Was bedroht den modernen Kapitalismus, diese Mischung aus Marktwirtschaft, staatlicher Intervention und politischer Kungelei? Die Entrüstung über den gewesenen Postchef Zumwinkel ist groß und gerechtfertigt; sie wird im Zuge der Ermittlungen gegen weitere Steuerhinterzieher noch wachsen. Aber schauen wir etwas genauer hin: erst auf Klaus Zumwinkel, wie wir ihn vor seinem Rücktritt kannten, dann auf die Industriekreditbank (IKB), dann aufs Ausland – auf die britische Northern Rock Bank.

Es ist erst ein paar Monate her, da wurde der Postchef für seine Versündigung gegen die Marktwirtschaft noch von einigen als Garant der bestehenden Ordnung gefeiert. Da war es ihm gelungen, im Dickicht des „Rheinischen Kapitalismus“ – das heißt, mit Hilfe von Staat und Gewerkschaften – einen gefährlichen Wettbewerber aus dem Markt zu werfen. Das war die PIN, ein privater Postdienst. Und wie? Mit einem Mindestlohn, der hoch genug ist, um dem privaten Mitbewerber die Konkurrenzfähigkeit zu rauben. Die Folge: Das Briefmonopol der einst komplett staatlichen Post bleibt faktisch erhalten.

Monopole aber sind der Todfeind der Marktwirtschaft; das lernt jeder Student der Volkswirtschaft im ersten Semester. Sie treiben die Preise und vertreiben die Konkurrenten.

Zählt man die verlorenen Jobs bei der PIN, multipliziert man sie mit dem Arbeitslosengeld für die Entlassenen und fügt schließlich die Schröpfung der Postkunden durch überhöhte Preise hinzu, bleibt unter dem Strich ein gesamtwirtschaftlicher Schaden übrig, gegen den Zumwinkels Steuerhinterziehung geradezu wie die berüchtigten Peanuts aussieht. Der Verlust für den Fiskus soll in seinem Fall eine Million Euro betragen; der Schaden, den die PIN-Vernichtung anrichtet, muss in Milliarden gemessen werden. 

Zweiter Fall: die IKB, jene Bank, die „im Zwielicht des privaten und öffentlichen Sektors“ existiert, wie die Financial Times notiert. Diese Bank hat sich mit verlockenden, aber hochriskanten Anlagen im amerikanischen Hypothekenmarkt verspekuliert; jetzt wird sie mit Steuergeld in Höhe von 2,3 Milliarden gerettet – und das ist wohl noch nicht das Ende dieser „corporate welfare“, wie es im Englischen heißt: Hartz IV für die ganz Großen. Oder: Sozialismus für die Reichen.

Hinter der IKB steht im Wesentlichen die Kreditanstalt für Wiederaufbau, eine staatliche Institution, die mit knapp 40 Prozent an der maroden Bank beteiligt ist. Im Verwaltungsrat sitzen die üblichen Verdächtigen aus Politik und Gewerkschaft: die Minister Glos und Steinbrück, der ver.di-Chef Bsirske. Die Sprecherin des Vorstands ist die ehemalige FDP- und spätere SPD-Politikerin Ingrid Mathäus-Maier. Im Vorstand der Kreditanstalt sitzt auch Günther Bräuning. Wie es der Zufall will, ist er der Vorstandschef der IKB.