Stammzellforschung Wann ist der Mensch ein Mensch?

Darf man Embryonen für die Wissenschaft verfügbar machen? Zur ethischen Konsequenz eines profanen Arguments in der Debatte um die Änderung des Stammzellgesetzes.

Christoph Böhr war von 1997 bis 2006 Landesvorsitzender der CDU Rheinland-Pfalz und von 2002 bis 2006 auch stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU. Er plädiert hier gegen eine Verschiebung der Stichtagsregelung im Embryonenschutzgesetz, über die der Bundestag am Donnerstag entscheidet.

Ab wann ist der Mensch ein Mensch? Der Schleier unseres Nichtwissens liegt über dieser Frage. Und dennoch sind wir gezwungen, eine Antwort zu geben – schon deshalb, weil zum Beispiel der Gesetzgeber sie bei vielen Fragen voraussetzen muss.

Dass im Augenblick der Verschmelzung von Ei und Samenzelle ein neuer Mensch entsteht, lässt sich mit letzter Gewissheit nicht beweisen. Aber unbezweifelbar ist, dass in diesem Augenblick ein Lebewesen entstanden ist, in dem sich die gesamte Potenz eines entwickelten Menschen versammelt.

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Diese Feststellung gilt mit zwei Einschränkungen: Überlebensfähig ist diese menschliche Potenz ohne fremde Hilfe zunächst nicht; und sie ist am Anfang nicht mehr, aber auch nicht weniger als die Option auf eine Entwicklung. Bei näherem Hinsehen allerdings ergibt sich, dass beides zur conditio humana schlechthin gehört: Wann je ist ein Mensch überlebensfähig ohne die Hilfe anderer, wann je hat er seine Optionen vollständig zur Geltung gebracht? Es sind also, wenn überhaupt, graduelle Unterschiede, die das soeben gezeugte menschliche Leben von einem 20-, 50- oder 70-Jährigen unterscheiden.

Im Augenblick der Zeugung entsteht demnach ein Lebewesen, das uneingeschränkt als Mensch in seiner ganzen Potenz benannt werden muss - auch wenn es nach seinem äußeren Erscheinen als Mensch noch nicht zu identifizieren ist. Anders ist es bei einem Menschen, der sterbenskrank ist oder lange Zeit bewusstlos ist. Ihn identifizieren wir ohne jedes Zögern sofort als Mitglied der menschlichen Gattung, auch wenn er über bestimmte Eigenschaften, die wir gemeinhin mit der Bestimmung des Menschen als Mensch verbinden, nicht oder nicht mehr verfügt.

Warum ist es in unserer Kultur ganz selbstverständlich, dass wir alles tun, um einen Menschen, der einen Herzstillstand erlitten hat, mit allen Möglichkeiten der ärztlichen Kunst zurück ins Leben zu bringen? Das hat viele wichtige und weniger wichtige Gründe: um seiner Familie und seiner Angehörigen willen, aber auch, weil wir einen Menschen aus der Fremdbestimmung zu befreien suchen, mit der ein plötzlicher Tod über sein Leben verfügt.

Daneben gibt es einen Beweggrund, der alle anderen in den Schatten stellt: Wir achten das Leben als Leben – ganz unabhängig davon, ob es dem Betroffenen in den Kram passt oder nicht. Deshalb suchen wir den Selbstmörder von seinem tödlichen Sprung in die Tiefe abzuhalten, und aus dem gleichen Grund haben wir Zweifel, ob eine vor langer Zeit unterschriebene Patientenverfügung im Augenblick des Ernstfalles noch die tatsächliche Einstellung des Unterzeichners zum Ausdruck bringt.

Leser-Kommentare
    • ClausM
    • 12.02.2008 um 8:38 Uhr

    Es besteht mit absoluter Sicherheit ein Unterschied! Wo der Mensch beginnt, kann ich es nicht sagen. Aber eine falsche Anwort für richtig zu erklären, weil man die richtige Antwort nicht benennen kann, ist auch keine Lösung.

    • Crest
    • 12.02.2008 um 8:46 Uhr

    Naturwissenschaftler sind mit der ganzen Widerspenstigkeit
    einer Natur konfrontiert, die über kurz oder zur
    intellektuellen Härte erzieht.
     
    Geisteswissenschaftler unterliegen diesem Korrektiv nicht.
    Sie erliegen deshalb regelmäßig der Versuchung,
    aus taktischen Gründen semantische Fluktuationen
    in ihre Argumentationen einzubauen.
     
