Vampire Weekend im Interview Nur die Gitarre sauberer drehen

Vampire Weekend aus New York ernten großes Lob für ihr Debütalbum. Im Interview sprechen sie über adrette Kleidung, Exotismus und Langeweile im Indierock.

In einem Hamburger Hotel geben Ezra Koenig und Christopher Tomson ein Interview nach dem anderen. Ihre beiden Bandkollegen Rostam Batmanglij und Chris Baio absolvieren gerade dasselbe Programm in Spanien. Alle wollen mit ihnen über ihr erstes Album reden, das am 22. Februar 2008 erscheint.

ZEIT online: Vampire Weekend klingen anders als die typischen Indierock-Bands. Was macht Ihren Stil besonders?

Ezra Koenig: Wir begreifen uns nicht als Indierock-Band und haben mit Rockmusik nicht so viel am Hut. Einige Indiebands legen sich eine alternative Geschichte zurecht, die alte Popmusik ausklammert. Wir fühlen uns dem Mainstream aus den Sechzigern und Siebzigern und aus dem Rest der Welt verbunden. Manchmal machen auch Punkbands Pop, und es gibt auch furchtbar kitschigen Pop, den zu hören sich lohnt. Wir wollen aufgeschlossen hören, auch Dinge, die als uncool gelten. Wie beispielsweise ABBA, Max Martin oder Shakira. Wir finden es albern, Grenzen zu ziehen wie: Dies ist Indie, das ist Mainstream.

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ZEIT online: Sie haben sich viel mit afrikanischer Musik beschäftigt, das hört man Ihren Liedern an.

Christopher Tomson: Wenn man sich unsere Musik genau anhört, ist das nur ein Einfluss unter vielen. Möglicherweise gab es solche Klänge in den vergangenen zehn Jahren amerikanischer Musikgeschichte nicht oft. Wir spielen einfach mit diesen Klängen und unseren Rock-Instrumenten herum. Wenn man die Stücke anders arrangiert und die Instrumente anders spielt, könnten sie ganz normal klingen. Aber wenn man hier ein bisschen am Trommelklang fummelt, die Gitarre ein bisschen sauberer einstellt und sie anders anschlägt, ist das auf einmal viel interessanter.

ZEIT online: Dann haben Sie sich das einfallen lassen, weil Indierock und Popmusik so langweilig geworden sind?

Tomson: Es gibt immer gute Popmusik. Justified von Justin Timberlake war ein wirklich gutes Album. Wir haben in New York viele Konzerte besucht, haben gehört, über wen man so spricht – diese Bands hatten eine gemeinsame Schwingung, so eine Rock-Ästhetik. Das war nicht unser Ding. Als wir anfingen zu proben und uns Gedanken über eine Bandsprache machten, beschlossen wir, diesen Weg nicht zu gehen. Wir wollten andere Pfade erkunden, auf denen man sich dem Popsong nähern kann.

ZEIT online: Welche afrikanischen Klänge haben Sie verwendet?

Tomson: In Reinform findet sich kein Stil auf dem Album, denn wir haben nicht studiert, wie man beispielsweise afrikanischen Highlife oder Soweto spielt. Wir lassen uns lediglich von ihnen inspirieren. Ich hoffe, es gibt bei uns keine Melodie, die genauso auf einer afrikanischen Platte erschienen ist.

ZEIT online:Exotismus ist sehr beliebt im aktuellen Pop . Musiker wie Beirut, M.I.A., Shantel , Manu Chao , Bishi und A.J. Holmes schauen sich in der Welt um nach neuen Melodien, neuen Trends. Gibt es nationale Klangklischees? Beispielsweise könnte man behaupten, Balkanmusik sei immer melancholisch und weinselig, und afrikanische Musik klinge immer sonnendurchflutet und rhythmisch.

Koenig: Es gibt solche Klischees. Aber all diese Musiker verwenden die Klänge in einem anderen Kontext als sie ursprünglich zu hören waren. M.I.A. und Beirut sagen offen, warum sie das machen. Ihre Musik bewegt sich hoffentlich außerhalb der Stereotypen.

