US-Vorwahlen Normalfall Schmutzkampagne?

Die New York Times, die unlängst dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten McCain eine Affäre vorwarf, gerät in Bedrängnis. Tausende Leser reagieren empört. Doch das Blatt findet alles ganz normal

Ein wahrer Proteststurm brach unlängst über die New York Times herein. Tausende Leser regen sich über einen Bericht auf, in dem dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain eine Affäre mit der 40 Jahre jüngeren Vicki Iseman aus Washington nachgesagt wird, einer Lobbyistin der Telekommunikationsindustrie. Während McCain die Vorwürfe bestreitet, sind die Leser aufgebracht ob der Anschuldigung: Einer Flut empörter Beschwerden überschwemmt die Redaktion der New York Times. Fast 2500 Leser schrieben Kommentare auf der Website NYTimes.com, die meisten davon kritisch. Mehr als 4000 Leser wollen wissen, was sich die Times bei dieser Geschichte gedacht habe.

Viele fühlen sich an den Lewinsky-Skandal um Ex-Präsident Bill Clinton erinnert. Damals hatten sich die amerikanischen Zeitungen mit einiger Erregung und Leidenschaft der Geschichte gewidmet. Manche werfen der Times "Taliban-ähnliche" Methoden vor, Niveaulosigkeit und den Einbruch in McCains Privatsphäre. Einige Leser meinen, die McCain-Story sei schlichtweg substanzlos. Doch auch unter denjenigen, die sie durchaus für wahr halten, finden einige, dass eine zehn Jahre alte Affäre als Berichtsgegenstand weit weniger wichtig sei als die Haltung der Kandidaten zur Ökonomie und zum Irakkrieg.

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Am Freitag nun antwortete die Times ihren Lesern, offenbar selbst überrascht über das Ausmaß deren Entrüstung. Chefredakteur Bill Keller rechtfertigte sich: Die Geschichte sei ein wichtiges Detail aus dem Leben des Kandidaten. Und andere als anonyme Quellen habe die Zeitung für so ein sensibles Thema nicht zur Verfügung gehabt. Er stehe hinter der Story, und er sei stolz darauf.

Einige amerikanische Journalisten-Kollegen sind da anderer Meinung. Das Time Magazine hätte den McCain-Artikel nicht gebracht, sagte Rick Stengel, ein Chef vom Dienst des Magazins. Selbst konservative Radiotalker wie Rush Limbaugh, denen McCain sonst zu liberal ist, verteidigten den Senator gegen die Times. Fox-News-Moderator Sean Hannity sprach von "Schande". Laura Ingraham, auch eine konservative Radiofrau, nannte die Verantwortlichen der Times "Piranhas".

Selbst innerhalb der Zeitung war die Geschichte anscheinend schwer umstritten. Entgegen seiner Aussage habe Times-Chefredakteur Keller gefürchtet, dass der Bericht allein durch anonyme Quellen nicht hinreichend belegt sei, heißt es im Magazin New Republic. Dazu kommt, dass die Times in einem Leitartikel die Kandidatur von McCain unterstützt hat, während gleich vier Reporter seit drei Monaten an der Affären-Story arbeiteten, um ihn zu demontieren.

Dass der Artikel schon jetzt erschien, dürfte an Kellers Befürchtung liegen, die Konkurrenz könnte schneller sein. Der Drudge-Report, eine konservative Website, die schon Clintons Affäre mit Monica Lewinsky ausgegraben hatte, berichtete im Dezember, dass McCain bei der Times und bei Keller persönlich vorspreche, um die Geschichte zu verhindern, und deshalb sogar einen Anwalt engagiert habe.

Das lange Hin und Her, so die New Republic, habe in der Redaktion der New York Times zu Zerwürfnissen geführt: So habe der für McCain zuständige Berichterstatter, Marc Santora, das Handtuch geworfen. Und eine der Times-Reporterinnen, die für die McCain-Geschichte recherchiert hatte, Marylin Thompson, habe dem Blatt den Rücken gekehrt und sei zur Washington Post zurückgekehrt.

Für McCain ist das Medienspektakel nicht das erste Mal, dass öffentliche Spekulationen ihm zusetzen. Als der Senator im Jahr 2000 gegen George W. Bush kandidierte, wurden Gerüchte lanciert, er habe ein außereheliches schwarzes Kind. Tatsächlich hatten er und seine Frau ein dunkelhäutiges Kind adoptiert. Hinter der Schmutzkampagne steckte damals angeblich "Bushs Gehirn" Karl Rove. Der hatte dies jedoch immer dementiert. Diesmal dürfte Rove gewiss nicht die anonyme Quelle sein. Medienberichten zufolge vereinnahmt ihn gerade eine andere Schmutzkampagne: Er soll damit befasst sein, dem demokratischen Gouverneur von Alabama, Don Siegelman, eine Affäre anzudichten.

