Steuer-Ermittlungen Tausend Deutsche unter Verdacht

Der Fall Zumwinkel zieht weite Kreise: Nicht nur der Ex-Post-Chef soll massiv Steuern hinterzogen haben, die Ermittler haben viele weitere "reiche und prominente Deutsche" als Steuersünder im Visier

Die Fahndungen der deutschen Steuer-Ermittler laufen auf Hochtouren . Für Anfang der Woche sollen weitere Razzien bei Prominenten geplant sein, möglicherweise mit einem Schwerpunkt in den Städten Köln und Düsseldorf.

Damit nimmt die Affäre Zumwinkel ungeahnte Ausmaße an. Möglicherweise sind tausend Verdächtige ins Visier der Fahnder geraten. Es handle sich um eine vierstellige Zahl, hieß es am Freitag aus Regierungskreisen in Berlin, berichtet die Deutsche Presseagentur . Die Süddeutsche Zeitung spricht von 3,4 Milliarden Euro, die am Fiskus vorbei nach Liechtenstein geschleust worden sein sollen. Angeblich soll es 900 Durchsuchungsbeschlüsse geben. Gegen 120 bis 150 Verdächtige werde ermittelt. Die Fahnder sollen dabei von einem Insider auf die Spur gebracht worden sein. Der BND soll für seine Informationen mehrere Millionen Euro gezahlt haben.

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Sowohl das Bundesfinanzministerium als auch die Staatsanwaltschaft Bochum hatten bereits am Freitag bestätigt, dass die Strafermittlungsbehörden gegen zahlreiche weitere Verdächtige, ermitteln. Ermittelt werde gegen "sehr viele" bekannte und weniger bekannte "Leistungsträger" wegen Steuerflucht nach Liechtenstein, sagte Ministeriumssprecher Torsten Albig. Er riet Betroffenen zur Selbstanzeige. Dieses Instrument sehe das deutsche Steuerstrafrecht vor.

Wie aus Ermittlerkreisen weiter zu vernehmen war, seien bereits hunderte Verdächtige schon enttarnt worden, den Fahndern liegen offenbar massenhaft Unterlagen aus der LGT-Bank, der Bank der liechtensteinischen Fürstenfamilie, vor.

"Wir haben die ganze Bank geknackt", sagte ein Ermittler nach Informationen des Handelsblatt . Mit diesen Informationen konfrontiert, habe LGT-Sprecher Bernd Junkers mit dem Satz reagiert: "Wir kommentieren das im Moment nicht." Woher die Datensätze stammen, sei noch nicht klar. Bei den Steuersündern handele es sich meist um reiche und prominente Deutsche. Namen seien noch nicht bekannt, schreibt das Handelsblatt .

Wie die Zeitung weiter berichtete, soll der Fall Zumwinkel auch beim Treffen von Finanzminister Peer Steinbrück und dem Regierungschef und Finanzminister von Liechtenstein, Otmer Hassler, in der kommenden Woche Thema sein.

Der Botschafter des Fürstentums Liechtenstein in Berlin, Prinz Stefan von und zu Liechtenstein, räumte ein, die Vorfälle um den Post-Chef weckten ungute Erinnerungen an ähnliche Fälle in der Vergangenheit. Der Fall Zumwinkel ziehe sich vermutlich schon länger hin. "Es wird eine der letzten Geschichten dieser Art sein", sagte der Botschafter.

Post-Konzern in Aufruhr

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Post hatte der Bundesregierung am Freitagmorgen seinen Rücktritt angeboten, offenbar auf Druck aus Berlin hin. An diesem Montag werde man das Angebot offiziell während einer Aufsichtsratssitzung annehmen, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums am Freitag in Berlin.

Noch kurz zuvor hatte die Postzentrale in Bonn mitgeteilt, dass "der gesamte Vorstand inklusive seines Vorsitzenden Dr. Zumwinkel vollständig handlungsfähig" sei und seine Geschäfte wie gewohnt fortführen werde. Doch ungeachtet dessen war der Druck gestiegen, in der Konzernführung für klare Verhältnisse zu sorgen.

In drei Wochen ist die Bilanzpressekonferenz des Unternehmens angesetzt. Regulär läuft der Vertrag des 64-Jährigen erst Ende des Jahres aus. Als aussichtsreicher Kandidat für die Nachfolge wird Logistikvorstand Frank Appel gehandelt. Appel gehört seit einigen Jahren dem Post-Vorstand an und galt seit geraumer Zeit als potenzieller Nachfolger von Zumwinkel.

Gleich nach Bekanntgabe des Rücktritts zog der Kurs der Postaktie deutlich an, während der Deutsche Aktienindex abermals nachgab. Schon am Donnerstag hatte sich der Kurs gut entwickelt, wobei Börsianer eher auf das Interesse der Commerzbank an der Postbank schauten. Der Fall Zumwinkel sei "eine private Geschichte, die wenig mit dem Unternehmen zu tun hat", hieß es.

