Musikbuch Einmal im Monat Hose waschenSeite 2/2
Man muss nicht unbedingt wissen, dass Captain Sensible, der Bassist von The Damned, beinahe nur von hinten auf einem Plattencover zu sehen wäre. Und doch erfährt man viel, wenn er erzählt, wie er energisch interveniert sei, nur um seiner Tante zeigen zu können: Siehst du! Ich habe an einer Schallplatte mitgewirkt!
Welche Musik haben X und Y gehört, bevor sie das erste Mal mit Punk in Berührung kamen? Was war los in der Provinz? Was passierte in Belfast, wo Jugendliche mit Hilfe des Punk erstmals die politisch-religiöse Spaltung überwanden und dieselben Konzerte besuchten, ohne sich den Schädel einzuschlagen? Robb gewährt kurze Einblicke in diese und andere Bereiche, die Zeitzeugen berichten über die Situation der Frauen im Punk und über die jüngeren Subgenres von Oi! bis Gothic.
Mehr als 100 Personen – vorwiegend Musiker – kommen zu Wort. Im Kern beschreibt dieses Kompendium die Jahre zwischen 1975 und 1984. Anders als Jürgen Teipels Buch
Verschwende Deine Jugend
über den deutschen Punk und New Wave, das im Jahr 2001 erschienen ist, geht es John Robb kaum um Exzesse, Gewalt und Provokatives. Er hat auch all die langweiligen Kleinigkeiten festgehalten, die so wichtig sind, um Lebensgefühle in der Retrospektive begreifen zu können.
Als Pausenclown bringt John Lydon alias Johnny Rotten etwas Schwung in die Seiten: Der Sex-Pistols-Sänger gibt zynische Antworten oder Beschimpfungen zum Besten. So gebührt ihm auch das letzte Wort (vor John Robbs Schlussrede): „Keiner von diesen Säulen-Heiligen des Punk-Rock hat etwas Eigenes geschaffen, deswegen ist nichts mehr davon übrig. Na gut, es ist okay in meine Fußstapfen zu treten, aber hinterlasse auch selbst Spuren, hinterlasse einen Abdruck in der Welt.“
Dass John Robb dem Punk samt seiner „Säulen-Heiligen“ mit ganzem Herzen verfallen ist, verschafft dem Buch einerseits Einblickstiefe, andererseits mangelt es ihm an Kritikfähigkeit.
Der Autor hat das Buch geschrieben, weil er Punk mit all seinen Auswirkungen auf die internationale Popkultur liebt, und er hat es für Menschen geschrieben, denen es ähnlich geht. So gleicht sein Werk im sprachlichen Stil und in der Kernaussage einem umfangreichen Fanzine – durchaus im positiven Sinne. Robb, der auch für das britische Musikmagazin
Sounds
schrieb, früher mit der Band
The Membranes
auftrat und heute bei
Goldblade
singt, verhehlt an keiner Stelle, wie wichtig ihm diese Musik ist: „Punk hat mein Leben gerettet. Und ich wollte wissen, warum ...“
Ein kleiner Punk-Freund sollte man daher schon sein, um die mehr als 500 Seiten zu durchpflügen. Glücklicherweise haben die Herausgeber erläuternde Fußnoten hinzugefügt, ohne die das Buch nur Eingeweihten verständlich wäre. Leider erfährt man nichts über den Ablauf der Interviews, wie, wo und wann sie stattgefunden haben. Schade ist auch, dass das Buch nur wenige Fotos oder Abbildungen enthält. Lesern, denen zu all den Liedern, Namen und Platten nicht gleich die entsprechenden Bilder und Töne einfallen, wird es mühsam sein, dem Text zu folgen. Die weniger Punkvertrauten unter ihnen müssen ohnehin entsprechende Nachschlagewerke zurate ziehen, die oben empfohlenen Bücher lesen und dazu viel, viel, viel Musik hören.
John Robb: Punk Rock. Die ganze Geschichte.
Ventil Verlag
, 528 Seiten, Mainz 2007, 19,90 Euro
Online lässt sich vereinen, was Papier nicht zu zeigen vermag:
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- Datum 07.03.2008 - 03:47 Uhr
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Und wieder wird der "Ottonormalpunk" ignoriert, rate ich mal.Jetzt mal ernsthaft, wen interessiert es wirlich brennend, was Musiker über ihre Kollegen schreiben???Außer Musiker, Journalisten/Feuilleton, Kunststudenten, und sonstige, die sich zur Avantgarde zählen.Zum Glück hat der scheinbar auf das "Punk ist tot"-Argument verzichtet; das hab ich seit anfang der 90er schon 10mal gehört; incl. diverse "Wiederentdeckungen", wovon Nirvana noch die "authentischsten" sind.Hätt ich nie gedacht, aber es gibt heutzutage auch bei Punk ne Parallelgesellschaft; die einen verkünsteln den Kram und/oder hauen die Kohle von Mama und Papa für "durchkommerzialisierte" Massenveranstaltungen raus, und fahren mit nem Taxi ins Hotel, damit sie auch am Montag wieder fit sind für die "Leistungsgesellschaft" (Studium/Schule), den anderen (und dazu zähl ich mich) isses lieber, für wenig Geld Konzerte in irgendwelchen Spelunken anzugucken, wo man mit den Musikern dann gemeinsam anstößt und über Gott und die Welt plaudern kann. Und selbst wenn man die Band nicht für den größten Kracher hält, rennt (bzw. fährt) man doch hin, weil man da Kumpels (und -elinen) trifft, die einem nicht tagtäglich überm Weg laufen.
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