Steuerskandal

Mehr Gemeinsinn, bitte!

Die öffentliche Empörung über wohlhabende Steuerbetrüger ist groß. Doch der Staat ist nicht ganz unschuldig an unserer schlechten Steuermoral. Ein Kommentar

Die Wellen schlagen hoch, seit die Steuerfahnder am vergangenen Donnerstag Klaus Zumwinkel zu Hause besuchten und öffentlichkeitswirksam mitnahmen. Zu Recht, schließlich geht es nicht um Kleingeld: Eine Million Euro soll der Ex-Postchef hinterzogen haben. Tausend weitere Bundesbürger stehen angeblich unter dem gleichen Verdacht; alle zusammen sollen sie den Staat um rund drei Milliarden Euro oder gar mehr geprellt haben. Zig Banken wurden von den Ermittlern bereits durchsucht, um die Vorwürfe zu belegen, darunter so renommierte Adressen wie das Bankhaus Metzler und die Dresdner Bank.

Ein Steuerskandal solchen Ausmaßes, vom Fernsehen live in die Wohnzimmer der Bürger übertragen – wen empörte das nicht? Zumal die Steuerbetrüger es gar nicht nötig gehabt hätten, den Staat an der Nase herumzuführen: Sie sind auch so schon reich. Unter den Verdächtigen seien „sehr viele“ bekannte und weniger bekannte „Leistungsträger“, heißt es aus dem Bundesfinanzministerium. Die Botschaft: Ausgerechnet Mitglieder der Elite, deren Rolle es eigentlich wäre, unser Gemeinwesen zu stützen und voranzubringen, scheren sich einen feuchten Kehricht um den Zustand dieses Gemeinwesens und sind stattdessen nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

„Es sind die Eliten, die das System zum Einsturz bringen“, sagte Bundesfinanzminister Peer Steinbrück. Schon war sie wieder voll entbrannt, die Debatte über maßlose, sich jeder sozialen Verantwortung entziehende Manager.

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Zugegeben: In Zeiten, in denen die Gehälter der Wirtschaftslenker Jahr für Jahr erhöht werden und sich mittlerweile in für den Normalverdiener unvorstellbaren Höhen befinden, in denen selbst eklatantes Versagen mit exorbitanten Boni belohnt wird, die Löhne der meisten Arbeitnehmer aber real schrumpfen, muss diese Debatte unbedingt geführt werden. Dennoch führt sie im Moment in die Irre. Denn Steuerhinterziehung ist in Deutschland nicht alleine Angelegenheit der Manager. Auch allzu vielen Normalverdienern gilt es als völlig selbstverständlich, dem Staat möglichst wenig abzugeben vom sauer erschufteten Geld. Wer war noch nie in Versuchung, wenigstens einen kleinen Teil seiner Einkünfte zu „vergessen“, wenn die nächste Steuererklärung anstand? Oder der Haftpflichtversicherung einen Schaden zu melden, der streng genommen aus eigener Tasche hätte bezahlt werden müssen?

Dabei sei völlig unbestritten, dass die Möglichkeiten von angestellten Kleinverdienern, sich zu bereichern, nicht zu vergleichen sind mit jenen Steuerschlupflöchern, die sich den wirklich Wohlhabenden auftun. Doch letztlich steckt hinter den kleinen, vielleicht noch halb legalen Steuertricks für „uns hier unten“ und der Steuerflucht in großem Ausmaß für „die dort oben“ der gleiche psychologische Mechanismus. Ob reich oder nicht, wir ticken alle gleich. Deshalb verdeckt die aktuelle Aufregung den Blick auf eine andere, eigentlich viel näher liegende Frage: Was läuft schief in einer Gesellschaft, in der das Hinterziehen von Steuern – die doch staatliche Leistungen für alle finanzieren und deren korrekte Bezahlung deshalb im Interesse aller sein sollte – als minderes Delikt gilt? Und, viel wichtiger: Was sollte anders laufen?

Die traditionelle Ökonomie gibt darauf eine sehr einfache Antwort. Ihrem Menschenbild zufolge handelt auch der Staatsbürger immer als Wirtschaftssubjekt. Eigennutz ist sein Antrieb. Der Bürger verrechnet also die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, mit dem ihm in diesem Fall drohenden Strafmaß. Sodann wägt er beides ab gegen den Gewinn, den ein erfolgreicher Steuerbetrug ihm brächte. Ist dieser größer als der drohende Verlust im Entdeckungsfall, zahlt er seine Steuern nicht.

