Die Linke zeigt jetzt "klare Kante". So zumindest formuliert es ihr Wahlkampfmanager und Bundestagsabgeordnete Bodo Ramelow. Die Partei schmeißt die DKP-Frau Christel Wegner, die auf der Liste der Linken kandidiert hatte, aus der niedersächsischen Landtagsfraktion, und sie beendet darüber hinaus generell die Praxis, dass Politiker anderer linker Parteien auf ihren Listen kandidieren können. "Abgeordnete, die die Stasi und die Mauer gut finden und damit unsere Glaubwürdigkeit beschädigen, haben in unseren Parlamentsfraktionen nichts zu suchen", stellte der Westbeauftragte der Partei, Ulrich Maurer, am Montag klar.

Nur vier Tage hat es also gedauert, bis die Linke scheinbar eindeutige Konsequenzen gezogen hat aus einem Interview, das die bekennende Alt-Kommunisten und frisch gewählte niedersächsische Landtagsabgeordnete Wegner dem Fernsehmagazin Panorama gegeben hatte. Darin hatte diese die DDR-Statssicherheit gerechtfertigt und den Bau der Mauer verteidigt – und damit Empörung bei allen anderen Parteien und auch in den Reihen der Linken ausgelöst.

Aus allen Rohren hat die Parteiführung in den letzten Tagen gegen Wegner und die DKP geschossen, um der politischen Konkurrenz, die hinter der Linkspartei insbesondere im Westen schon immer unbelehrbare Kommunisten und sonstige Linksversprengte vermutete, den Wind aus dem Segel zu nehmen. Parteichef Oskar Lafontaine sprach von einer "spinnerten Äußerung". Der Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi griff sogar auf Verschwörungstheorien zurück und vermutet den Verfassungsschutz am Werk. In einem Zeitungsinterview sagte Gysi am Wochenende, er könne sich nicht vorstellen, "dass eine DKP-Politikerin einfach so dumm ist, kurz vor der Hamburg-Wahl ein solches Fernseh-Interview zu geben, wohl wissend, dass sie uns damit schaden wird." Das sehe doch eher nach Verfassungsschutz aus.

So schnell wird die Linkspartei die Debatte um Kommunisten und DDR-Sympathisanten in ihren Reihen aber nicht loswerden. Schließlich kandidiert auch in Hamburg, wo am Sonntag eine neue Bürgerschaft gewählt wird, auf ihrer Liste auf Platz 10 Olaf Harms, ein DKP-Mitglied. Der hat nach den letzten Umfragen durchaus Chancen, wie seine DKP-Freundin Wegner, die ihr Mandat behalten will, in das Landesparlament einzuziehen. Und anders als die Berliner Parteiführung will beispielsweise der niedersächsische Landesvorsitzende Diether Dehm auch weiterhin DKP-Mitglieder auf Wahllisten der Linken aufstellen, sofern diese sich "zur Rechtsstaatlichkeit und zum Programm der Linken" bekennen. Die Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke sieht ebenfalls keinen Grund, die Zusammenarbeit mit der DKP infrage zu stellen.

Dies ist aber mitnichten der einzige Brandherd, der in der Linken schwelt. Die junge, aus der PDS im Osten sowie Hartz-Protestlern und allerlei Altlinken im Westen fusionierte Partei quält sich noch mit allerlei Geburtswehen. Der linke Europaabgeordnete André Brie, ein Reformer aus dem Osten, räumt ein, dass in den westlichen Landesverbänden "etliche Mitglieder ihre ideologischen Schlachten von gestern ausfechten und unsere Partei als Spielwiese benutzen". Auch Fraktionschef Gysi kritisiert die "vielen linken Sektierer", die sich dort tummeln.

Vor allem schlägt sich die Linke im Westen mit einer Gruppe Trotzkisten herum, die versucht, die Partei zu unterwandern. "Marx21 – Netzwerk für internationalen Sozialismus" nennt sich eine Gruppe von etwa 100 Mitgliedern, die sich als Kaderorganisation zusammengeschlossen hat, um intern für orthodoxe marxistische Positionen, eine proletarische Revolution und gegen jede Form der Regierungsbeteiligung zu kämpfen. Zuvor nannte sich die Gruppe "Linksruck" und war unter anderem bei den Jungsozialisten, bei Attac und der WASG aktiv, die in der Linkspartei aufging.

Die Gruppe gehört zu einem internationalen trotzkistischen Netzwerk, das von London aus gesteuert wird. Im Bundesvorstand, der Bundestagsfraktion und im Hochschulverband der Partei hat sie mittlerweile einige einflussreiche Positionen besetzt. Auf heftige innerparteiliche Kritik der Parteireformer stießen im vergangenen Jahr vor allem Äußerungen der Vorstandsfrau Christine Buchholz, die offen mit der radikalislamischen Hisbollah sympathisierte und die Linke aufforderte, die "Dämonisierung" dieser antiisraelischen Terrorgruppe nicht mitzumachen.

