Schriftsteller Tanzen mit dem Fettknick

Die Lyrikerin Ann Cotten durchstreift Berlin und macht aus ihren Entdeckungen außergewöhnliche Texte. Ein Porträt

Wenn Ann Cotten spazieren geht, begegnet ihr ein Übermaß an Welt. Das muss sie bewältigen - mit Sprache, mit Sätzen und Satzfragmenten, in denen die Welt weiter mäandert, vibriert und manchmal auch herausbrüllt. Sie ist eine Sprachartistin, eine Dompteuse, vielleicht Hochseiltänzerin. Eine gewisse Zeit lang schlägt sie ihre Zelte auf. Im Moment ist sie im Winterlager in Berlin. Denn hier können Artisten wie sie viel erforschen und kommen auf Ideen für neue Attraktionen.

Zumindest der Suhrkamp Verlag, früher einmal führender Veranstaltungsleiter für literarische Zirkusartisten aller Art, fand ihre Arbeit so überzeugend, dass er ihr Debüt herausbrachte. Fremdwörterbuchsonette heißt die Gedichtsammlung, die in Berliner Kulturkaufhäusern nun im Lyrikregal gleich neben Celan zu finden ist. "Drei Meter weiter weg beginnt das All" steht auf dem Buchrücken. Hier, über dem Firmament, wo die Luft ganz dünn wird, da gelingen Ann Cotten die tollsten Tricks.

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Ein Zirkuszelt, das sei ein Resonanzraum der Welt, der Geschichte und der Gefühle, sagt ihr Verlagskollege Alexander Kluge. Den findet Ann Cotten zumindest interessant, der würde "Brüche offenlegen". Die Welt, dieses fragmentarische Kaleidoskop, ist ihr schon früh auf ersten literarischen Expeditionen begegnet. Die "experimentelle Tradition" der Wiener Schule sei ihre "Messlatte". Hier stieß sie auf Texte, "wo man erst mal denkt: Bin ich wahnsinnig?"

Als Fünfjährige wanderte Ann Cotten mit ihrer Familie aus den USA nach Österreich aus. Für eine amerikanische Identität zu kurz. Auch wenn die 1982 in Iowa Geborene, nach Wien Exilierte sich einer gewissen Außenseiterrolle gerne bedient. "Wenn ich in Wien bin, habe ich einen Grund, anders zu sein, weil ich aus Amerika komme, und wenn ich in Berlin bin, dann erst recht", sagt sie. "Man hat so eine Art Wildcard."

Ihre braunen Haare hängen im Gesicht, ihre Stimme ist wienerisch-amerikanisch gefärbt, ihr Blick skeptisch. Ann Cotten wirkt zunächst unnahbar. Nicht schüchtern, nicht planlos, sondern unheimlich bedacht.

Und klar, ihre Literatur soll der Erkenntnis dienen. Ihr Blick auf die Welt ist eine sonderbare Vermengung von Klarsicht und Schwärmerei. Aus dem Fenster ihrer neu bezogenen Wohnung im Wedding beobachtet sie manchmal startende Flugzeuge vom nahen Flughafen Tegel. Die würden aufgrund eines "merkwürdigen, optischen Tricks" aussehen, als ob sie landeten anstatt zu steigen.

Obwohl sie in Wien aufgewachsen ist, kann sie das Amerikanische allerdings nicht aus dem System verbannen. Ann Cotten mag den Blues. Da gebe es "ganz präzise Wendungen, die dann aber entspannt und zurückgelehnt kommen". Diese Techniken versucht sie in der eigenen Literatur anzuwenden.

Die Lust am Spiel mit der Form ist in den Fremdwörterbuchsonetten ebenso wie bei ihrem neuen Projekt den Glossar Attrappen offensichtlich - wenn auch mit gegensätzlichen Vorzeichen. Mit dem Sonett wählte sie ein sehr konkretes wie auch literaturhistorisch beladenes Modell. Und so wirkt diese Lyrik eben durch die Reibung der Sprache am gesetzten Rahmen, sowie durch ironische Referenzen an das Medium selbst. Mit "darf ich den Sommertag mit dir vergleichen?" hat Shakespeare einen Auftritt als durchs Sprachbild tänzelnder Nummernboy.