Daraus ergibt sich vor allem die Forderung, gegen Steuersünder härter vorzugehen als bisher und dieses Handeln zu Abschreckungszwecken laut gegenüber einer breiten Öffentlichkeit zu vertreten. So gesehen handeln die Strafverfolger gerade sehr konsequent.

Doch das simple Weltbild der traditionellen Ökonomie ist nicht nur zynisch, sondern auch falsch. Denn in Wirklichkeit werden weniger Steuern hinterzogen, als es erwarten ließe. Weniger als um die Maximierung seines eigenen Nutzens geht es dem gemeinen Steuerzahler offenbar um Fairness und um Transparenz. Ihm ist das Gefühl wichtig, respektiert zu werden und mit seinem Geld selbst Einfluss nehmen zu können.

„Steuerhinterziehung wird zunehmen, wenn die Besteuerung als unfair empfunden wird“, sagt zum Beispiel der Kölner Finanzwissenschaftler Clemens Fuest – etwa weil die gesetzlichen Regeln oder die Art ihres Zustandekommens als ungerecht empfunden werden, oder weil der Eindruck entsteht, andere hinterzögen in großem Umfang Steuern. Bevor durch Ehrlichkeit das Gefühl entsteht, man habe gegenüber anderen das Nachsehen, betrügt man eben lieber auch. Das ist schließlich nur gerecht, oder?

Undurchschaubare Steuergesetze können auf ähnliche Weise zur Steuerhinterziehung verführen, ebenso eine tendenziell misstrauische Finanzverwaltung, die in jedem Steuerpflichtigen einen potenziellen Betrüger sieht. Setzt der Fiskus sich selbst als Gegner in Szene, darf er sich nicht wundern, wenn er ausgetrickst wird. Empirische und experimentelle Forschungen, vor allem aus der Schweiz, haben gezeigt, dass solche Erklärungsversuche weit besser auf die Wirklichkeit passen als die traditionelle Sichtweise, sagt Fuest. Ein gewisses Grundvertrauen zwischen Fiskus und Steuerzahlern sei eben wichtig – selbstverständlich verbunden mit der Überzeugung, dass Vergehen streng geahndet würden.

„Es geht immer auch darum, wie die Bürger behandelt werden“, sagt auch der Kasseler Wirtschaftsethiker Michael Aßländer. Wer denkt, hinter solchen Sätzen stecke die Forderung, Gutverdiener besonders zu umschmeicheln, um sie auf die weiche Tour zu mehr Ehrlichkeit zu bringen, liegt allerdings völlig falsch. Vielmehr erzählt Aßländer gleich darauf eine Geschichte von ehrenamtlich engagierten Normalbürgern, die ganze Tage Bereitschaftsdienste leisteten und dafür pro Tag eine kleine Aufwandsentschädigung in Höhe von wenigen Euro erhielten. „Das reichte grade mal für 'ne Pizza und ein Getränk. Und dann verlangte das Finanzamt von denen, diese paar Euro zu versteuern.“

Gerne zahlt man derart erhobene Steuern nicht mehr. Wenn man sie denn überhaupt zahlt. Das sei ähnlich wie mit Versicherungen, sagt Aßländer noch. Und zitiert eine Studie, der zufolge ausgerechnet jene Assekuranzen, die sich gegenüber ihren Kunden besonders kulant zeigen, seltener Opfer von Betrügereien werden.

Will die Politik auf lange Sicht wirklich mehr Steuerehrlichkeit erreichen, müsste sie hier ansetzen. Dies ist keineswegs ein Plädoyer für eine laschere Verfolgung und Bestrafung der Steuerhinterzieher. Doch über konsequente Sanktionen hinaus sollte der Staat auch versuchen, seine Bürger davon zu überzeugen, dass ihr finanzieller Beitrag wichtig für das Gemeinwohl ist, dass er fair erhoben wird und letztlich einer guten Sache dient.

Das klingt vielleicht naiv, und es wird auch lange dauern, Verhaltensänderungen zu bewirken. Doch konkrete Vorschläge, wie mehr Fairness, Transparenz und Eigenverantwortung der Bürger erreicht werden könnten, gibt es bereits: einfachere Steuergesetze zum Beispiel, die jeder verstünde, sind kein neuer Debattengegenstand. Der Finanzwissenschaftler Fuest plädiert darüber hinaus für eine Dezentralisierung des Steuersystems. Das würde bedeuten, dass die Gemeinden – und damit ihre Einwohner – mehr Entscheidungsmacht bekämen über die Höhe der Steuern und ihre Verwendung. „Das würde die Steuermoral wirklich stärken“, sagt der Ökonom. „Aber die Gemeinden verweigern sich.“

Solange aber selbst die Politiker keine Verantwortung übernehmen wollen für ein funktionierendes Steuerwesen, solange werden das auch die Bürger nicht tun.

