Österreich Selbstvertreibung aus dem Schneeparadies

Saalbach/Hinterglemm bietet den größten Skizirkus Österreichs. Aber die Alpenorte müssen immer größeren Aufwand treiben, um die Gäste anzulocken – und gefährden damit das, wovon sie leben: die Natur

Nach dem Krieg gehörten Saalbach und Hinterglemm sowie das benachbarte Leogang im Salzburger Land zu den ärmsten Dörfern Österreichs. Um das zu ändern, besorgten sich einige Bauern die Reste einer alten Lastenseilbahn und bauten aus den Einzelteilen mit bescheidenen Mitteln den ersten Skilift der Region. Es sollte aber noch etliche Jahre dauern, bis der Skitourismus dem Gebiet den erhofften Aufschwung brachte.

Heute geht es den drei Gemeinden ziemlich gut. Sie werben mit dem umfangreichsten Skizirkus in ganz Österreich: Skifahrer können sich auf 200 Kilometer Pisten aller Schwierigkeitsgrade austoben. 55 moderne Seilbahnen und Lifte bringen sie hinauf, einige sogar mit beheizten Sitzen. Selbst wer eine Woche emsig unterwegs ist, wird es kaum schaffen, alle Strecken abzufahren.

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Auch sonst ist, wie vielerorts, an jeden Komfort und jedes Vergnügen gedacht: Es gibt Wellnesshotels und Schneeschuhwanderungen, Nachtrodelbahnen, Flutlichtpisten und drei Snowboard-Parks, Hüttenzauber, Après-Ski-Bars, Clubs und Live-Events – alles halt, was Skiorte heute so bieten, um auch Jüngere anzulocken. Und das Ganze erfreulicherweise ohne die übertriebene Fun-Bedröhnung, die in manchen anderen Skigebieten Ältere vergrault.

Das Schneeparadies ist jedoch, wie in großen Teilen der Alpen, bedroht: vom Klima- und Wetterwandel und der wachsenden Konkurrenz. Weil der Schnee in manchen Wintern bereits Mangelware ist, insbesondere in diesen nicht allzu großen Höhen zwischen 1000 und gut 2000 Metern, und weil auch andere Skigebiete mit ständig neuen Attraktionen um die Gäste buhlen, treiben die Gemeinden einen immer größeren Aufwand.

Seit dem Jahr 2000 wurden allein in Saalbach/ Hinterglemm/ Leogang mehr als 155 Millionen Euro in neue Bahnen, Pisten und Beschneiungsanlagen investiert. 450 Schneekanonen sorgen dafür, dass inzwischen 90 Prozent der Pisten auch dann mit (künstlicher) weißer Pracht ausgestattet werden können, wenn keine Flocken vom Himmel fallen. Nichts soll mehr - zum geschäftlichen Schaden - den Unbilden der Natur überlassen bleiben.

Das führt nicht nur dazu, dass die Skifahrer bisweilen auf einsamen Kunstschneebändern zwischen ansonsten schneefreien, grünbraunen Wiesen in die Tiefe sausen – ein eigentümliches, unnatürliches „Naturerlebnis“. Es verlangt auch einen immer größeren Energie- und Materialeinsatz. So wurden in dem Gebiet acht gewaltige Speicherteiche gegraben, um sommers das Wasser zu sammeln, das dann im Winter mit Hilfe der Schneekanonen und entsprechendem Energieaufwand in Kunstschnee verwandelt wird. Die Versorgungsleitungen wurden überall in die Almwiesen eingegraben.

Zusammen mit dem Energiebedarf für die oft weite Anreise der Skitouristen - heutzutage nicht selten mit dem Flugzeug - tragen diese ganzen technischen Anstrengungen und die daraus resultierenden Emissionen paradoxerweise dazu bei, genau das zu zerstören, wovon die Orte leben: die Natur und das Klima. Ein Teufelskreis.

Schon wird daran gedacht, ganze Hänge zu überdachen, um sich von der Witterung völlig unabhängig zu machen. Es werden Schneekanonen erprobt, die selbst bei Plusgraden künstliches Weiß erzeugen. Von der Idee, in die Böden Kühlleitungen einzubuddeln, um so immerwährendes Schneevergnügen zu garantieren, ist man Gott sei Dank bislang noch abgerückt. Der Aufwand wäre denn doch zu groß. Noch, jedenfalls.

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