    In Böhrs Artikel tut er, Böhr, dies bereits mit der Eingangsfrage:
    'Ab wann ist der Mensch ein Mensch?'
    Diese Frage ist genuin normativ zu entscheiden vor dem
    Hintergrund etwa des Artikles 1 GG. Sie ist keine Frage über
    der ein 'Schleier des Nichtwissens' liegt. Denn selbst
    eine perfekte biochemische und physiologische Analyse der
    im befruchteten Ei ablaufenden Prozesse würde uns die
    normative Setzung nicht abnehmen können.
     
    Allerdings nehmen wir in unseren Normen Bezug auf
    physiologische und physikalische Randbedingungen,
    um zu vernünftigen Grenzziehungen zu gelangen.
     
    Und hier haben wir In der Argumentation von Böhr
    die zweite Entgleisung: denn ein Mensch, der über
    längere Zeit bewusstlos ist - und jetzt reizen wir
    diesen Begriff einmal aus und sprechen von einem
    Menschen ohne messbare Hirnfunktionen -  wird
    eben nicht mehr ohne jedes Zögern als Mitglied
    der menschlichen Art
    angesehen.
     
    Soviel zur intellektuellen Härte von Herrn Böhr.
     
    Kommen wir  zu seinen Befürchtungen  einer sich
    entwickelnden inhumanen Gesellschaft (meine Worte),
    als Folge ausufernder Ausnahmeregelungen. Meine
    Befürchtigungen sehen ganz anders aus:
     
    Eine Gesellschaft, die
    nicht den Mut hat, von Fall zu Fall Güterabwägungen
    vorzunehmen (meine Worte, Böhr spricht hier davon
    'unter welchen Bedingungen menschliches Leben weniger
    wert ist als andere, erstrebenswerte Güter'.)  kann
    eigentlich nur eine totalitäre Gesellschaft sein. Ich sehe da
    ganz konkret Fälle, wie der, der in Polen vorgekommen ist,
    als einer schwangeren Frau eine Abtreibung aus
    medizinischen Gründen verweigert würde, mit der Folge, dass
    diese Frau nun zu erblinden droht. Die Vertreter der dortigen
    harten Linie würden Böhr sicher Beifall spenden.
     
    Und umgekehrt?
     
    Herzlichst Crest

  1. "Ab wann ist der Mensch ein Mensch? Der Schleier unseres Nichtwissens liegt über dieser Frage". Wirklich?Die Wissenschaft versucht seit Jahren Antworten auf diese Frage zu geben, doch ihr wird nicht im geringsten zugehört und stattdessen Befangenheit vorgeworfen. Dabei verlangt sie nicht mehr und nicht weniger als ein bisschen Logik in die Diskussion miteinzubringen. Natürlich hat eine befruchtete Eizelle das Potential zu einem Menschen zu werden. Nur muss man eben auch zugeben, dass dies selbst bei einer gänzlich natürlichen Befruchtung im Mutterleib, nur dann stattfindet, wenn sich der Embryo in der Gebärmutter einnistet. Dies wiederrum ist selbst bei natürlichen Befruchtungen nicht immer der Fall und wird außerdem durch die Spirale oder die Pille danach unterbunden. Da Frauen, die die Spirale benutzen, aber natürlich nicht im Traum daran denken Forschung mit diesen Embryonen zu betreiben, sind sie eben auch keine Verbrecher.Sie erwecken außerdem den Eindruck als gehe es in der Diskussion darum Leben mit Leben abzuwägen und nicht immer wieder neue Grenzen zu definieren. Aber die Realität sieht auch hier wieder anders aus. Es werden schließlich nicht Embryonen aus dem Mutterleib entnommen und für Forschungszwecke benutzt, sondern Stammzellen entstehen aus Embryonen die bei künstlichen Befruchtungen nicht verwendet worden sind und in Deutschland mit viel Aufwand bei Minusgraden lagern, weil man sie ja nicht töten darf. In anderen Ländern steht es den Eltern dieser Embryonen frei, diese der Wissenschaft für die Forschung zu überlassen, in Deutschland nicht, warum?Somit ist die Aufhebung der Stichtagsregelung nicht nur eine Chance für die Forschung, sondern vielmehr die Möglichkeit eine Erkenntnis gestützte Definition vom Schutz des Leben zu definieren. Oder können Sie mir erklären, warum das Eindringen des Spermiums in die Eizelle nicht den Beginn des Lebens darstellt, sondern das Verschmelzen der Kerne von Spermium und Eizelle?

