ZurückgeblättertDer Lehrer der Weltstars

Lee Strasberg und das Method-Acting - Titelthema des ZEITmagazins vom 17. Februar 1978 von Hoghe und

Wer im New Yorker Actor's Studio von Lee Strasberg als Schüler angenommen wird, kann sich eine große Karriere auf der Bühne oder Leinwand ausrechnen — wie einst Marilyn Monroe und Marion Brando. Vor kurzem kam der 76jährige legendäre Lehrer der Stars erstmals nach Deutschland, um in einem Seminar deutsche Schauspieler nach seiner Methode zu unterrichten.

Ihr Name fehlte in kaum einer Ankündigung, und auch während des zweiwöchigen Seminars im Bochumer Schauspielhaus bleibt der Mythos lebendig, wird gesprochen von der Legende und gefragt nach der Schülerin Marilyn. Zum Beispiel, wie er es geschafft habe, den beiden "Frauen" in Some like it hot so viel Liebe entgegenzubringen.

Ja, Miß Monroe habe da wirklich einige Schwierigkeiten gehabt und ihn um Hilfe gebeten, erinnert sich Lee Strasberg, Leiter des legendären Actor's Studio in New York, aus dem Stars wie James Dean und Marion Brando, Robert de Niro und AI Pacino hervorgingen. Seiner prominentesten Schülerin half der heute 76jährige auf besondere Art. "Ich sagte ihr: Nur die wenigsten Frauen mögen dich. Die meisten sind eifersüchtig, neidisch auf dich, betrachten dich als Konkurrentin und behandeln dich abweisend. Und sieh: Hier sind nun zwei Frauen, die dich sehr gern haben."

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Die für den großen alten Mann des amerikanischen Theaters nicht untypische Argumentationsweise erwies sich einmal mehr als Eisbrecher. Nach dem Gespräch habe MM keine Schwierigkeiten mehr gehabt und mit großer Hingabe die Szenen gespielt, in denen sich die in Frauenkleidern agierenden Stars Jack Lemmon und Tony Curtis um sie bemühen.

Lee Strasberg, 1901 in Österreich geboren, seit 1909 in den USA und in den dreißiger Jahren einer der Gründer des Group Theatre, aus dem später das Actor's Studio entstand, erzählt bei seinem ersten Schauspielerseminar in Deutschland immer wieder Geschichten wie die von Marilyn Monroe, Geschichten, die zunächst wie die bekannten Staranekdoten klingen und doch mehr sind, Beispiele auch für Strasbergs Methode, den Schauspieler auf die eigene Realität zurückzuführen, persönliche Erfahrungen nutzbar zu machen für die Gestaltung von Rollen und Bewältigung von (Schauspieler-)Problemen.

Zentraler Punkt dieser Methode: das "emotional memory", die Übung zum emotionalen Gedächtnis. An einem Nachmittag in Bochum wird sie den rund 250 Seminarteilnehmern, jungen Schauspielern, Regisseuren , Dramaturgen demonstriert.

Anna Strasberg, Schauspielerin und dritte Frau des Regisseurs, sitzt in einem Stuhl, entspannt sich, schließt die Augen, öffnet sich den Prozessen, die in ihr ablaufen, Erfahrungen, Erinnerungen. "Wo geht deine Konzentration hin?" will Strasberg wissen. Sie habe versucht, sich einen Ort aufzubauen und sei bereits dort. Lee Strasberg fordert seine Frau auf, zu sagen, was sie an diesem Ort sieht, hört, riecht, empfindet. Ihr ist heiß. Auf ihrem Gesicht spiegeln sich Freude, Ärger, Angst, Glück. Sie erinnert sich an Zeilen eines Gedichtes, Schulbücher, Musik. Zeit und Raum sind vergessen.

Die verschiedenen Emotionen werden im raschen Wechsel angeschlagen wie die Tasten eines Klaviers. Anna Strasberg singt, schreit, lacht, weint, stampft ungeduldig mit den Füßen.

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