Gesellschaft Eine Frage der Moral

Der Fall des Klaus Zumwinkel erregt uns, weil es einen Menschen in einer herausragenden Position trifft. Und weil wir das Dilemma zwischen Amt und eigener Schwäche selbst kennen. Ein Kommentar

Der Fall Zumwinkel könnte sich zu einem bürgerlichen Trauerspiel auswachsen. In Anlehnung an Lessings Emilia Galotti ließe es sich dann mit den Worten schließen: "Ist es zum Unglücke so mancher, dass Führungskräfte Menschen sind." Zur Zeit der Aufklärung waren die Führungskräfte Fürsten. In dem, was sich heute abspielt, sind es Manager.

Das Dilemma liegt darin, dass herausgehobene Funktionsträger wie der Post-Chef, Vorstandsvorsitzender des weltweit siebtgrößten Privatunternehmens, der über das berufliche Wohl von mehr als einer halben Million Mitarbeitern entscheidet, auch nur Menschen sind. Als solche sind sie fehlbar wie alle. So mancher kann den Anforderungen seines Amtes, das idealerweise fehlerfreies und tadelloses Handeln erfordert, nicht immer genügen. Es ist ein existenzieller, manchmal tragischer Konflikt, was auch das enorme Interesse am Fall Zumwinkel belegt. Hier werden nicht - wie während der Debatte um den Mindestlohn für Briefzusteller - nur ökonomische Gemüter erregt, sondern alle. Jeder Mensch kennt die Situation.

Das nimmt Klaus Zumwinkel für uns ein. Beobachter, Vertraute, Kritiker sind sich darin einig, dass er, seit er vor 18 Jahren antrat, ein verkrustetes Staatsunternehmen in einen zukunftsfähigen Weltkonzern verwandelt hat und ihn seitdem erfolgreich führte.

Nun hat er, so lautet der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Steuern in Höhe von einer Million Euro hinterzogen. Das wäre kriminell. Selbst wenn mancher Bürger Steuerhinterziehung als das Wehren gegen ein ungerechtes Steuersystem rechtfertigt, ist es nicht nur strafbar, sondern auch verwerflich. Zumal im Fall eines Spitzenmanagers, der zudem ein Unternehmen führt, das noch immer in Teilen dem Staat gehört, den er betrogen haben soll.

Moral ist kein Selbstzweck. Vielmehr sind Werte die notwendige Grundlage für eine bessere Gesellschaft. Im Falle anderen Fehlverhaltens von Managern wie das des ehemaligen Siemens-Aufsichtsratschefs Heinrich von Pierer, der Schmiergelder in Milliardenhöhe duldete oder zumindest nicht verhinderte (vorgeblich, um den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens zu sichern), wird vornehmlich mit ökonomischen Prinzipien argumentiert. Doch die haben keinerlei moralischen Wert. Niemand kann sie über die Vorstellungen stellen, auf denen unsere Gesellschaft beruht.

Dennoch: Fälle wie die des Jürgen Schrempp, des Peter Hartz und seiner Betriebsräte bleiben Fälle persönlichen Fehlverhaltens. Möglicherweise werden sie dank einer sensibilisierten Öffentlichkeit heute nur leichter sichtbar. Das ist nicht zu beklagen, sondern zu begrüßen. Wäre dem nicht so und würde sich tatsächlich individuelles Versagen zu einem Systemfehler auswachsen, wie man es schon in der öffentlichen Wahrnehmung wittern mag, dann würde unserem System der sozialen Marktwirtschaft die Grundlage entzogen. Manager dürften als Letzte Interesse an einer solchen Entwicklung haben.

In kniffligen Situationen habe sich Zumwinkel stets selbst an den Verhandlungstisch gesetzt, sagte ein Aufsichtsratsmitglied der Post. Er scheint also ein Mensch zu sein, der bereit ist, für seine Überzeugungen einzutreten und die Konsequenzen auszuhalten. Am Freitagmorgen hat Zumwinkel seinen Rücktritt eingereicht. Ein Mensch, also fehlbar, der die Konsequenzen für sein Handeln zieht - oder der versucht, die schädliche Wirkung abzuwenden, die das ihm vorgeworfene Handeln auf das Unternehmen und auf das Bild des deutschen Managers insgesamt hat.