    • hamkon
    • 12.02.2008 um 9:17 Uhr

    es in die Renditestrategie des am Nochnichtmenschen interessierten Unternehmens passt.
    Schließlich ist das Primat des Kapitals nicht nur für die Niedriglöhner (früher Tagelöhner genannt) von Bedeutung wie uns CDU/CSU, FDP und weite Teile der SPD lehren. Nein, auch das zum Menschen zu formende biologische Substrat gilt es auf seine finanziellen Potentiale zu untersuchen und diesem Primat zu unterwerfen.
    Früher stand über diesem Theorem "Deutschland soll leben, auch wenn wir sterben müssen."
    Heute fängt das ganze jedoch schon im Reagenzglas an und dokumentiert dem Fortschritt, denn früher fand diese Unterwerfung des Lebens erst in den Schützengräben vor Verdun und Ypern statt.

  2. Böhr - dessen Argumente ich sehr ernstnehme - sagt: der Rubikon wäre überschritten, sobald die verbrauchende Embryonenforschung erlaubt würde. Daher: wehret den Anfängen. Die erste Güterabwägung ist der Türöffner für alle folgenden.  Ich denke, damit hat er recht. Nur ist die erste Güterabwägung natürlich längst geschehen: nicht erst in der Erlaubnis zum Gebrauch der bisherigen Stammzelllinien
    (jeder einzelne Klon dieser alten Stammzellen ist nach Bohrs Definition ein Mensch mit unantastbarer Würde!), nicht erst in der Abtreibungsdebatte (bei medizinischer Indikation ist Abtreibung bis zum 9.Monat möglich!!) , sondern schon in  millionenfachen Verschreibung von Verhütungsmitteln. Denn nicht nur die Spirale, sondern alle Gestagenpräparate - also auch die Pille - wirken unter anderem dadurch, daß sie die Einnistung der befruchteten Eizelle verhindern.  Der Rubikon ist also längst überschritten, und die jetztige Debatte ist bereits genau das, was Böhr so fürchtet: Diskussion um Ausweitung der Grenzen. Die Abwägung, was menschliches Leben ist, findet seit langem statt. Nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende des Lebens. Wer erinnert sich noch an die Debatte in den USA, als die Familie einer Komapatinenten (Shiavo war, glaube ich, der Name), deren Gehirn zu großen Teilen zerstört war, die lebenserhaltenden Maßnahmen einstellen wollte? Wie gesagt: Böhrs Befürchtungen sind nicht von der Hand zu weisen. Wer einmal Ausnahmen zuläßt, also differenziert, muß immer von neuem seine Maßstäbe rechtfertigen. Warum istdie verhinderte Einnistung mit Hilfe der Spirale oder Antibabypille anders zu bewerten als das Verhungernlassen einer im Reagenzglas gezeugten Zygote? Rein von der Menge der Vorfälle her ist doch bereits heute nicht das Tötung von Embryonen die Ausnahme, sondern deren Verbot!   Die Büchse der Pandora ist also offen. Warum soll nicht auch einem Embryo im dritten, vierten, fünften Monat, einem geistig schwerstbehinderten Kind, einem Alzheimerpatienten im Endstadium die Menschenwürde abgesprochen werden? Doch es ist zu spät, hier eine prinzipielle Grenze zu ziehen. Jetzt muß argumentiert werden. Und wer sich gleichwohl hinter einer solchen Grenze verschanzt, über welche die Front längst hinweggerollt ist, läuft Gefahr, in der Debatte nicht mehr gehört zu werden. Böhr müßte konsequent sein und die Rückverlegung der Frontlinie fordern, wie es die katholische Kirche tut. Diese Haltung ist ehrenwert, aber hierzulande nicht mehrheitsfähig. Böhr weiß: wenn er von einer solchen Position argumentiert, wird er nicht überzeugen können.

  3. ... und die Nazis, klar.  Ich erinnere mich, daß es die Linke war, die in der Abtreibungsdebatte das Selbstbestimmungsrecht der werdenden Mutter hochhielt.Wenn Hans und Grete um ihres puren Vergnügens willen in die Kiste steigen wollen, ohne mit der lästigen Möglichkeit einer Schwangerschaft konfrontiert zu sein,  ist die Tötung von Embryonen in Kauf zu nehmen. Wenn sie nicht aufgepaßt haben, hat Grete das Recht, den lästigen Sprößling zu entsorgen. Ist doch ihr Bauch. Alles kein Problem, ja? Wenn aber ein Unternehmen versucht, Embryonen zur Heilung schwerer Krankheiten einzusetzen, unter hohem Kapitaleinsatz und mit ungewissem Ausgang, und dies - horribile dictu - in der Hoffnung, damit eines Tages Geld zu verdienen: dann ist der Gottseibeiuns am Werk. Solche Brüche sind leider das zentrale Kennzeichen linker Argumentationsmuster.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Crest
    • 12.02.2008 um 14:05 Uhr

    vermutlich tue ich Ihnen nicht unrecht, wenn ich

    auf Grund Ihrer Kommentare annehmen, dass Sie konsequent auch gegen moderne

    Methoden der Empfängnisverhütung sind.
     
