War anfangs noch geplant, alle Kinder zu einem Vorschuljahr zu verpflichten, wurde dies nun lediglich auf Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen eingeschränkt. Fünfzehn Monate vor dem Einschulungstermin, jeweils im September für Kinder, die sechs Jahre alt sind, werden die Kleinen künftig zum Sprachfeststellungstest geschickt. Wer nicht ausreichend Deutsch spricht, wird vom Staat zu einem Jahr verpflichtenden Kindergarten verdonnert. Gleichzeitig versprach die Regierung bis 2010 35 Millionen Euro pro Jahr für die sprachliche Frühförderung. Dadurch soll verhindert werden, dass Migrantenkinder, wie in der vergangenen PISA-Studie wieder einmal bestätigt, beim Schulerfolg auffallend schlechter abschneiden.

Lediglich das von Jörg Haider gemeinsam mit den Sozialdemokraten regierte Bundesland Kärnten führt ab Herbst 2006 eine generelle Kindergartenpflicht ein. Wer seine Fünfjährigen nicht in den Kindergarten schickt, muss dort mit zweihundert Euro Strafe rechnen. Eine von den Sozialdemokraten geforderte Vorschulpflicht für alle Kinder in jedem Bundesland scheiterte hingegen am Widerstand der Konservativen. Man könne den Eltern ihre Kinder doch nicht wegnehmen, lautete der Tenor. Ein Argument, das auch bei den Eltern gut ankam. Denn in kaum einem europäischen Land kommen Kleinkinder so spät in eine Betreuungseinrichtung wie in Österreich. Von den Unter-Zwei-Jährigen waren 2006 nur etwa zehn Prozent in einer Krippe, und selbst bei den Drei- bis Fünfjährigen blieben zwanzig Prozent tagsüber in der Familie.

Dabei ist die Idee, Kinder schon früher in den Bildungsbetrieb zu stecken und dafür weiterhin mit 18 Jahren herauszulassen, prinzipiell richtig. Denn nie wieder sind Menschen so lernfähig wie in den ersten Lebensjahren. Doch an der neuen Regelung gibt es berechtigte Kritik: Die Bildungsexpertin Christiane Spiel, Vorstand des Instituts für Wirtschaftspsychologie, Bildungspsychologie und Evaluation der Uni Wien, stört die Reduzierung der Tests auf die Sprachkompetenz. Sinnvoller wäre, sämtliche Bereiche der Schulfähigkeit zu untersuchen. Die Grünen wiederum befürchten eine Stigmatisierung ausländischer Kinder, weil diese als einzige zu einer Art „Straf-Kindergarten“ verdonnert würden. Als weiterer Kritikpunkt gilt, dass mit dieser Kindergartenpflicht ausgerechnet ausländische Familien mit Mehrkosten belastet werden, die meist ohnehin finanziell schwächer gestellt sind. Während eine generelle Vorverlegung der Schulpflicht um ein Jahr kostenlos gewesen wäre, muss der verpflichtende Kindergarten von den Eltern bezahlt werden.

Dass der Staat im Bildungsbereich eine neue Pflicht einführt, aber keine Gegenleistung wie Gratis-Kindergärten bietet, könnte dazu führen, dass die verfassungsmäßig garantierte Schulgeld-Freiheit unterlaufen wird, bemängeln auch Verfassungsexperten wie der Jurist Heinz Mayer. Aber auch inhaltlich gibt es noch Schwierigkeiten. "Im Kindergartenbereich fehlen vielfach allgemein verbindliche gute Standards und die methodisch-didaktischen Kompetenzen des Personals zur Sprachförderung", kritisiert der Bildungsexperte Fritz Kast, „was auch zur Konsequenz haben wird, dass Kinder mit Sprachdefiziten von Betreuerinnen „geschult“ werden, denen vielfach die methodisch - didaktischen Kompetenzen dafür fehlen könnten".

Deshalb bleibt trotz Sprachtests und Pflichtkindergarten für diejenigen, die zu wenig Deutsch verstehen, unklar, was die Kleinen dort eigentlich lernen sollen. Einen bundesweit einheitlichen und verpflichtenden Bildungsplan für Kindergärten gibt es nicht. „Man muss dazu übergehen, den Kindergarten stärker als Bildungsinstitution zur Kompensation von Defiziten zu nützen“, verlangt daher auch der österreichische PISA-Koordinator Günter Haider. Die Schüler aber, wie ursprünglich in Deutschland, bis zum 19. Lebensjahr in der Schule zu lassen, hält er für nicht sinnvoll. Ob man das Abi mit 18 oder 19 Jahren in der Tasche habe, mache wenig Unterschied, meint der Experte. Wichtiger sei, zu überprüfen, was und wie die Schüler lernen. „Wenn man sich ansieht, was die jungen Leute ein paar Jahre nach dem Abschluss von dem Gelernten noch wissen, bin ich dafür, im Schulwesen Mut zur Lücke zu zeigen und die Kinder vor allem zu lehren, wie man sich Wissen selbst aneignen kann.“