Gesellschaft Das macht krankSeite 2/2

So stehen derzeit Allergien und Phobien hoch im Kurs. Besonders auf dem seelischen Sektor sind wir sehr anfällig geworden: Schüchternheit wird zur "sozialen Phobie" aufgebauscht, Bewegungsdrang und Unaufmerksamkeit bei Kindern zur "Hyperaktivitätsstörung". Dass die Pharmaindustrie mehr Geld für Marketing als für die Forschung ausgibt, ist bekannt.

Während die Bürger medial und politisch unter Druck gesetzt werden, einer gesunden Lebensweise nachzugehen, werden Gesundheitsvorsorge und ärztliche Behandlungen immer teurer. In Deutschland korreliert Langlebigkeit mit keinem anderen Parameter so stark wie mit dem Einkommen. In Berlin beträgt die Differenz in der Lebenserwartung zwischen dem wohlhabenden Bezirk Zehlendorf und dem armen Friedrichshain-Kreuzberg satte vier Jahre (Quelle: Berliner Sozialatlas, 2007). Auch ist laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) die Anzahl der Arztbesuche in Deutschland seit Einführung der Praxisgebühr im Jahr 2004 rückläufig – kein gutes Zeichen.

Überdies kann die Warnung vor gesundheitlichen Gefahren als politisches und moralisches Druckmittel verwendet werden. Man kann sich gut vorstellen, wie schnell die Lebensweise kinderloser Menschen, hetero- wie homosexueller, infrage gestellt werden könnte, wenn man hervorhebt, dass die Brustkrebsrate bei später Erstgeburt – oder keiner Geburt – steigt. Verschiedene Randgruppen und gesellschaftlich Schwächere könnten unter dem Deckmantel der ungesunden Lebensführung pathologisiert werden. Die Pathologisierung ist jedoch auch eine Form der Diskriminierung.

Ich bin gespannt auf die Waage oder das BMI-Messgerät vor den Restaurants. In den USA stehen solche Dinger bereits in einigen Einkaufszentren.

 
Leser-Kommentare
  1. Ist einfach eine süsse Maus, Tanja Dückers.

  2. Tja, und schwupps haben wir die Überwachungsgesellschaft, den gläsernen Menschen, der doch bitte schön nur einen BMI von 22 haben soll, nie raucht, nicht trinkt  - und dabei überwacht wird vom Fitness- und Gesundheits-Blockwart um die Ecke. Genügend Aspiranten auf diesen Job wird's schon geben! Was aber machen wir dann mit den vielen (gesunden) Menschen, deren Arbeitsplätze im Gesundheits- und Wellnessbereich,  in der Enährungsindustrie und Landwirtschaft, im Weinbau und der Vermarktung dieser Erzeugnisse verloren gehen - allesamt Bereiche, die (auch) von der satten Unvernunft der Menschen leben? Wohin dann mit all den gestählten, gesunden Körpern? Durch die Hintertür schleicht sich doch hier wieder so ein Gedankengut ein - das des leistungsstarken, schönen, gesunden Körpers - oder täusche ich mich da? Was dick, alt, schwach, krank ist, soll ausgemerzt werden. Dabei kann unserem notorisch klammen Staat doch eigentlich nichts Besseres passieren, als dass seine Bürger viel essen, viel rauchen (=Steuereinnahmen!), nie zum Arzt gehen und  -  vor der Rente sterben. Oder??