Bundeskanzlerin Angela Merkel kritisierte dagegen den Umgang Zumwinkels mit den Vorwürfen. Merkel habe sich gewünscht, dass der Post-Chef sich öffentlich äußere, sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Es sei für die Post-Mitarbeiter, aber auch für viele Bürger von Interesse, wie er dazu Stellung nehme. Die Kanzlerin sei der Auffassung, dass Einzelfälle wie dieser "Vertrauen kosten".

Harte Worte fand Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD). "Ein Mann dieser Güteklasse muss wissen, was eine eingestandene Steuerhinterziehung in der Wahrnehmung der Bürger bedeutet", sagte Steinbrück ZEIT online .

Der Fall sei ein Beispiel dafür, dass die größte Gefahr für die soziale Marktwirtschaft gegenwärtig von den Exzessen und Übertreibungen der Protagonisten selbst ausgehe. "Es sind die Eliten, die das System zum Einsturz bringen", sagte Steinbrück. Ein solches Verhalten berühre die Legitimationsgrundlagen des deutschen Wirtschaftssystems. Die Regeln von angemessenem Verhalten im wirtschaftlichen Zusammenleben würden oft nicht gelebt.

Die Bundesregierung rechnet nun damit, dass sich Zumwinkel ebenfalls als Chefkontrolleur der Deutschen Telekom zurückziehen wird. Der Bund ist im Aufsichtsrat der Telekom vertreten und hält Anteile an dem ehemaligen Staatskonzern.

Eine Million Euro am Fiskus vorbei

Bei einer Razzia waren am Donnerstagmorgen das Privathaus Zumwinkels in Köln und dessen Büro in der Konzernzentrale durchsucht worden. Anschließend war der Manager in einem zivilen Polizeiwagen zur Vernehmung zur Staatsanwaltschaft Bochum gebracht worden. Gegen eine Kaution wurde ein Haftbefehl gegen ihn außer Kraft gesetzt. Zumwinkel sei wieder zu Hause, hieß es später in einer Erklärung der Post.

Zumwinkel soll zehn Millionen Euro am Fiskus vorbei nach Liechtenstein gebracht haben. Weil er die Kapitalerträge daraus nicht versteuert habe, soll er dadurch rund einer Million Euro an Steuern hinterzogen haben.

 
Leser-Kommentare
  1. und mein Mitgefühl mit ihnen hält sich in Grenzen.
    Neben den Zumwinkels, Schremps, Essers sollten wir auch die Politiker nicht vergessen, die nun laut in die Mikrophone plappern und in die Notizblöcke diktieren, dabei zur Vorsicht bei Wählerwanderungen von Protestwählern an die politischen Ränder warnen. Sie fangen - als seien sie so programmiert, an zu quatschen sobald sie ein eingeschaltetes Mikrophon sehen und merken erst später, das Gehirn war noch nicht eingeschaltet. Auch das treibt den einen oder anderen zu den Protestwählern. Wie sollen sie auch anders ihren Unmut zeigen?

  2. Der Klassenkampf wird von oben geführt. Diesen Eindruck darf
    man bekommen, wenn man die Äußerungen von Steinbrück, Merkel, Beck und anderen
    Spitzenpolitikern liest und hört: Demnach werden unsere Gesellschaftsordnung
    und die soziale Marktwirtschaft durch die ‚Leistungseliten’ bedroht. Und dies
    ganz ohne ein ‚Kapitalistisches Manifest’. Ausreichend sind lückenhafte Steuer-,
    Wirtschafts- und Aktiengesetze, sowie ein gehöriges Maß an krimineller Energie,
    mit denen über die vorhandenen Gesetzeslücken hinaus, der Staat und damit die
    Allgemeinheit geschädigt werden. Die Appelle an die gesellschaftliche Verantwortung der
    Manager, klingen wie pure Verzweiflung; wir hörten sie schon, als es um ihre
    Millionenbezüge und Abfindungen ging.  Auch
    der Ruf nach höheren Strafen ist ein typischer Reflex. Diese populistische
    Forderung ändert nichts an den psychologischen Motiven von Steuerhinterziehung:
    der Gier und dem Machtwillen. Mit der Androhung von ein paar Jahren mehr Knast,
    verhindert man auch diese kriminellen Handlungen aus niederen Beweggründen
    nicht. Die Strafen müssten sich gegen das gesamte Eigentum der
    Steuerhinterzieher richten, wenn sie eine abschreckende Wirkung erzielen
    sollen. Aber das die Zumwinkels und CO. auf die staatlich Grundsicherung zurückgestuft
    werden, bleibt wohl nur ein Traum im Schlaf der Gerechten.Sollte es zutreffen, dass Eintausend mehr oder minder hochgestellte
    ‚Leistungseliten’, auch des wirtschaftlichen Mittelstandes, im Fadenkreuz der
    Ermittler stehen, bekäme die Justiz und die Politik ein Problem: Die
    Verurteilung dieser Personen käme einem Enthauptungsschlag der deutschen
    Wirtschaft gleich. Ob wir aus diesem Grund eine weitere, diesmal sachzwangbegründete
    Amnestie für Steuerhinterzieher bekommen werden, oder, ob die Räumlichkeiten
    der demnächst frei werdenden Frankfurter Börse für die Steuerkriminellen zum
    Knast umgebaut werden, bleibt abzuwarten.