Der Verfassungsschutz sieht in der Gruppe den Versuch, demokratische Parteien "von innen auszuhöhlen und zu desorganisieren". Die Führung der Linkspartei jedoch bemüht sich, das Problem herunterzuspielen. Größere Schwierigkeiten könnte die Gruppe Marx21 der Partei aber spätestens dann bereiten, wenn es darum geht, in Hessen zusammen mit SPD und Grünen eine linke Mehrheit zu schmieden. Denn mit Janine Wissler gehört eine der Aktivistinnen von Marx21 nun der hessischen Landtagsfraktion der Linken an.

Doch nicht nur versprengte Westlinke bereiten der Parteiführung Probleme. Schließlich gibt es auch noch ein paar alte Bekannte aus der PDS. Auch fast zwei Jahrzehnte nach dem Fall der Mauer geht es dabei immer wieder um die Bewertung der DDR. Den Landesverband Berlin zum Beispiel beschäftig seit einigen Wochen ein bizarrer Streit um das alljährliche Gedenken an die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht Anfang Januar. Auf der "Gedenkstätte der Sozialisten" in Berlin liegt seit zwei Jahren ein kleiner Stein, der an die "Opfer des Stalinismus" erinnert. In diesem Jahr nun hatten Berliner Landespolitiker der Linken dazu aufgerufen, auch an diesem Stein Nelken niederzulegen.

Damit jedoch zogen die Realpolitiker den Zorn der Kommunistischen Plattform (KPF) auf sich, die den Stein in einem offenen Brief eine "Provokation" nannte, weil "ein Stein, der pauschal an alle erinnert, die unter Stalin zu Tode kamen oder Haftstrafen verbüßten, für uns inakzeptabel ist". In den Augen der Kommunistischen Plattform gibt es somit offenkundig bis heute nicht nur unschuldige, sondern auch schuldige Opfer des Stalinismus.

Eine der Unterzeichnerinnen des offenen Briefs ist die linke Europa-Abgeordnete Sahra Wagenknecht. Vor 15 Jahren hat sie die Mauer einmal ein "notwendiges Übel" genannt. Heute formuliert sie es lieber etwas vorsichtiger, spricht von "einer historischen Situation des Kalten Krieges und der Blockkonfrontation" und davon, dass "die neue Ordnung in der DDR damals nur überleben konnte, wenn das Ausbluten an der offenen Grenze vorerst gestoppt wird". Aber die Botschaft ist dieselbe wie bei Christel Wegner. Nur wird sich kein führender Politiker der Linken trauen, bei der populären Frontfrau der Kommunistischen Plattform ähnliche Konsequenzen zu fordern.

Für Wahlkampfleiter Bodo Ramelow indes sind die Causa Wegner und die innerparteilichen Diskussionen um die DKP mit den Beschlüssen vom Montag beendet. Gleichzeitig allerdings versicherte er, in seiner Partei keinen "Gesinnungs-TÜV" etablieren zu wollen.

Dabei bräuchte es gar keinen solchen TÜV, um sich zum Beispiel mit den DDR-Verherrlichern in den eigenen Reihen auseinanderzusetzen. Auch die KPF-Sprecherin Ellen Brombacher gehört zu den Unterzeichnerin des Protestbriefs, der die Opfer des Stalinismus verhöhnt. Brombacher lässt sich mit Fug und Recht als Überzeugungstäterin bezeichnen. Kurz vor der Vereinigung von PDS und WASG hatte sie sich beispielsweise auf einem PDS-Parteitag über die Arbeit der Stasi mit den Worten geäußert, "die DDR ist bekämpft worden, und ganz ohne Ministerium für Staatssicherheit wird es dabei nicht gegangen sein". Auch diese Feststellung ähnelt derjenigen, für die DKP-Frau Wegner nun aus der linken Fraktion im niedersächsischen Landtag geflogen ist.

Die Linke misst also mit zweierlei Maß. Die Wähler lassen sich davon und von der Empörung der anderen Parteien aber offenbar nicht abschrecken. Nachdem sie gerade erst in die Landtage von Hessen und Niedersachsen eingezogen war, liegt sie vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg in den letzten Umfrage sogar schon bei neun Prozent. Aber selbst wenn die Linke am Sonntag ein Rekordergebnis im Westen einfährt - die Debatte um ihren kommunistischen Anteil wird sie nicht los.