  3. Also von Überwachungsgesellschaft merk ich aber noch nix. Man muss bei einer solchen Thematik nicht immer gleich in die rhetorische Falle von staatlicher Kontrolle und Gesundheits-Gestapo fallen. Schliesslich ist das Gerede vom  leistungsstarken, schönen, gesunden Körper in unserer Gesellschaft keineswegs ein staatlich konstruiertes, sondern vielmehr ein kulturelles Phänomen, das wir uns selbst zuzuschreiben haben.
    Das Argument mit den Steuereinnahmen macht natürlich Sinn, wenn man immer nur von der Tapete bis zum Kleister denkt. Dass gleichzeitig die Kosten für Lungenkrebs und sonstige Begleiterscheinungen deutlich höher ausfallen, ist ja nun wirklich keine Neuigkeit mehr. Das Doofe ist nämlich, dass zum Beispiel die Raucher nicht einfach eines Tages tot umfallen, sondern sich meist vorher noch einige Jahre in den Praxen und Krankenhäusern unserer Republik herumtreiben.
    Wir können natürlich den Amerikanern nacheifern, dem Staat die Verantwortung aus den Händen reißen und sie mit freundlichem Gruß der Wirtschaft überreichen. Die würde sicherlich ganz verantwortungsbewusst damit umgehen.
    Nein, letztlich ist unser System zwar verbesserungsfähig, im Großen und Ganzen aber ziemlich weit vorne. Schade, dass Tanja Drückers' Artikel zwar die wahrlich interessanten Punkte anspricht, zum Beispiel die Korrelation von Langlebigkeit und Einkommen, anstatt darauf einzugehen aber lieber in einen Alarmismus verfällt, der meiner Meinung nach einer produktiven Diskussion schadet.

  4. Ich zitiere aus dem Artikel: "Während die Bürger medial und politisch unter Druck gesetzt werden, einer gesunden Lebensweise nachzugehen, werden Gesundheitsvorsorge und ärztliche Behandlungen immer teurer."Das kann nicht stimmen: Die ärztlicheVergütung pro Fall nimmt kontinuierlich ab und beträgt z. Zt. nur noch ca. 70% der Vergütung 1998 (Bereich der KVNO). Die Tendenz ist weiter fallend, so dass z. B. die Hausärzte im Bereich der KVBayern den Ausstieg aus der kassenärztlichen Versorgung planen. Auch im Privatsektor sieht die Lage nicht gut aus. Die privatärztliche Gebührenordnung GoÄ wurde seit Jahren (1986?) nicht mehr angepaßt.Kosten die allerdings explodiert sind, sind Kosten für Pharmaka, für Prothesen usw.Zum Thema selbst: Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Das ständige kontrollieren und gängeln, das optimieren von individuellen Leben anhand des Merkmals Lebenserwartung, dass sich sogar mancher Politiker auf die Fahnen geschrieben hat, ist einfach fies. Freiheit ist auch die Freiheit unvernünftigen Ess-, Trink- oder Rauchverhaltens. Vielen Dank unserem Altbundeskanzler Hemut Schmidt und seiner Frau Loki für die Zigarette im ICE-Bistro oder auf dem Neujahrsempfang. Die Gesundheit der Optimierer kommt mir übrigens auch irgendwie beschädigt vor, die wirken auf mich phobisch und auch zwanghaft.

  5. Der Zeitgeist diktiert natuerlich nicht was krank macht, sondern was wir als Krankmacher ansehen sollen. Was wirklich krank macht haengt von vielen genetischen und biologischen Faktoren ab, die mit dem Zeitgeist wenig am Hut haben. Tatsache ist und bleibt, dass wir alle irgendwann mal sterben muessen, unser Koerper altert und verfaellt langsam aber sicher, da beisst die Maus keinen Faden ab. Die grosse Frage ist und bleibt, ob unser Leben lebenswert war! Zuviel ekliger, pappiger Fastfoodfrass, zuviel Alkohol und Tabak koennen uns das Leben genauso vermiesen wie fade Rohkost und verbissenes Trainieren im Fitness-Studio. Jeder Mensch muss sein eigenes Gleichgewicht zwischen Genuss und Uebermass finden, zwischen Selbstdisziplin und Selbstkasteiung. Der Zeitgeist mit all seinen populaerkulturellen Verlockungen (Fastfood, Videospiele, Flatrate Parties etc.) und all seinen strengen Geboten und Verboten (Rauchverbot, Fitness-Studios, Rohkost etc.) scheint mir zur Zeit unter einem chronischen Defizit an Wuerde, Selbstverantwortung und Lebensfreude zu leiden!