 
Leser-Kommentare
    • wpev
    • 15.02.2008 um 13:33 Uhr

    Alle... die den Kopf Zumwinkels öffentlich gefordert haben... sie denken  "naja versuchen muß man´s ja" ... man muß doch an das Alter denken. Peanuts und Kavaliersdelikte... man wird Herrn Z. schon etwas über eine Durststrecke zu helfen wissen... jede Wette? Würde die Gesellschaft diesen Diebstahl an der Gesellschaft (der Sozialgemeinschaft!) richtig sehen und bewerten... dann sähe manches anders aus! Aber so lange diese armselige Art der Umverteilung honoriert wird... da versuchen es halt viele.

  1. Man muss das alles einmal vor dem Hintergrund sinkender Nettoeinkommen in D sehen, der Tatsache, dass Familien mit Kindern wahlweise wenn nur ein Verdiener da ist und das Geld nicht ganz reicht als Schmarotzer und Faulpelze oder aber, wenn beide Elternteile vollzeitarbeiten, als Kindervernachlässiger beschimpft werden. Man muss das ganze auch vor dem Hintergrund sehen, dass so einige in der politischen Elite vom hohen Ross, auf dem sie sich sitzend gerne präsentieren, etwas von 'alten Werten', wie Anstand, Ehrlichkeit, Höflichkeit, Fleiß - und vor allem: Bescheidenheit - schwadronieren.Eine Frage: was geben diese 'modernen Eliten' eigentlich der Gesellschaft zurück? Die Frage müssen wir uns einfach einmal stellen, schon allein deshalb, weil es sich hier nicht um eine Neiddebatte handelt, denn Leute, wie Guggenheims, Rothschildts oder Rockefellers, die etwa viel Geld in den Erhalt kultureller Werte investierten und ihre Sammlungen der Öffentlichkeit zugänglich machten, sind hier nicht in die Kritik eingeschlossen - ebensowenig zahllose Leute aus der Aristokratie, die Kulturdenkmäler nicht an den Staat zurück geben - was sie durchaus könnten, sondern auf eigene Kosten erhalten. Nein: es geht hier um eine ganz kleine Gruppe von Leuten, deren Verhalten eben als äußerst unanständig empfunden wird. Im Grunde geht es hier um die Antipoden des türkisch-arabischen Mobs in den Trabantenstädten.

    • Anonym
    • 15.02.2008 um 14:48 Uhr
    3. nein,

    das ist keine frage der moral. das ist nur eine frage des geldtransfers.

  2. 4. Bitter

    ...vor allem für Zumwinkel selber. Er ruiniert damit seinen Ruf, der bisher außerordentlich gut war auf vollkommen unnötige Weise zu einem Zeitpunkt, an dem seine Karriere sich sowieso dem Ende zuneigt, er also nicht merh vergessen machen kann, indem er zukünftige Heldentaten vollbringt.Zumwinkel brauchte das Geld nicht. Wäre es reine Gier gewesen, wäre die Summe viel viel größer. Ich denke, das Problem ist, dass Steuerhinterziehung einfach cool ist. Der Reiz, das Risiko alles zu verlieren. Und dann: die anderen sind doch eh alle irgendwie nicht so schlau wie ich, der große Manager, der alles erreicht hat. Die kommen da eh nicht drauf.Blöd wenn's nicht klappt. Sehr blöd. Aber ganz ohne Moralin und ohne soziale Gerechtigkeit: Wer seinen Ruf so verliert, vollkommen ohne Notwendigkeit, der ist dermaßen selber Schuld, dass er sich die Frage gefallen lassen muss: War's das Wert? Kein Mitleid, keine Verteidigung. Der Fehler war kein Versehen, alle wussten was die Konsequenzen sein könnten. Bitter für Zumwinkel. Und eine Warnung an Nachahmer, Mitläufer und Kollegen.

    • rabin
    • 15.02.2008 um 15:52 Uhr

    Den Schaden, den Herr Zumwinkel erleidet, ist peinlich, aber er steht in einer Reihe mit verschiedenen anderen dieser "Kaste", die sogar verurteilt wurden, aber nicht verstossen wurden. Ein Friedrich, ein Lambsdorff, ein Ackermann und und und- man wendet sich offiziell vielleicht eine gewisse Zeit ab, aber dann gehört man wieder dazu.Der Schaden für die Glaubwürdigkeit von Führungskräften ist ebenfalls gering, denn sie haben kaum eine. Die Summe des bekannt gewordenen Verhaltens raubt diese doch nachhaltig. Man kann angesichts der Fülle dieser Fälle nur auf die Vergesslichkeit des Publikums hoffen, aber die Einschätzung bleibt doch erhalten, selbst wenn die Fakten inzwischen weg sind.Diese Führung ist es kraft Macht und Geld, und sicher nicht wegen einer Persönlichkeit, an der man sich orientieren dürfte.Das Ausmass der Schamlosigkeit ist teilweise so exorbitant, dass für eine kurze Zeit ein solches Fehlverhalten deswegen zur Kenntnis genommen wird, dann kommt bereits eine neue Geschichte von Bereicherung,Gier, hemmungslosem Egoismus.Nein, wundern tut es nicht mehr. Eine Führung mit viel Einfluss, aber ohne jede persönliche Autorität.