    Und so wie Sie es formulieren, könnten Sie sich vorstellen

    (wäre es für Sie wünschenswert), deren Einsatz unter Strafe zu stellen.
     
    Das ist nach allen Standards eine konsequente Haltung, in

    ihren Konsequenzen aber konsequent inhuman. Über Ihre

    Prämissen kann ich nicht diskutieren, das ist Ihre Sichtweise,

    quasi Ihre Entscheidung. Aber die Auswirkungen, die sollten Sie

    sich vorhalten lassen.
     
    Vertreter einer solch konsequenten Haltung gehen irgendwann

    buchstäblich über Leichen, so wie 'Lebensschützer' (!) in den USA,

    die Ärzte, die legale Abtreibungen vorgenommen haben, einfach -

    man kann es nicht anders sagen - über den Haufen

    geschossen haben.
     
    Eine in diesen Fragen konsequent repressive Gesellschaft wird

    konsequent bigott. Und es sind, Frau rijukan (mit der Anrede

    kann ich mich täuschen, aber Ihr Zungenschlag suggeriert

    diese), vor allem die Frauen, die die Leidtragenden sein

    würden.
     
    Eine so durch und durch konsequente Haltung hat

    übrigens noch einen anderen Namen:
     
    Fundamentalismus
     
    Wollen Sie den?
     
    Herzlichst, Crest

  4. Ich bin es gewohnt, daß man mich in Schubladen stecken will. Sie sind nicht der (im genus, nicht notwendig im sexus :-) Einzige, dem das mißlingt.  Ich vertrete die Auffassung, daß eine Zygote noch kein Mensch ist, so wenig wie eine Stammzelle aus dem Nabelschnurblut (die schmeißen wir weg, ohne uns was dabei zu denken). Wenn allein das "Entwicklungspotential" die entscheidende Rolle spielen würde, dann hätten schon Ei- und Samenzelle isoliert dieses Potential. Ja sogar der vollständige genetische Code eines Menschen hätte dieses Potential - irgendwann wird die Wissenschaft daraus einen Menschen erzeugen können.   Ich würde die Grenze vielmehr ungefähr beim Entstehen der ersten Nervenzelle ziehen. Selbst wenn es so etwas wie eine Seele geben sollte, ist die Nahtstelle zum irdischen Leben das Gehirn. Dessen Entwicklungsstand muß der entscheidende Maßstab sein. Natürlich ist auch hier keine klare Grenzziehung möglich - weshalb ich mit Böhr die Grenze an den frühestmöglichen Zeitpunkt lege. Das ist die erste Nervenzelle. Aber vorher: nein. Vermutlich haben Sie bei Ihrer Vermutung meine bevölkerungspolitischen Thesen im Hinterkopf. Aber ich weiß recht gut, was passiert, wenn man seine bevölkerungspolitischen Probleme durch Verhütungsverbote zu lösen versucht. In Europa hat das zuletzte Ceaucescu probiert - keine gute Idee.  Sie wissen vielleicht, daß ich den Geburtenmangel der Mittelschichten für das größte innenpolitische Problem der letzten Jahrzehnte halte. Ich sehe die maßgebliche Ursache dafür ganz profan in schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Familien. Ich bin daher überzeugt davon, daß man mit den richtigen Anreizen - ohne jeden Zwang! - die Situation entscheidend verbessern könnte. Richtig heißt: für den Lebensstandard darf es keine Rolle spielen, wieviele Kinder jemand hat, vom Hilfsarbeiter bis zum Chefarzt. Wenn man zusätzlich Frauen die Möglichkeit gibt, Familie und Beruf zu vereinbaren (und damit meine ich das, was 85% wollen: Beruf NEBEN der Familie, nicht umgekehrt -- also Teilzeit je nach Alter der Kinder), werden wir keine Nachwuchsprobleme mehr haben. Und auch da wiederum setze ich auf veränderte Anreize, und zwar vor allem für Arbeitgeber. 

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