Anders die Glossar Attrappen . Dies Projekt wird nur im Internet stehen, auf der Verlagsseite. Cotten stellt einen Fundus an Sprachmaterial zur Verfügung, aus dem sich der User gezielt oder durch Zufallsgenerator seine eigenen Sprach- und Satzverknüpfungen herausarbeiten kann. Somit arbeitet bei den Sonetten die Sprache gegen die Form, im Glossar muss Arbeit aufgewendet werden, um aus dem Sprachkorpus überhaupt etwas zu formen. Die Glossar-Beiträge sähe Cotten am liebsten verstreut im virtuellen wie im städtischen, realen Raum. Das Material soll von jedem geplündert, gesampelt werden dürfen, "solange das keine Arschlöcher sind".

Diese Ambivalenzen erzeugt Ann Cotten auch auf der Bühne. Auf dem "DebütantInnen Ball", einer Veranstaltung der Berliner Literaturwerkstatt für junge Lyriker vernetzt sie ihre Werkabschnitte.

Zu den Fremdwörtern ihrer Sonetten liest sie Einträge aus dem Glossar. Statt aber zu erklären, folgt sie selbst gelegten poetischen Fährten. Das virtuelle Wörterbuch bietet keine Definitionen, sondern einen Verweisdschungel mit verwuchertem Unterholz. Der Zuhörer wird zum Spurenleser. Die Räume, die er dabei aber erkundet, zerfließen und werden unscharf. Am besten gelang diese Form des Erkenntnisgewinns, als ein Freund von ihr die Verweise "total besoffen" vorlas, sagt Cotten und lacht. "Wenn da einer erst mal mit der Entzifferung und Aussprache ringt", dann offenbare sich der Text am Allerbesten.

Seit 2006 wohnt sie in Berlin, seit Anfang 2007 im Wedding. Im alten Arbeiterbezirk entdeckt Ann Cotten das ursprüngliche, widersprüchliche der Stadt. Schön sei diese verwilderte Urbanität dort, wo der Putz von den Hinterhoffassaden blättere.

Die Schönheit spiele „eine riesige Rolle“, bekennt die Autorin, um aber hinzuzufügen: "Schönheit ist eigentlich kein guter Begriff, weil ich das gleichzeitig für etwas verwenden muss, was zu schön ist." Überhaupt sei "das hässliche eine Art von Schönheit, oder das Abscheuliche und Unheimliche". Dort, wo sich Brüche auftun, wo Seh-, Hör- und Lesegewohnheiten irritiert werden, dort beginnt ihre poetische Arbeit. Am Fettknick, um genau zu sein. Auf den aktuellen H&M-Bikinimodeplakaten, "da gibt es so einen Fettknick beim Model". Das sei "so ein Reiz oder eine Verbindung zu anderen Bereichen".

Cotten mag das Spiel mit der Sprache, da habe sie "die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren, um sich in einem sinnfreien oder zweckfreien Raum zu bewegen". Das wäre "vielleicht eher mit Tanzen vergleichbar".

Dieses Tanzen ist kein Schwofen, sondern ein rhythmisch-versunkenes, wie zu Nick Cave and the Bad Seeds. Wim Wenders hat dafür einmal im Himmel über Berlin passende Bilder gefunden. Wave und Zirkus im fragmentarischen Nachkriegsberlin: Tatsächlich erinnert man sich manchmal an diese Bilder, wenn man Ann Cottens Literatur liest.

 
Leser-Kommentare
    • Kometa
    • 26.02.2008 um 17:46 Uhr

    Eine Lyrik-Vorstellung, ohne eine Sonettchen azudrucken...?Na, bitte, 's sei zur Selbsthilfe geschritten:Annchen tanzt durch Busch und Husch,.........*Wer legt den zweiten Vers ins Gestrüpp des ersten Quartetts?Yeah. Es gibtnette kompletteSonette...(Mit Erich Kästner nach-gedacht!)

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