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Leser-Kommentare

    • 19.02.2008 um 21:51 Uhr
    • japeko
    „Steuerhinterziehung wird zunehmen, wenn die Besteuerung als unfair empfunden wird“, sagt zum Beispiel der Kölner Finanzwissenschaftler Clemens Fuest – etwa weil die gesetzlichen Regeln oder die Art ihres Zustandekommens als ungerecht empfunden werden, oder weil der Eindruck entsteht, andere hinterzögen in großem Umfang Steuern. Bevor durch Ehrlichkeit das Gefühl entsteht, man habe gegenüber anderen das Nachsehen, betrügt man eben lieber auch.Ein sehr guter Kommentar von Frau Endres, leider ist sie in ihrer Folgerung nicht radikal genug, denn in der Tat wurde ein einfacherers Steuersystem schön öfter "diskutiert".ES IST ABER BISHER NOCH REIN GAR NICHTS PASSIERT, UM DIESES VORSINFLUTLICHE, GROTESK KOMPLIZIERTE IDIOTENSTEUERSYSTEM RADIKAL UND EIN FÜR ALLE MAL GÄNZLICH ABZUSCHAFFEN, UM ES DURCH EIN EINFACHES, TRANSPARENTES UND FAIRES STEUERSYSTEM ZU ERSETZEN.Dies ist im übrigen nicht nur die Schuld der Politiker. Sobald die Überlegungen in diese Richtung auch nur etwas konkreter werden (Kirchhoff, niedriges bedingunsloses Grundeinkommen etc., bitte sparen sie mir eine Diskussion über die einzelnen Vorschläge, es geht ums Prinzip) bekommt es eine Mehrheit der Wähler in Deutschland regelmässig mit der Angst zu tun und entscheidet sich dafür, weiter von überforderten Finanzbeamten und Mitbürgern mit teuren Steuerberatern gelinkt zu werden.Allerdings ist es sehr fraglich, ob mit den jetzigen Parteien eine radikale Wende eingeleitet werden kann, wahrscheinlich müssen sie zunächst alle abgewählt werden, weil sich in ihren Reihen zu viele Profiteure unseres grotesk komplizierten Systems eingenistet haben.
    • 19.02.2008 um 22:23 Uhr
    • wpev
    Wenn man von Dummheit absieht... also Null Steuern... dann wünscht sich der Steuerzahler ein transparentes und gerechtes System. Völlig rechtens... die Entwicklung bis heute gibt dem Recht! Der Versuchung hier zu sparen erliegt ja nahezu jeder... doch kaum jemand kann es effizient tun. Darum muß der jetzige Filz aufgeklärt und geahndet werden... wo keine Untreue vorliegt mit dem Bezug zu Gnade vor Recht (?) Doch bleibt stets Betrug an der Sozialgemeinschaft... welch ein Geschmäck´le und letztlich beschämendes Ende für Herrn Zumwinkel. Lt. BILD ca. 90.000,- € mtl.im Ruhestand ... sind nicht genug? Jeder ist seines Glückes Schmied... der Staat ist schuldig? Vielleicht... doch betrügen tut jeder einzeln für sich!
  1. "Der Staat ist nicht ganz unschuldig!" Selten so einen Blödsinn gelesen. Steuerhinterziehung ist ein Verbrechen. Steuerhinterzieher gehören nicht zur bürgerlichen Zivilgesellschaft. Ist der Staat auch nicht ganz unschuldig, wenn Verbrecher eine Bank leerräumen und mit Gewalt ein paar wenige Euro in ihren Besitz bringen. Der Unterschied ist doch nur, daß z.B. bei einem Banküberfall, mit einem Vermögensverlust von z.B. 30.000 Euro die Täter ganz ordentlich verknackt werden. Mir ist kein Fall bekannt, daß von der deutschen Justiz ein Mitglied der Vermögens-Elite so richtig verknackt wurde. Auch nicht, wenn Steuern im zweistelligen Millionenbereich hinterzogen wurden. Ein gutes Beispiel für unsere Elite-Rechtssprechung ist der Fall Paul Schockemöhle: er mußte 1996 15 Millionen Mark Steuern nachzahlen, seine Strafe betrug lediglich 11 Monate Gefängnis auf Bewährung. Ich meine, daß in diesem Fall etwa acht Jahe Gefängnis, ohne jede Bewährung, angemessen gewesen wären. Wir lernen, daß Bankräuber wohl nie eine Bank überfallen würden, wenn sie in der Lage wären, daß Finanzamt zu betrügen. 11 Monate mit Bewährung. Der Richter sollte sich schämen.
