Berlinale Erschieß mich

Zum Ende des Wettbewerbs doch noch die ersehnte Entdeckung: Lance Hammers „Ballast“ ist ein Wunder der Verknappung und des stillen Unglücks.

Zeig mir deine Wunde, sagt der Junge. Er hält die Waffe weit von sich gestreckt. Sie ist auf einen Hünen gerichtet, fast doppelt so groß wie er, der langsam seinen Pulli bis zur Brust hochschiebt. Zwei noch frische, kreisrunde Narben stecken wie schwarze Knöpfe über der Lunge. Warum zwei, fragt der Junge. Eine vom Schuss, eine von der Lungenoperation, antwortet der Mann. Der Junge stutzt und lässt für eine Sekunde die Waffe sinken. Dann bringt er sie wieder in Anschlag: Gib mir dein Geld.

James und Lawrence sind verwandt. Sie kennen sich und sie kennen sich nicht. Lawrence ist der Zwillingsbruder von James‘ Vater. Der hat sich vor kurzem mit Schlaftabletten umgebracht, Lawrence hat es daraufhin mit einer Pistole versucht. Nun steht sein zehnjähriger Neffe vor ihm. Er kam herüber von der anderen Seite des Sumpfes. Dort wohnt er allein mit seiner Mutter. Lawrence soll ihm geben, was er von seinem Vater nicht bekommen hat. Zur Not mit Gewalt.

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Es ist eine somnambule Welt im winterlichen Missisippi-Delta, die Lance Hammer in seinem Erstling „Ballast“ zeigt. Die Menschen stecken in ihrem Leben fest, als hindere sie der morastige Boden, der sie umgibt, einen Schritt nach vorne oder auch nur zurück zu machen. Verschlammte Biografien ohne Aussicht auf Veränderung. Nur ihr Körper treibt sie weiter, der tägliche Kampf um die blanke Existenz. Wenn das Glück einmal in dieser weiten grauen Ebene Station gemacht haben sollte, hat es keine Spuren hinterlassen. Es ist mit dem Vogelschwarm davongeflogen, dem der Junge zu Beginn hinterher sieht.

Lawrence hat mit seinem Bruder auf einem kleinen Grundstück zusammengewohnt. Wie zwei Lungenflügel liegen die beiden ärmlichen Holzbaracken nebeneinander. Ein gemeinsames Lebensmittelgeschäft sorgte für den Unterhalt. Der Verlust des Bruders hat Lawrence alle Energie genommen. Die Worte schleichen müde aus seinem Mund, es ist mehr ein Atmen als ein Sprechen. Als James ein zweites Mal kommt und ihm die Waffe vor die Brust hält, sagt er nur: Erschieß mich. Die Beiden bewegen sich vorsichtig aufeinander zu. James sucht in Lawrence den Vater, den er zu hassen gelernt, aber nie aufgehört hat zu vermissen. Für ihn ist der identische genetische Code ein Zeichen der Nähe, für seine Mutter zunächst ein Anlass zu Argwohn und Abscheu.

Lance Hammer braucht nur wenige Striche, um ein komplexes Beziehungsgeflecht zu entwerfen. Er beobachtet seine Figuren, allesamt von Laiendarstellern gespielt, im Stile eines Dokumentaristen und guckt, was passiert. Ganz ohne soziologische Erklärungsversuche, ganz ohne Empörung, ganz ohne Sentimentalitäten. Es ist, wie es ist. Doch unter dem scheinbar ungeregelten Fluss der Dinge liegt eine präzise Komposition, die zuspitzt, verknappt und beschleunigt. Hammer weiß genau, was er zeigen muss und weglassen kann. Eine solche kluge Montage braucht keine Musik. Sie vertraut sich und der Klarheit der Bilder. Selten war Stille in einem Film so musikalisch.

Die materielle Not bringt die Drei zusammen. Die Mutter verliert ihren Job und zieht mit James in das Haus ihres toten Mannes. Sie schmeißt zusammen mit Lawrence den Laden und beteiligt ihn mehr und mehr an der Aufsicht des Jungen. Vater, Mutter, Sohn. Das Glück scheint mit den Vögeln zurückgekehrt zu sein. Doch es ist flüchtig und schreckhaft. Ein schmatzender Schritt im Morast und der Schwarm zieht wieder weiter.

 
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