    • PeKara
    • 15.02.2008 um 16:15 Uhr

    Die Sumpfblüte erfasst  die Elite der Nation. Diese Spielart ist bei
    den  Multimillionairen beliebt, denn trotz Risiko kann man viel sparen.
    Und bei einer Selbstanzeige oder Gerichtsverfahren mit Vergleich haben
    die Herrschaften nichts zu befürchten. In den Knast gehen sie nicht.
    Also es wird alles so weitergehen. In 10 Jahren werden wir uns erneut
    über  einen vergleichbaren Skandal aufregen...

  3. Die Empörung über Zumwinkel ist verständlich. Abgesehen davon, dass die meisten von uns nicht im Entferntesten über solche Summen verfügen, die für derartige Transaktionen entbehrlich wären, erlebt die ganz große Mehrheit am eigenen Leib, dass man ihnen das, was der Staat wofür auch immer beansprucht, erst gar nicht aushändigt. Selbst wer (steuer-) sündigen wollte, kann es gar nicht (weil das System ihm sowieso misstraut). Die Empörung über Zumwinkel aber ist übertrieben und ein gutes Maß verlogen,  ganz gleich, aus welcher Ecke sie kommt.  Da haben wir einmal die, die mit Rechtlichkeit und Moral argumentieren, wie auch in diesem Artikel.  Diese Ansatzpunkte sind ganz schnell in Frage gestellt, wenn man nur einmal unterstellt, dass sich Recht und Moral nicht allein nach Mehrheitsbeschlüssen richten, sondern auch vor- und übergesetzlichen Bedingungen unterliegen. Naheliegend ist hier z.B. das Verfassungsrecht. Das BVerfG hatte seinerzeit entschieden, dass eine dauerhafte und allgemeine Überschreitung der steuerlichen Belastung der Bürger mit mehr als 50 % ihres Einkommens verfassungswidrig sei, woran u.a. bislang die Wiedereinführung der Vermögensteuer scheiterte. Das heißt genaugenommen laviert das Steuerrecht und die gesamte Finanzverwaltung seit Jahren haargenau am Verfassungsbruch vorbei, um nicht diese Grenze dauerhaft zu überschreiten oder solche Überschreitungen als nicht allgemein sorgsam zu vertuschen. Das wäre etwa vergleichbar damit, dass es zwar verfassungswidrig ist, jemanden zu töten, uns aber dennoch im staatlichen Auftrag ständig die Kugeln um den Kopf pfeifen. Eine andere Bedingung ist, dass jedes Gesetz, aber vor allem die den Bürger belastenden staatlichen Regeln klar, berechenbar und vorhersehbar und in ihrer Anwendung gleich und sicher (im Sinne einer Rechtsicherheit) sein müssen. Das Gegenteil einer jeder dieser Forderungen trifft auf unser Steuersystem zu. Wir haben eines der meist ausufernden Steuerrechte der ganzen Welt, das eine Ansammlung von hinterlistigen Tricks darstellt, die wiederum andere zu noch hinterlistigeren Umgehungen veranlassen. Aus diesen aberwitzigen Zweikämpfen resultiert ein selbst für Fachleute unüberschaubarer Wust von Regeln, die mit dem üblichen unser Verhalten bestimmenden gesunden Menschenverstand nicht nur nicht beherrschbar, sondern auch gar nicht mehr einzuhalten sind. Irgendeine Vorschrift wird man immer übertreten. Dieses Chaos beherrscht die Finanzverwaltung mit einer eigenen Justizverwaltung, den Finanzgerichten, in denen überwiegend Juristen sitzen, die sich zuvor in der Finanzverwaltung besonders verdient gemacht haben. Normale Rechtsgrundsätze des sonstigen staatlichen und zivilen Lebens gelten dort nicht, kein Vertrauensschutz (weitest mögliche Rückwirkung von Vorschriften, Auskünfte sind grundsätzlich unverbindlich –es sei denn sie werden in einem förmlichen Verfahren erteilt, was sich manchmal über Jahre hinziehen kann-, auf Sachbehandlungen in der Vergangenheit kann sich kein Steuerpflichtiger berufen usw.),  keine Rechtsicherheit (Auslegungen gleichen dem Lesen des Kaffeesatzes, Verfahren können sich über Jahrzehnte hinziehen, ohne Rechtsnachteile für den Staat), keine Schutz der Menschenwürde, die ansonsten nach dem BVerfG einen staatsfreien