  2. Sehr geehrte Frau Endres, verharmlosen Sie bitte nicht die Tiefe des globalisierten Problems:Ich zitiere die DIE ZEIT vom19.2.08 (Hervorhebungen von mir):"Offshore-Länder heißen die Steuerparadiese abseits der Ballungsräume, Beispiele sind Länder wie Singapur oder die Bermudas. Die Boston Consulting Group schätzt das gesamte Privatvermögen, das auf Konten in diesen Ländern schlummert, auf sechs Billionen Dollar. Populäre Orte - auch für europäisches Geld - sind derzeit die britischen Kanalinseln und der Finanzplatz Monaco.Allerdings haben die Summen, die hier kursieren, wenig mit der normalen Steuerhinterziehung des Mittelständlers zu tun, der jährlich ein paar Tausend Euro sparen will. Denn in jenem Kapitaltourismus, der sich mittlerweile um die ganze Welt umspannt, geht es um Millionen und um Eliten, die bestens beraten sind. Für sie entwickelt sich derzeit ein eigener "Gestaltungsmarkt", bei dem Unternehmen weltweit nach den günstigsten Anlagemöglichkeiten suchen. „Ab einer gewissen Vermögensgröße kriegen sie jede Steuerquote gedrückt“, sagt Steuerexperte Lüdemann. „Solange es keine Weltfinanzpolizei gibt, wird diese Entwicklung nicht zu stoppen sein.“http://www.zeit.de/online/2008/08/finanztourismus?page=3Schon lange vor den Steuerhinterziehungsskandalen warnte das Buch"Asozialen Marktwirtschaft" vor den Fehlentwicklungen der FinanzströmeHier einige kurze Leseproben:http://web916.basicbox9.server-home.net/leseproben.php?page=3Wenn die 6 000 Milliarden Dollar mit nur 10% versteuert würden, könnten bei 600 Milliarden Dollar globale Steuern die im Jahre 2000 versprochenen Millennium-Ziele "locker" finanziert werden: 100 Milliarden Dollar werden dafür nur veranschlagt! mit 600 Milliarden Dollar ließen sich die Weltprobleme weltinnenpolitisch noch viel leichter bekämpfen.
    • 19.02.2008 um 22:56 Uhr
    • isaacb
    es sind doch nur Korrupte, keine Kriminellen. isaac ben laurence weismann
    • 19.02.2008 um 23:56 Uhr
    • wowman
    Frau Endres hat es sehr schön auf den Punkt gebracht. Sie bzw. die von ihr zitierten Quellen belegen, dass Regeln immer nur so gut sind wie die Überzeugung derer, die sie befolgen sollen, von ihrem Sinn:„Das reichte grade mal für ne Pizza und ein Getränk. Und dann verlangte das Finanzamt von denen, diese paar Euro zu versteuern.“ Ich sehe den wütenden Kommentaren der neidgetriebenen Linksaussen und der law-and-order Fraktion von weit rechts, die sich in ihrer Gleichmacherei erstaunlich ähneln, mit amüsiertem Schmunzeln freudig entgegen.
  3. wowman ist nicht informiert. Zahlreiche Statistiken belegen, dass Reiche immer reicher werden, während die die Mittelschicht immer mehr absackt und die Unterschicht abgeschrieben wird oder nur noch polnische Löhne erhält:"Mitte Januar 2008 waren die Zollfahnder unterwegs in München. Im Visier hatten sie die externen Reinigungskräfte im Sheraton Hotel und im Hilton. Manche von ihnen verdienen nur 2,50 € in der Stunde. Dafür leisten sie Schwerstarbeit, Betten beziehen, Bad schrubben. Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn wird einfach nicht gezahlt. "http://www.daserste.de/pl...Amüsant, nicht, wowman? Man freut sich doch, wenn diese Unterqualifzierten noch Arbeit haben, was? Ein Blick in den Alltag der Mitbürger zeigt auch allen, dass Neid nicht das richtige Wort ist, es ist einfach ohne Moos nichts los. Arbeit ohne Einkommen lohnt nicht, macht krank und hilft der Volkswirtschaft nicht, füllt nur die Kassen von diversen dubiosen Unternehmern, die die Arbeitslosigkeit ausnutzen und die Tatsache, dass es das Zwangsgesetz Hartz IV gibt.Zum Thema Gleichmacherei: Da sind die getroffenen Hunde jetzt mal wirklich gern dabei, gleichzumachen, lustig. Hier auch stellvertretend für die ZEIT Frau Endres:"Ob reich oder nicht, wir ticken alle gleich."Wenn WIR doch alle gleich ticken, wie sind dann so exzessive Gehaltsunterschiede