Wenn man auf alten Platten wie The Lion Sleeps Tonight hört, wie die Jungs die Pauke spielten, merkt man, dass sie exotisch oder afrikanisch klingen wollten. Die Zeiten sind vorbei. Heute kann man sagen: ‚Ich mag Musik vom Balkan und aus Afrika. Aber ich will keine Klischeeklänge produzieren, sondern einfach Musik machen, die zeigt, was ich fühle.’ So drückt man der fremdartigen Musik keinen falschen Stempel auf.

ZEIT online: Wer sind Ihre musikalischen Helden?

Tomson: Ach, da gibt es so viele. Rick Danko ist ein Held. Er ist der Bassist von The Band, also Bob Dylan & The Band. Zu ihm schaue ich oft auf, er scheint ein toller Typ zu sein.

Koenig: Meine Vorbilder sind The Clash, Elvis Costello, The Beastie Boys. Die haben mich sehr geprägt.

ZEIT online: Woher kommen all die klassischen Wendungen in Ihrer Musik, die auf der Orgel, dem Cembalo und den Streichern gespielt werden?

Tomson: Unser Keyboarder Rostam Batmanglij und ich hatten Musik als Hauptfach an der Uni, und der Lehrplan war sehr klassisch. Wir lernten Harmonie und Kontrapunkt und analysierten Bach-Sonaten. Rostam hat auch die Streicher auf unserem Album arrangiert.

ZEIT online: Sie haben einmal erzählt, Sie interessierten sich für postkoloniale Literatur. Was hat Postkolonialismus mit Ihrer Musik zu tun?

Koenig: Wenn man sich anschaut, was in der postkolonialen Ära gewachsen ist, sieht man Nationalismus und Kulturstolz. Aber der Postkolonialismus zeigte auch, dass Vermischung der Kulturen nicht zwangsläufig so schlecht sein muss wie der Kolonialismus selbst. Die Globalisierung gibt es schon sein hunderten von Jahren, und es gibt viele interkulturelle Verbindungen. Wenn man den Postkolonialismus auf die Musik bezieht, beginnt man zu fragen: ‚Sind die Musiken wirklich so verschieden? Sollten sie zusammengefügt werden? Sollte man in einer modernen Welt nicht auch die Musiken der restlichen Welt hören, eben weil es eine gemeinsame Geschichte gibt?’

ZEIT online:Preppy ist ein Wort, mit dem Vampire Weekend immer wieder beschrieben werden. Was bedeutet das?

Koenig: Ich glaube, prep kommt von prepatory school und bezeichnet eine bestimmte Schulart. Vielleicht eine, die George Bush besucht hat. Abgesehen davon ist es eine Art, sich zu kleiden – in Ralph Lauren oder Lacoste. Ein klassischer Look, den jeder tragen kann, der aber auch für eine konservative Ausbildung steht. Unsere Art preppy zu sein ist nicht die der anderen Leute. Wenn man jemanden auf der Straßen fragt, wie wohl ein preppy Mensch lebt, dann hört man: Er ist Banker, verdient gut und hat ein Haus in Connecticut. Aber er spielt nicht in einer Band namens Vampire Weekend.

ZEIT online: Dann ist preppy das Gegenteil von Rock’n’Roll.

Koenig: Ja, irgendwann kam dieser Indierocker-Stil auf: Man sollte möglichst schlampig aussehen, als sei man gerade aus dem Bett gerollt. Ich denke, unsere Musik klingt, wie preppy Klamotten aussehen, und nicht, als sei sie gerade aus dem Bett gerollt. Mich langweilt dieser ganze Indierock-Dresscode. Preppiness passt zu uns.

ZEIT online: Anfang des Jahres hat eine BBC-Jury Vampire Weekend auf die Liste der meistversprechenden Neulinge in 2008 gesetzt. Was bedeutet Ihnen das, und was verändert es?

Tomson: Wir konzentrieren uns auf unsere Hälfte der Gleichung: Wir machen die Lieder, mit denen wir uns wohl fühlen und bringen sie raus. Die andere Hälfte ist die Reaktion der Leute. Die BBC-Liste zeigt uns, dass die Menschen uns ein weiteres Mal positiv aufgenommen haben, das fühlt sich großartig an. Aber es liegt nicht in unserer Macht.

Das Gespräch führten Rabea Weihser und David Hugendick

Lesen Sie hier die Rezension von Vampire Weekends Debütalbum »

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