Musikbuch Einmal im Monat Hose waschen

Was ist Punk? Wo kommt er her? Der britische Autor John Robb lässt Zeitzeugen erzählen, wie diese Musik durch das England der Siebziger wirbelte.

„Punk veränderte alles. Nicht nur unsere Hosen“, schreibt John Robb auf der ersten Seite seines Buchs. Der britische Autor und Musiker hat eine mündliche Geschichte über Punk in Großbritannien zusammengetragen und verdeutlicht mit dieser Präambel, aus welcher Richtung er sein Projekt angegangen ist: Sein Herz schlägt für Punk.

Robb wuchs in den siebziger Jahren in Blackpool auf, als im fernen London eine Bombe hochging: Die Sex Pistols wirbelten alles durcheinander. Hand in Hand mit der Modeschöpferin Vivienne Westwood, dem umtriebigen Manager Malcom McLaren entfachten sie ein unheilvolles Medienfeuerwerk, das den Punk populär machte. Obwohl Amerika bereits einige Helden dieses Genres hervorgebracht hatten, passierte auf den britischen Inseln plötzlich etwas Umwälzendes.

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John Robb hat die Stimmen von Zeitzeugen über diese frühen Jahre des Punk gesammelt und zu einzelnen Kapiteln sortiert. Hier plaudern unter anderem Ari Up von The Slits, Jimmy Pursey von Sham 69 oder der Roxy-DJ und Filmemacher Don Letts über die Vergangenheit, begleitet von zusammenfassenden und erläuternden Einschüben des Autors.

Dieses System, Berichte zu sammeln und verschiedene (oder auch übereinstimmende) Sichtweisen zu dokumentieren, verdeutlicht einen der wichtigsten Ansätze überhaupt, Geschichte zu begreifen: Sie wird von Menschen gemacht. Egal, ob es einer Wahrheit entspricht, was sie sagen – Geschichte besteht immer aus vielen Geschichten.

Punk Rock. An Oral History lautet der englische Originaltitel des Buchs. Er deutet die mündliche Überlieferung an und ist viel passender als der deutsche: Punk Rock. Die ganze Geschichte . Als weiteres Zitat-Buch steht Robbs Werk neben dem reich bebilderten Band von Colegrave & Sullivan, der 2001 mit dem schlichten Titel Punk erschienen ist. McNeil & McCain schrieben 1996 das Buch Please Kill Me über die Entwicklung in den USA, mittlerweile ein Klassiker. Ergänzend zur britischen Punk-Geschichte sei England’s Dreaming von Jon Savage aus dem Jahre 1992 empfohlen. Nach der Lektüre dieser Bücher fügt sich ein historisches Mosaik aus Zeitzeugenberichten und klugen Studien zusammen.

Bei John Robb erfährt man wissenswerte Details und nette Anekdoten. Zum Beispiel über ausgeschnittene Zeitungsbuchstaben: Als punktypisches Gestaltungsmittel war der Erpresserbrief stilprägend. Helen Wellington-Lloyd und Nils Stevenson gestalteten damals die Flugzettel für die Sex Pistols und mussten improvisieren, weil sie keine Klebebuchstaben mehr hatten.

Gaye Advert, die Bassistin der Adverts, berichtet von ihrer Armut – sie besaß nur eine einzige Jeans. Wenn sie hinzufügt, dass sie dieser Hose einmal im Monat einen Besuch im Waschsalon gönnte, ahnt der Leser, wie die jugendlichen Punks damals lebten.

Leser-Kommentare
    • Hugo_P
    • 19.02.2008 um 8:37 Uhr

    Und wieder wird der "Ottonormalpunk" ignoriert, rate ich mal.Jetzt mal ernsthaft, wen interessiert es wirlich brennend, was Musiker über ihre Kollegen schreiben???Außer Musiker, Journalisten/Feuilleton, Kunststudenten, und sonstige, die sich zur Avantgarde zählen.Zum Glück hat der scheinbar auf das "Punk ist tot"-Argument verzichtet; das hab ich seit anfang der 90er schon 10mal gehört; incl. diverse "Wiederentdeckungen", wovon Nirvana noch die "authentischsten" sind.Hätt ich nie gedacht, aber es gibt heutzutage auch bei Punk ne Parallelgesellschaft; die einen verkünsteln den Kram und/oder hauen die Kohle von Mama und Papa für "durchkommerzialisierte" Massenveranstaltungen raus, und fahren mit nem Taxi ins Hotel, damit sie  auch am Montag wieder fit sind für die "Leistungsgesellschaft" (Studium/Schule), den anderen (und dazu zähl ich mich) isses lieber, für wenig Geld Konzerte in irgendwelchen Spelunken anzugucken, wo man mit den Musikern dann gemeinsam anstößt und über Gott und die Welt plaudern kann. Und selbst wenn man die Band nicht für den größten Kracher hält, rennt (bzw. fährt) man doch hin, weil man da Kumpels (und -elinen) trifft, die einem nicht tagtäglich überm Weg laufen.

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