  6. Wenn die Zahlen stimmen, dass die Hälfte der Kinderin Deutschland übergewichtig sind, ist das schonarlamierend. Man sollte nicht vergessen, dass sich hinter dem Begriff Adipositas bzw. Fettleibigkeitganz reales Leid verbergen kann: Diabetis, sozialeAusgrenzung durch Hänseleien, Gelenkerkrankungen...Dieses Thema hat es m. E. verdient, ernst genommenzu werden. Wie beim Rauchen auch geht es beimWohl unserer Kinder auch um Profit und Werbelügen:Jedem halbwegs informierten Menschen streuben sichdie Haare, wenn er in der Fernsehwerbung sieht, wiekrankmachendes Zuckerjunkfood als "gesundesFrühstück" für Kinder angepriesen wird. Eine einfache Kennzeichnung der Nahrungsmittelmit einem Ampelsystem, wie es der von mir sehrgeschätzte Gesundheitspolitiker Dr. Karl Lauterbachvorgeschlagen hat, wäre eine große Hilfe.EineHilfe insbesondere für "bildungsferne Schichten",die zwar Verantwortung für ihre Kinder übernehmen wollen.aber noch nie etwas von gehärteten Fetten, Acrylamidusw. gehört haben....

    • Anonym
    • 07.02.2008 um 23:36 Uhr

    Die Leute werden nicht von Gehirnwellen dazu gezwungen und in der bösen Bibel stehts auch nicht so. Das hat sich eben so Entwickelt. Und pauschalisieren kann mans eh nicht, siehe z.B. immer mehr Dicke, in welcher Hinsicht sollen die also einem besonders gesundheitsbewusstem Leben nachgehen? Jede Zeit hat ihre Zwanghaftigkeiten und Neurosen. Allgemein kann man über die Jetzt-Zeit aber nur eines sagen, "wir" sind individualistischer als je zuvor. Es gibt für jede These, also auch diese von den health-nazis, Beweise genug aber auch für das genaue Gegenteil wird man seine Belege finden können. Wichtig ist doch nur das man den erhobenen Zeigefinger und die Selbstgerechtigkeit weglässt und die Leute sich entscheiden lässt. Nicht nur weil es dämlich ist mit Gesundheitskosten zu argumentieren, meine Güte wenn es danach geht werden alle Verletzungen von "gesundheitsschädlichem Verhalten" verursacht, und Sport in jeder Art wäre dann sowieso schädlich (Sportverletzungen).. ist doch wirr. Und ich kann mir für meine persönliche Gesundheit nichts schlimmeres vorstellen als wenn man mir deftiges Essen, Junk Food und so weiter verbietet und mich aufs Laufband schickt - die psychosomathischen Folgen und die Depression würde mich ins Krankenhaus bringen! 

    • rabin
    • 08.02.2008 um 10:27 Uhr

    Ein nicht zu kleiner Teil der Übergewichtigen trifft keine freie Entscheidung , sich mit Essen voll zu stopfen. Das Essen dient keinesfalls nur der Ernährung, sondern kompensiert andere Defizite. Das ist Sucht-Verhalten und eine Krankheit. Zu dieser Sucht wie zu den anderen gehört , sich natürlich nicht als süchtig zu bezeichnen, sondern alle möglichen und unmöglichen Gründe zu finden, das Sucht-Verhalten fortzusetzen.Der Raucher raucht trotz Raucherbein weiter, der/die Dicke futtert ,auch wenn Diabetes oder andere Krankheiten längst deutlich machen, es reicht.Aber es ist keine rationale Entscheidung. Hirnforscher würden uns genauer erklären können, wodurch genau die Entscheidungsfreiheit beeinträchtigt ist.Aber es ist eine Krankheit. Dies wird- trotz aller Untersuchungen darüber- bisher kaum anerkannt. Lieber zahlt die Gesellschaft die Milliardenkosten der Folgewirkungen. Die meisten bisher angebotenen Programme sind schlicht wirkungslos- und als Krankheit wird es - natürlich wegen der zu erwartenden Kosten- auch nicht anerkannt.Da die Verbreitung dieser Krankheit viel weitereichender ist als diejenige durch Alkohol  oder Nikotin ist die Ess-Sucht die Herausforderung Nr. 1

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