persönlichen Raum verlangt (Aufhebung eines jeden Datenschutzes, erweitere Befugnisse zur Verletzung der Wohnung). Ein despotischer Fürst könnte kaum weniger Befugnisse seinen Bürgern gegenüber in steuerlichen Dingen haben. Wir sind es gewohnt damit zu leben, so dass uns z.B. gar nicht mehr aufstößt, wie der Staat uns etwa mit der Inflation jährlich ausschmiert . So ist es in einigen anderen europäischen Ländern z.B. selbstverständlich, dass jedes Jahr die Inflation in die progressiv gestaffelten Steuertarife und in die Freibeträge hineingerechnet wird. Oder im Erbschaftsteuerecht nimmt die Steuerverwaltung gerne windfall-profits ein, wenn der Gevatter Tod willkürlich etwa Eltern infolge eine Unfalls zeitversetzt zu sich holt (mit recht ebenso willkürlich gehandhabter Gnadenerlassen).  Das gesamte Steuerrecht samt Steuerverwaltung steht als Beispiel eines durch und durch unmoralischen und willkürlichen Systems, das allein der Erzielung größtmöglicher Einkünfte dient.  Dass nun dagegen nicht Sturm gelaufen wird, hat einen einfachen Grund, der immer gewichtiger wird. Die große Mehrheit profitiert von den Einnahmen, die zu 90 % von einer weitaus kleineren Minderheit erbracht werden und im Steuerrecht gibt es keine Schamgrenze, diese Minderheit zu schonen (die Grenze liegt erst dort, wo die steuerliche Beanspruchung beginnt, deren wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu beeinträchtigen).
    Und zum anderen haben wir da die beteiligten Menschen. Wenden wir einmal den Blick von Zumwinkel ab zu den vielen anderen kleinen Betrügern (die in ihrer Summe weitaus größere Beträge abgabenfrei beiseite schaffen, als die großen Steuerbetrüger zusammen). Schwarzarbeit ist die Form des Abgabenbetrugs des kleinen Mannes. Ein jeder von uns kennt Schwarzarbeiter und sieht man sich die Menschen an, dann sind es zumeist die Fleißigsten, Gewissenhaftesten und oft auch Besten in ihrem Fach, die ihre Arbeit direkt gegen Bares anbieten. Ohne ihre Schwarzarbeit würden weite Leistungsbereiche unversorgt bleiben. Wenn ich diesen Menschen ins Auge sehe, dann bin ich überzeugt, das sind keine Kriminelle. Sondern kriminell ist ein System, dass Menschen wie diese mit einem solchen filigranen Netz von perfiden Vorschriften umgarnt,  dass selbst die Biedersten und Besten wie kriminell erscheinen sollen. Auch Zumwinkel geht manchen ans Herzen, weil er eben nicht dem Bild des allein nach seinem Vorteil gierenden Managers entspricht. Und wenn hier die hohen Lieder von Moral und Recht angestimmt werden, dann sollte bitteschön auch nicht die Melodie fehlen, wieso alle diese anständigen Menschen, die ich kenne und die dennoch gegen eine dieser unüberschaubaren und oft totalen abgabenrechtlichen Regeln verstoßen, überhaupt in solche Lage kommen. Sind nicht die schuld, die biedere und anständige Menschen zu Rechtsbrechern machen! Ich kann jeden Lebensbereich so regeln, dass niemand einem Verstoß auskommt und genau das entspricht einem uralten Herrschaftsprinzip. Denn mit der ständigen Drohung, eigentlich könnte ich dich für dieses oder jenes strafrechtlich heranziehen, macht man sich jeden Menschen gefügig.
    Ich will nicht eine Zumwinkel vorgeworfene Steuerhinterziehung verniedlichen, sondern darauf hinweisen, dass dies alles in einem höchst unmoralischen und nach einem höheren verfassungsrechtlichen Verständnis schon rechtswidrigem Umfeld geschieht, welches die Politiker in ihrer Unfähigkeit geschaffen haben, mit Ein- und Ausnahmen verantwortlich umzugehen. Das gesamte Steuersystem strotzt von Unmoralität, wen kann es da wundern, wenn dieses Maß bei den Bürgern abfärbt, wenn sie denn überhaupt die Möglichkeit dazu haben.

    Karsten Cascais

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