Parteien Neue Mehrheiten

Nach der Bürgerschaftswahl drohen auch in Hamburg hessische Verhältnisse. Die könnten sich in Wiesbaden aber bald auflösen - durch eine SPD-Minderheitsregierung mit Hilfe der Linken

Es herrscht Stillstand in der Berliner Politik, auch wenn sich die Abgeordneten im Bundestag in dieser Woche so wichtigen Fragen widmen wie der Steuerhinterziehung, der Energiepolitik oder der Integration. Es sind nur Schaufensterdebatten, die auch noch die letzten Wähler mobilisieren sollen. Denn eigentlich interessieren die Politikstrategen im Moment nur zwei Dinge: Wie geht am Sonntag die Bürgerschaftswahl in Hamburg aus, und was passiert anschließend in Hessen?

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Nur etwa 1,2 Millionen Hamburger sind am kommenden Sonntag zur Abstimmung aufgerufen. Es ist eher eine Kommunal- als eine echte Landtagswahl mit einem recht langweiligen Wahlkampf ohne zündendes Thema. Dennoch ist die bundespolitische Bedeutung der Wahl beträchtlich. Denn erstens wird sich in Hamburg zeigen, ob die CDU mit einem liberalen Bürgermeister Ole von Beust und einem sachlichen Wahlkampf, der sich betont von dem Polarisierer und Krawallmacher Roland Koch unterscheidet, besser abschneiden kann als vor vier Wochen in Hessen. Zweitens will die SPD nach der dortigen Trendwende auch in der Hansestadt kräftig zulegen. Drittens wird die Linke in Hamburg aller Voraussicht nach ihren Durchmarsch in die westdeutschen Landesparlamente fortsetzen, womöglich mit einem neuen Rekordergebnis.

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Klare Mehrheiten wird es in Hamburg jedoch vermutlich wie in Hessen nicht geben. Die CDU dürfte nach den letzten Umfragen ihre absolute Mehrheit verlieren, wird aber wohl stärkste Partei bleiben. Die SPD kann damit rechnen, sich in ihrer einstigen Hochburg deutlich zu verbessern. Da aber auch der Linkspartei wie der FDP der Einzug in die Bürgerschaft vorausgesagt wird, womöglich gar mit einem zweistelligen Ergebnis, dürfte es wie in Wiesbaden in einem Fünf-Parteien-Parlament weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün reichen.

Anders als in Hessen bietet sich als Lösung an der Elbe neben einer Großen Koalition und mehr oder weniger unrealistischen Dreier-Konstellationen allerdings noch eine weitere, interessante und neuartige Farbenkombination an: Schwarz-Grün. Das ist der vierte Grund, warum viele in den Parteien auf Hamburg starren. Denn sowohl CDU-Bürgermeister von Beust als auch manche in der Führung der Grünen in der Hansestadt wie in Berlin liebäugeln mit einem Testlauf für eine solche neue Mehrheit jenseits der bisherigen Lagerlogik.

Vor allem die Grünen tun sich jedoch schwer damit, vor der Wahl offen darüber zu reden, obwohl eine Mitgliederversammlung der Landespartei vor einigen Monaten ausdrücklich Gespräche mit der CDU als Option beschlossen hatte, um eine Große Koalition zu verhindern. Die öffentliche Debatte darüber, nachdem auch Beust vor einigen Wochen diese Variante ins Spiel gebracht hatte, hat die Grünen indes verunsichert. Denn ihr Umfragewerte sind seitdem deutlich gesunken - wohl auch deshalb, weil ihre linken Anhänger jede Annäherung an den alten Erzfeind ablehnen. Die Führung der Landespartei ging daher auf Distanz.

Dazu kommen schwerwiegende inhaltliche Differenzen mit der CDU, insbesondere in der Energie- und Bildungspolitik sowie in der Frage der Elbvertiefung. Allerdings ließen sie sich wohl, anders als in Hessen, überwinden. Wenn nur so eine Große Koalition zu verhindern ist, werden die Grünen deshalb voraussichtlich mit der CDU verhandeln - schon allein, um mit Blick auf künftige Wahlen Beweglichkeit zu demonstrieren.

Leser-Kommentare
  1. ...im Gegensatz zur Darstellung im Artikel gibt es in Hamburg noch weit mehr Unvereinbarkeiten zwischen CDU und Grünen als Elbvertiefung und Bildungspolitik.- Die unhaltbare Abschiebepraxis: Wenn irgendwelche Top-Grünen um der Posten willen so etwas mitmachten, könnten sie sich auf keinen Landesparteitag mehr trauen. - Das neue, riesige Kohlekraftwerk: Wenn die Grünen das billigen, müßten sie sich wohl umbenennen, ansonsten siehe oben.- Studiengebühren: Wurden von den Grünen ebenfalls immer strikt abgelehnt.- Der ständige Verkauf von Eigentum der Stadt, sogar entgegen dem in einem Volksentscheid erklärten Willen der Bürger: Ist einer der Hauptgründe für die klare Wechselstimmung in der Stadt. Beust hat hier einmal zu viel auf das Kurzzeitgedächtnis der Wähler gesetzt. Undenkbar, dass die Grünen mit der CDU regieren und all dies mittragen. Hoffen tut dies nur von Beust, der so lange den netten Strahlemann gab, während im Hintergrund seine Senatoren die Drecksarbeit machen.

  2. Die Linkspartei wird alles unternehmen, um den ungeliebten Ministerpräsidenten Koch zu stürzen.
    Wenn Frau Ypsilanti von der Linkspartei als Ministerpräsidentin vorgeschlagen wird, kann sie natürlich dankend ablehnen und Herrn Koch mitwählen.
    SPD und CDU mögen den Eindruck von Souveränität erwecken.
    Das Handeln bestimmen Grüne, FDP und Linkspartei oder Herr Bouffier und Herr Walter einigen sich auf eine große Koalition. Aber Herr Walter konnte sich noch nicht einmal in der eigenen Partei durchsetzen.
    Somit ergäbe sich eine auch noch die Möglichkeit einer Schwarz-Rot-Goldenen-Koalition. Ein großer runder Tisch, bei dem Grüne und Linkspartei auf das Fußbänkchen verbannt würden.
    Am wahrscheinlichsten dürfte gegenwärtig eine Ministerpräsidentin Ypsilanti um den Preis von Neuwahlen sein.

  3. Mancher Wähler versucht seinen Unmut am Wahltag hörbar zu machen. Der TYP A geht nicht zur Wahl. Der TYP B wählt die Protest-Partei die "die da oben" am meisten ärgern. Gesucht ist eine Art von Generalopposition. Wenn es nun aber zu Konstellationen kommen kann, in denen die Protest-Parteien dann doch politischen Einfuss haben, dann wandern dieser Anteil an Stimmen ab. Sollte die Linkspartei doch einen stärkeren Einfluß bekommen verliert Sie die Protestfunktion. Durch die momentane Diskussion werden Abstrafer verunsichert. Als taktische Wähler wollen Sie nicht die künftgie Regierung sondern die künftige Opposition gestalten. Dazu wollen Sie vor der Wahl sicher sein, wer Oppositon bleibt.

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