zu erklären? Es hieß doch immer, die "Top-Manger" wären göttergleich und durch niemand zu ersetzen, Briefträger und viele Angestellte nur "Minderperformer", ersetzbar durch jeden Chinesen.Wenn alle gleich wären müssten wir doch den Sozialismus einführen. Im Übrigen räumt sie ja ein in ihrem sonst guten Artikel, dass die kleine Steuerhinterziehung von paar Hundert Euro nicht mit dem von Millionen € eines Superreichen zu vergleichen ist. Unwahr ist, dass alle Bürger Steuern hinterziehen - ob arm oder reich - Ehrliche gibt es und wird es immer geben.Wahr ist, dass dieser Volkssport "Eigennutz" vor Gemeinsinn ("Eigeninitiative"?) doch schon lange propagiert wurde von sämtlichen Eliten, die sich INSM und BDI angedient hatten. Die Saat ist eben gediehen, wer soll sich darüber wundern?
  4. Die Steuerdiskussion ist schon abenteuerlich. Bei den Fällen der Steuerhinterziehung geht es um die Einkommen- und Lohnsteuer. Die oberen zehn Prozent der Einkommensbezieher bringen etwa 55 %, die oberen 30 % etwa 80 % der gesamten Einkommensteuer auf. Die oberen 30 % verdienen 49,2 % der Einkommen (das sind Jahreseinkommen ab 40.000 Euro aufwärts), die restlichen 70 % beziehen 50,9% der Einkommen, tragen aber nur 20 % der Einkommensteuer (die Zahlen beziehen sich auf die Jahre 2003-2005, z.T. aus einem Bericht des Sachverständigenrats). Dass somit das Problem der Steuerhinterziehung die Gruppe der 30 % aus dem oberen Bereich der Statistik weitaus mehr betrifft, die 80 % der Steuern aufbringt, und weitaus weniger als etwa die 50 % der Bevölkerung, die gerade mal 6, 8 % der Steuern trägt, ist zwingend allein schon nach Adam Riese. Nun wird aber just diese Gruppe, die ohnehin die Zeche zahlt, so unterschiedslos beschimpft und erscheint umso verdächtiger, je höher ihr Anteil an den Steuern und damit an der Finanzierung der Allgemeinlasten ist und es wird so getan, als ob es sich dabei ein besonders hinterhältige Gesellschaftsschicht handele. Dabei kann es doch gar nicht anders sein, viel Steuern kann nur der hinterziehen, der auch viel Steuern zahlen muss und das bezieht sich ebenso logisch zwingend auf eine kleine Gruppe, die verschwindend gering ist gegenüber der Gruppe, deren Fehlverhalten dann wohl mehr durch Versicherungsbetrug, Schwarzarbeit und Fälschungen der Arbeitsnachweise ( da sie ja kaum 7 % der gesamten Steuerlast trägt) ähnlich zu verallgemeinern wäre. Mit anderen Worten, Steuerhinterziehung kann seiner Natur nach nur ein Problem der oberen Gruppen sein, wie Schwarzarbeit der mittleren und Sozialbetrug der unteren Gruppen. Aber glaubt man wirklich mit gegenseitigen Generalverdächtigungen weiterzukommen? Und wenn hier, wie in dem Artikel, mehr Gemeinsinn gefordert wird, dann aber bitte unterschiedslos für alle. Auch entspricht es keineswegs dem Gemeinsinn, wenn die Politiker der einen Hälfte der Bevölkerung (mit einer Staatsquote von mittlerweile über 55 %) immer mehr in Tasche greift, um damit die Wohltaten zu finanzieren, die sie zum Dank für ihre Wählerstimmen der anderen Hälfte zahlt. Gemeinsinn wäre darüber hinaus von den Sozialpolitikern zu fordern, die mit ihren maßlosen Forderungen den Staat an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit gebracht haben. Dort sollte man einmal zur Kenntnis nehmen, dass Deutschland im internationalen Vergleich einen der niedrigsten der GINI-Faktoren aufweist. Der GINI-Faktor ist ein Maß zur Erfassung der ungleichen Verteilung der Einkommen, eine Ungleichheit die in Deutschland mit am geringsten auf der ganzen Welt ist. Gemeinsinn, wenn schon, sollte wohl für alle gelten. Und die Gerechtigkeit sollte sich auch auf das Steuersystem beziehen und nicht nur auf die Verteilung der Beute.Karsten Cascais
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