Unerwartete Schützenhilfe erhielt McCain vom linken Komiker Jon Stewart: Die Geschichte in der Times sei "müde und verstaubt", sagte Stewart dem Nachrichtensender CNN. Es tue ihm für die Familie Leid, die McCains seien "liebenswürdige Leute". Der Senator war bereits elf Mal bei Stewarts "Daily Show" zu Gast. Auch andere Late-Night-Komiker mochten nicht auf dem Republikaner herumhacken. McCain werde doch immerhin eine Affäre mit einer jungen hübschen blonden Frau nachgesagt, meinte Dave Letterman. Das sei sehr viel besser als der Fall Larry Craig: Der republikanische Senator aus Idaho war von der Polizei beim Füßeln in der Herrentoilette in einem Flughafen ertappt worden.

Immerhin: Der 71-jährige McCain muss sich nun nicht mehr sorgen, dass die Wähler ihn für zu alt und nicht mehr viril genug halten könnten. Ärgern dürfte sich allerdings der aus dem US-Vorwahlkampf bereits ausgeschiedene Republikaner Mitt Romney: Der Mormone hat das Handtuch für einen Mann geworfen, dessen Kandidatur durch eine mutmaßliche Zweitfrau einen Dämpfer erleiden könnte.

 
Leser-Kommentare
  1. Hmm.... die New York Times. War das nicht die Zeitung die die Interviews veröffentlichte und dabei so rücksichtsvoll war, den Interviewten nicht erst durch Fragen zu belästigen?

  2. ... aber solche Geschichtchen der NYT erregen wohl nur noch ein paar prüde Amerikaner, die abends erst das Licht ausmachen, bevors rund geht. Selbst unsere CSU-Granden erschüttert so etwas noch nicht mal mehr. McCain sollte stolz sein, bei seinem hohen Alter noch eine solche Geschichte zusammen zu bringen. Und wenn er die Wahl verlieren sollte, hat er zumindest ein maskulines Argument, weshalb es nicht klappte. "Zu potent für einen US-Präsidenten", kann nicht jeder von sich behaupten.

  3. Im Normalfall wäre das Privatleben des Politikers irrelevant. Aber da die republikanische stets versuch mit "Familienwerten" Wahlkampf zu machen und sich als Moralapostel zu profilieren (d.h. anti-Homosexualität, anti-Abtreibung und vorallem nur monogame eheliche Beziehungen), ist eine solche Angelegenheit von höchster Relevanz.Genau wie als der republikanische Senator und Anti-Homo Aktivist Larry Craig auf einer Flughafentoilette erwischt wurde wie er einen Mann um Oralsex bat.

    • Anonym
    • 23.02.2008 um 18:18 Uhr

    sind für mich kein Maßstab der Ausgewogenheit, Seriosität und Unvoreingenommenheit.Es gibt bessere und fundiertere Blätter. Als Beispiel: DIE ZEIT.

  4. 5. NYT

    Frau Schweitzer, die NYT ist seit Jahren kein Makler von Informationen mehr. Sulzberger will ein anderes Amerika; er ist ein elitaerer Sozialist. Seine Zeitung ergreift offen Partei fuer eine Ideologie und eine politische Partei. Sie wissen ja selbst wie Journalisten Geruechte und Hoerensagen in ihre Artikel einarbeiten um ihre eigenen ideologischen Vorstellungen als Tatsachen zu verkaufen. Da kommt mir eine Idee: Sie sollten bei der NYT eine Bewerbung ausfuellen. Vielleicht haben die eine Stelle fuer sie. Sie passen dort perfekt in die Redation.

  5. Manchmal misslingt sogar die hässlichste Schmutzkampagne.  Der vielgeplagte McCain litt letzthin an Kritik der konservativen Radiokommentatoren seiner eigenen Partei, die ihn als zu liberal verteufeln wollten.  Aber seit dem gemeinen Artikel der NY Times haben sie sich nun zu seiner Verteidigung um ihn geschart.  Außerdem gründete er einen neuen "Verteidigungsfonds" gegen Angriffe der Presse, der jetzt seine knappe Kasse wieder auffüllt.

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