  3. Wenn hier irgendetwas kriminell ist, dann sind es 35% Kapitalertragssteuer auf meine Anlagen, die ich mit schon versteuertem Geld bezahle. Im Vergleich, in den USA zahlt man 15% des Gewinns von Aktien, die nach einem Jahr oder laenger verkauft werden. Wie Warren Buffet sagt, gerade der Kleinanleger hat die Moeglichkeit, ueberdurchschnittliche Gewinne im Aktienhandel zu erzielen. Deshalb geht die Empoerung in die falsche Richtung. Wer hier stielt, ist der Staat, der sich nun aufregt, dass sich nicht alle bestehlen lassen. Waeren die Steuern niedriger, wuerde das Geld wohl kaum ins Ausland fliessen. Der Mob poebelt gegen die vermeintlichen Diebe und der Staat spuckt sich in die Haende, Ablenkungsmanoever erfolgreich.
     
    Geringere Steuern wuerden zu mehr Gerechtigkeit fuehren. Es werden nun einmal nicht alle Berufe gleich gut entlohnt, haengt vom Angebot und Nachfrage ab, und auch von Alter und Geschlecht. Das Online Aktienkonto diskriminiert nicht, es schert sich nicht um Dein Alter oder Geschlecht, wer gut anlegt, macht Gewinn. Die Mandarinen nehmen sich soviel sie wollen und kennen auch Deine Sorgen um Altersvorsorge und der Absicherung des Risikos Deines Lebensentwurfs nicht.  Wenn Du in Deiner Freizeit vor dem Rechner sitzt und Anlagemoeglichkeiten recherchierst, denke daran, dass Du 20 Minuten jeder Stunde fuer deren Rente arbeitest.

  4. Da, "das Kapital scheu wie ein Reh ist" und sich daher verschüchtert schnell in andere Länder verzieht, sollte, die gegenwärtige nationale Steuerdebatte um eine globale Steuerdebatte ergänzt werden. Hier liegen mehr Lösungsansätze zur Lösung der Weltprobleme als durch einen "War on Terror":Die weltweiten Staatsschulden betrugen im Jahre 2005
    32 333 Milliarden Dollar
    Die 8,7 Millionen reichsten Menschen in der Welt hatten im Jahre 2005 ein Finanzvermögen von
    33 300 Milliarden DollarVeranschlagt man durchschnittlich nur 5 % Zinsen, so betragen allein die

    Zinseinnahmen
    1 655 Milliarden Dollar   100 Milliarden Dollarzur jährlichen Finanzierung der Millenium-Ziele können weltweit seit dem Jahre 2000 nicht aufgebracht werden. Eine ver-rückte Welt!

    Quelle: Dirk Solte, Weltfinanzsystem am Limit -

    Einblicke in den "Heiligen Gral" der Globalisierung, Ulm 2007, S. 40

    mit Bezug auf den "World Wealth Report":
    http://www.ml.com/media/67216.pdf

  5. Die im Falle Zumwinkel und Co. hinterzogenen Steuergelder sind doch geradezu lächerliche Sümmchen im internationalen Vergleich. Sehen Sie sich den Herrn Chavez in Venezuela an. Der verteilt jährlich Milliardenbeträge zur privaten Nutzung an seine Genossen Castro, Ortega, Moreno, Kirchner. Per Koffer und immer in Tranchen zu einigen Millionen Dollar. Und alles in Dollar, wo der Herr Chaves sich doch im Kriegszustand mit den USA befindet. Und das in einem Land, das der fünftgrößte Erölproduzent der Welt war. Wie die Bertelsmann Stiftung bekanntgab, gehört Venezuela wegen dieser extensiven Verprivatisierung von Staatsvermögen zu den größten Diktaturen der Welt. Zu den großen Verlierern der zu­rückliegenden Jahre gehören dabei unter anderem Polen wegen seiner polarisierenden Regierung Kaczynski oder Venezuela unter Hugo Chávez. Den schlechtesten Entwicklungsstand von Demo­kratie und Marktwirtschaft verzeichnen die Experten der Stiftung dabei neben Nordkorea in der Volksrepublik Kongo, Sudan, Eritrea Myanmar und in Somalia. Ein Staatsanwalt eines demokratischen Landes hätte in Venezuela Tausend Jahre Arbeit.

    • Anonym
    • 21.02.2008 um 19:15 Uhr
    6. #1

    "Sie fangen - als seien sie so programmiert, an zu quatschen sobald sie
    ein eingeschaltetes Mikrophon sehen und merken erst später, das Gehirn
    war noch nicht eingeschaltet."                                                                                                            Dem kann ich im vollen Wortlaut beipflichten, dies gilt noch mehr für eine Kamera, bei der man sich in glanzvolle Positur zu stellen weiß. Augenzeuge, gesehen und erlebt an einem Abend der Landtagswahl in Stuttgart.                                                                                                            isaac ben laurence weismann

    • Anonym
    • 25.02.2008 um 16:44 Uhr

    war schon immer besser, als nackte Tatsachen der Wahrheit.                                                                                                            isaac ben laurence weismann

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