Schlimmer hätte es mit der Unabhängigkeit kaum beginnen können. Die Regierung des Kosovos hatte für Freitag Mittag, halb zwei, zu einer Pressekonferenz ins eigens für diese Tage eingerichtete Medienzentrum eingeladen. Minuten später schon raunte die halbe Stadt: Jetzt schon? Doch nicht erst am Sonntag? Die Pressesprecherin des Premierministers beruhigte: Nein, heute nicht. Aber der Premierminister werde bekanntgeben, wann genau das Parlament des Kosovos sich für souverän erklären wolle.

Die vielen hundert Journalisten, die seit Tagen durch die Straßen von Prishtina streifen und Plakate fotografieren, quetschten sich pünktlich in den Konferenzsaal im Grand Hotel. Premier Hashim Thaci saß schon im Auto, als ihn ein Anruf ereilte. "No way", dekretierte am anderen Ende der Leitung eine feste Frauenstimme - so gehe das nicht. Die Stimme gehörte Tina S. Kaidanow, der Leiterin des US-Verbindungsbüros in Prishtina.

Thaci fuhr trotzdem zum Grand Hotel, ließ der staunenden Weltpresse aber erst einmal ausrichten, der Termin der Unabhängigkeit sei "nicht das Thema dieser Pressekonferenz". Dann trat er selbst ans Mikrofon, sagte aus dem Stegreif ein paar Sätze zum Schutz von Minderheiten auf und verschwand so rasch, wie er gekommen war.

So peinlich die Szene ist, so gut passt sie auch. Die Regie für die Unabhängigkeit oder für das, was man dafür halten soll, liegt in diesen Tagen ganz in den Händen der Amerikaner. Deshalb auch der ungewöhnliche Sonntagstermin: Die US-Vertreterin fürchtet Spannungen, und eine sofort einberufene Sitzung des Sicherheitsrates könnte die Wogen noch höher gehen lassen. Der libyschen Präsidentschaft im Sicherheitsrat kommt der Part zu, ein entsprechendes Begehren Serbiens oder Russlands in New York erst einmal hinauszuzögern. Die Chancen stehen gut: Montag ist in den USA Feiertag.

Aber selbst wenn der Termin geschafft ist, wird das Kosovo kaum viel souveräner werden. Die neue Verfassung, die die Abgeordneten in den nächsten Wochen verabschieden sollen, ist dem “Souverän” noch immer unbekannt. Eine albanische oder Textversion gibt es noch gar nicht. Aber auch der englische Entwurf, in wesentlichen Teilen vom Zentrum für Minderheitenfragen (ECMI) im deutschen Flensburg erstellt, macht für die Zukunft wenig Hoffnung.

Die Macht geht nach der künftigen Verfassung des Kosovos nicht vom Volke oder vom Parlament, sondern von einer "Internationalen Verwaltungsbehörde" (ICO) aus, die von der EU aufgebaut wurde und von den EU-Außenministern am Montag offiziell ins Kosovo "entsandt" werden soll. Nach Artikel 145 soll die EU-Behörde selbst dann noch die “letzte Autorität” sein, wenn es gilt, die oktroyierte Verfassung zu “interpretieren”. Die Polizei- und Justizmission EULEX, ebenfalls unter dem Schirm der EU, hat sich für unbestimmte Zukunft weitere wesentliche Kompetenzen gesichert.