experiments: "Obwohl wir für das Angebot kaum die Werbetrommel gerührt haben, erreichen wir Zugriffszahlen, die zum Beispiel mit denen der Zeitschrift Brigitte vergleichbar sind."
Lehren aus dem Projekt hat der Verlag ebenfalls gezogen: "Im Internet herrscht natürlich ein ganz anderer Aktualitätsbegriff", sagt Holoch. Begnügten sich Verlage früher damit, Enzyklopädien höchstens durch Ergänzungsbände zu aktualisieren, erwarten die Nutzer heute schnell aktuelle Informationen. Zwar hatte der Verlag für Käufer der Enzyklopädie bereits einen Online-Service eingerichtet, neue Informationen wie Sterbedaten oder aktuelle politische Entwicklungen wurden aber eher langsam und spärlich eingepflegt.
Ganz auf Print-Produkte will der Verlag nicht verzichten - Speziallexika zu medizinischen Themen oder zu Kunst verkaufen sich noch immer gut. Zudem hat der Verlag einige Bestseller im Angebot, so zum Beispiel den altehrwürdigen Duden oder das Guinnessbuch der Weltrekorde .
Ohne schmerzhafte Einschnitte kommt der Wechsel nicht aus. Die Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG kündigte bereits 50 Entlassungen an. Betroffen ist aber nicht die Redaktion in Leipzig, sondern der Verlag in Mannheim, wo Produktion und Vertrieb der Enzyklopädien organisiert wurden.
Zweifellos hat auch der Erfolg der kostenlosen Mitmach-Enzyklopädie Wikipedia zu dem Misserfolg der neusten Ausgabe der Brockhaus-Enzyklopädie beigetragen. Die deutsche Ausgabe der Wikipedia enthält mittlerweile über 700.000 Artikel, im Vergleichstest schneiden die Artikel erstaunlich gut ab.
Gegen die Kostenlos-Konkurrenten will sich der Brockhaus vor allem mit Verlässlichkeit positionieren - schließlich hat man über 200 Jahre Erfahrung mit dem Verfassen von Enzyklopädien: "Der immer unübersichtlicher werdenden Flut von Informationen aus dem Internet stellen wir mit "Brockhaus online" jetzt ein Wissensportal entgegen, das für Relevanz, Richtigkeit und Sicherheit steht", erklärt Marion Winkenbach, Vorstandsmitglied im Mannheimer Traditionsverlag. Ob die Rechnung im Zeitalter von Google allerdings aufgeht, bleibt abzuwarten .
- Datum 14.02.2008 - 02:40 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Der Brockhaus redivivus wird ebenso willkommen sein wie seine ehrwürdigen papiernen Vorfahren. Über meinem Computer mit seiner Wikipedia stehen die 20 Bände des letzten Brockhaus und die 20 Bände der Britannica, und es vergeht kein Tag, wo ich nicht alle drei benutze, da sie sich stets gegenseitig ergänzen und verifizieren.Ein virtueller Brockhaus kann von wissenschaftlicher Seite ständig auf dem letzten Stand gehalten werden -- ein Vorzug nicht nur gegenüber der Brockhaus-Papierausgabe, sondern auch gegenüber der Wikipedia, an der, nicht immer zum Vorteil, auch Laien beteilt sind
Zu bedauern sind alle diejenigen, die gerade jetzt noch durch den Außendienst von Bertelsmann und seines Vertriebsunternehmens inmediaOne heimgesucht werden, und die sich die teuren, "mit feinstem Kopfgoldschnitt versehenen und in hochwertigstem Cabraleder gebundenen Bände für Tausende Euro zulegen und fünf Jahre land den "Rohstoff für Wissen und Bildung" per Raten abstottern, nachdem ihnen gewiefte Verkäufer über von Schulen zugelieferten Adressen vermeintliche Bildungsdefizite ihrer Kinder in apokalyptischen Farben ausgemalt haben und mittels verkaufspsychologisch ausgebuffter "Aufwärmphase" mit der Sorge um die Zukunft spielen, um satte Provisionen einzuheimsen.
excellentes marketing
Der Brockhaus wird sich Mühe geben müssen, wenn er den Abstand zu Wikipedia aufholen will. Und man wird nicht darum herumkommen, die eingefleischte Expertenarroganz gegenüber den sogenannten Laien abzustreifen. Wer weiß, vielleicht bekommt Wikipedia dann nicht mehr in 43 von 50 Tests bessere Noten. Warten wir's ab.stern-Test-Wikipedia-Brockhaus________________Ehrlich lügt am besten.
Vor ein paar Jahren hat auch die Encyclopedia Britannica ihr Geschäftsmodell geändert, die Inhalte ins Netz gestellt, werbefinanziert, und keine Bücher mehr gedruckt. Hat nicht lange gehalten, die EB gibt es wieder als Buch, allerdings deutlich billiger als vor zehn Jahren.
"Ein Mensch, nichts wissend von Mormonegriff suchend nach dem Lexikone" so beginnt ein Gedicht von Eugen Roth, das sehr schön die Wonnen des Stöberns in einem Lexikon beschreibt. Mir geht's genauso, beim Suchen nach bestimmten Stichwörtern habe ich die interessantesten Informationen immer "nebenbei" gefunden. Genausowas geht verloren, wenn jetzt im Internet nur noch eine ziel- und stichwortorientierte Sofortsuche möglich ist. Und insofern kann das Internet nur eine (willkommene) Ergänzung sein, aktueller als ein Buch je sein kann – aber kein Ersatz.
Das Lexikon gibt’s nur noch im Internet,kostenlos. Dahin läufts unwiderruflich auch für die Printmedien. Die Beeinflussung der Massen durch Verleger, Redakteure und Herausgeber hat keine ökonomische Zukunft im Print, nur auf gleicher Augenhöhe mit Millionen von Usern im Web gehts weiter, und dort wird der Wettbewerb um die Meinungs- und Deutungshoheit spannend. Ich freue mich drauf ( auch mit klammheimlicher Schadenfreude).
Alle Spiegel-Artikel gibt’s seit dieser Woche kostenlos, eine Woche nach der neuesten Ausgabe. Mit anderen Worten, alle Themen ,die über eine Woche hinausreichen, müssen nicht mehr am Kiosk gekauft werden. Und nach der Spiegel –Mission sollten das ja wohl die meisten sein. Aktuelle Themen, die innerhalb einer Woche verschimmeln, die letzte Bastion des Print-Spiegels, gibt’s dagegen
100fach(1000fach?) schon Tage vor dem Spiegel-Montag im Web.
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