An diesem Donnerstag wird der Bundestag erneut über die Stammzellforschung debattieren und am Ende in offener Abstimmung entscheiden, also ohne Fraktionsdisziplin. Es geht um die Frage, ob im Embryonenschutzgesetz der Stichtag, bis zu dem Stammzellen erzeugt sein müssen, damit sie zu Forschungszwecken nach Deutschland eingeführt werden dürfen, (einmalig) verschoben wird. In Deutschland selbst ist die Herstellung solcher Zellen verboten, da dazu Embryonen in einem frühen Stadium getötet werden müssen, und das wird wohl auch so bleiben.

Die Fronten in der Debatte verlaufen unübersichtlich quer durch alle Parteien und führen zu fünf verschiedenen Anträgen. Wie kommt es nun, dass seit geraumer Zeit auch die beiden großen Kirchen in dieser Frage unterschiedliche Ansichten nach außen tragen?

Vor der ersten großen Debatte und Entscheidung im Jahr 2002 war das noch anders. Damals hatten der Vorsitzende der deutschen katholischen Bischofskonferenz und der Ratsvorsitzende der EKD noch einen gemeinsamen Brief an die Abgeordneten geschrieben und darin vor der Freigabe der verbrauchenden Forschung an Embryonen gewarnt. Jetzt sagen die katholischen Bischöfe strikt Nein zu einer Verschiebung des Stichtags, während der Ratsvorsitzende der EKD, der Berliner Bischof Wolfgang Huber (aber nicht nur er), eine einmalige Verschiebung des Stichtags für ethisch vertretbar hält. Andere evangelische Bischöfe haben ihm deutlich widersprochen.

Ein gefährlicher Bruch zwischen den Kirchen, gar ein Skandal? Hier einige Ansätze zur Einkreisung des Problems:

Erstens: Schon 2002 war die Einheit der Christen nicht so fraglos. Innerhalb des Protestantismus war das kirchenleitende Nein zur Forschung an embryonalen Stammzellen durchaus umstritten. Und schon damals haben sowohl katholische als auch protestantische Abgeordnete anders abgestimmt, als es ihre geistlichen Oberhäupter empfohlen hatten.

Zweitens: Votiert der Ratsvorsitzende Wolfgang Huber heute anders als 2002 (damals war allerdings nicht er Ratsvorsitzender der EKD)? Ja, er votiert anders. Die offenkundige Differenz lässt sich aber erklären. Wolfgang Huber geht bei seiner Abwägung von den Tatsachen aus, die durch das Gesetz von 2002 geschaffen wurden. Er will es nun sozusagen dem Sinn nach fortschreiben, da die Stammzell-Linien, mit denen auf Grundlage des Gesetzes in Deutschland gearbeitet werden darf, nach Auskunft der Forscher nicht mehr brauchbar sind.

Die katholischen Bischöfe lehnen das Gesetz dagegen nach wie vor strikt ab. Sie verlangen im Grunde ein Verhalten, das so tut, als existiere dieses Gesetz gar nicht. Vielleicht verbinden sie damit insgeheim die Hoffnung, dass eine Verweigerung der Stichtagsverschiebung die Forschung an embryonalen Stammzellen in Deutschland zum Erliegen bringt. Das wird freilich nicht der Fall sein. Die Forschung wird weitergehen – allerdings an mit tierischen Materialen „verschmutzten“, für allfällige Therapien unbrauchbaren Stammzell-Linien.